Der Ort des Verbrechens: das Schloss Friedenstein in Gotha.
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BerlinEs stürmt und regnet, als sich Unbekannte in der Nacht zum 14. Dezember 1979 zum Schloss Friedenstein oberhalb von Gotha schleichen. Am Westflügel des Schlosses klettert einer von ihnen mit Steigeisen einen Blitzableiter an der Außenmauer hinauf. In zehn Meter Höhe durchschlägt er eine Fensterscheibe, steigt in die Räume, in der Gemälde Alter Meister hängen, und nimmt fünf Bilder mitsamt Rahmen von der Wand.

Es handelt sich um Werke von Frans Hals, Jan Brueghel dem Älteren, Anthonis van Dyck, Jan Lievens und Hans Holbein dem Älteren. Vom Fenster aus seilt der Dieb die Gemälde hinab zu seinen Kumpanen, dann verlässt er das Gebäude auf dem gleichen Weg, auf dem er gekommen ist. Nach ein paar Minuten ist der größte Kunstraub der DDR-Geschichte vorbei.

Die Täter von Gotha sind nie gefasst worden. Und auch die Bilder, deren Wert heute auf mehr als 50 Millionen Euro geschätzt wird, blieben jahrzehntelang verschwunden. Doch jetzt sind sie überraschend wiederaufgetaucht und zu einem Fall für das Berliner Landeskriminalamt geworden. Allerdings interessiert die Polizei dabei weniger, wer den Raub damals begangen hat – der Einbruch ist bereits verjährt. In dem jetzt eingeleiteten Ermittlungsverfahren geht es vielmehr um den Vorwurf der Erpressung und der Hehlerei. Es gab bereits mehrere Durchsuchungen bei dem Arzt aus Ostfriesland, der sich im Besitz der Bilder befand, und bei seinem Anwalt.

Das Selbstbildnis mit Sonnenblume nach Anthonis van Dyck (Antwerpen 1598/9- 1641 London)
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Die Gemälde stehen unterdessen im Rathgen-Forschungslabor der Staatlichen Museen Berlin. Dort werden sie genau untersucht, um sicherzugehen, dass es sich bei den Kunstwerken tatsächlich um das Diebesgut aus Gotha handelt. Die Bilder sollen in einem sehr guten Zustand sein, heißt es.

Bei der Übergabe griff die Polizei zu

Wie der Spiegel berichtet, hatte sich im Juni 2018 ein Rechtsanwalt aus Süddeutschland beim Gothaer Oberbürgermeister Knut Kreuch gemeldet. Der Anwalt vertritt häufig Mandanten, die im Besitz von Kunstwerken zweifelhafter Provenienz sind. Da diese auf dem legalen Kunstmarkt nicht zu handeln sind, streben sie meist eine Einigung mit den tatsächlichen Eigentümern der Objekte an. Dabei kann es sich um Raubgut aus der NS-Zeit und den Wirren des Kriegsendes handeln, aber auch um die Beute aus einem Kunstdiebstahl.

Kreuch kannte den süddeutschen Anwalt bereits aus einem anderen Rückgabefall. Diesmal aber hatte der Jurist eine besondere Überraschung dabei. Im Amtszimmer des Gothaer Rathauses legte er dem Bürgermeister Fotos auf den Tisch – darauf waren die Bilder zu sehen, die 1979 aus Schloss Friedenstein gestohlen worden waren. Was Kreuch sofort elektrisierte: Es waren Farbfotos, aus unterschiedlichen Perspektiven aufgenommen. Von den fünf Gemälden existierten bis dato aber nur Schwarz-Weiß-Aufnahmen.

Das Gemälde «Brustbild eines unbekannten Herrn mit Hut und Handschuhen» von Frans Hals (Antwerpen 1582-1666 Haarlem)
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Der Anwalt bot an, dass sein Mandant die Bilder für eine Summe von 5,25 Millionen Euro herausgeben würde. 15 Monate zogen sich die diskreten Verhandlungen hin. Schließlich kam es am 30. September in Berlin zur Übergabe der fünf Gemälde. Vorher hatte sich die Polizei heimlich eingeschaltet, bei der Anlieferung der Bilder stellte sie diese sicher.

Die Täter sind weiterhin unbekannt

Wer den Raub im Dezember 1979 begangen hat und wie die Gemälde nach Ostfriesland gelangten, ist nach wie vor ungeklärt. Der Arzt gab an, sein Vater habe die Bilder von einem Kameraden, den er aus der Kriegsgefangenschaft kannte, als Sicherheit für ein Millionendarlehen erhalten. Irgendwie soll zudem Geld an DDR-Behörden geflossen sein, und auch die Stasi spiele angeblich eine Rolle. Die Ermittler fanden heraus, dass an der Geschichte nicht viel stimmt, zum Beispiel war der Vater des Arztes gar nicht in Kriegsgefangenschaft gewesen. Aber wie lief es dann? Waren die Räuber damals im Auftrag westdeutscher Privatsammler in das Gothaer Schloss eingestiegen? Oder hatte die Stasi einen Einbruch nur vorgetäuscht, um die Bilder heimlich im Westen für harte Devisen zu verkaufen?

Angeblicher Auftraggeber wäre in diesem Fall das von dem Staatssekretär Alexander Schalck-Golodkowski geleitete Devisenimperium Kommerzielle Koordinierung – kurz KoKo – gewesen. Dessen Firma Kunst und Antiquitäten hatte von Anfang der 70er-Jahre bis zum Ende der DDR Kulturgüter aus Museen und Privatsammlungen vornehmlich an westdeutsche Sammler verhökert, für harte D-Mark. Die in Gotha geraubten Gemälde aber waren dem KoKo-Zugriff entzogen. Sie unterlagen dem DDR-Kulturgesetz und damit einem Ausfuhrverbot ins Ausland.

Das Gemälde «Landstraße mit Bauernwagen und Kühen» von Jan Brueghel d.Ä. (Brüssel 1568 -1625 Antwerpen)
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An jenem Dezembertag vor 40 Jahren bekam der Wachschutz in Schloss Friedenstein von dem Raub nichts mit. Auch der Wachhund schlug nicht an, als offenbar um 2 Uhr nachts das Fenster im zweiten Stock eingeschlagen wurde – ein Klimaschreiber im Raum registrierte um diese Uhrzeit einen Temperaturabfall. Als am Morgen gegen 7 Uhr die Museumswächter ihren Rundgang machten, entdeckten sie den Raub. Umgehend rückte ein Großaufgebot der Polizei an. Noch am selben Tag mussten sich alle Mitarbeiter des Museums in der Untersuchungshaftanstalt in Gotha melden, wo sie stundenlang verhört wurden. Alle Alibis erwiesen sich als glaubwürdig.

Die Ermittler betrieben großen Aufwand – ohne Erfolg

Der Gothaer Museumsraub weitete sich zu einem der größten Ermittlungsverfahren in der DDR-Kriminalgeschichte aus. Wochenlang lief eine Großfahndung, die Ermittlungen wurden bis nach Polen und in die CSSR ausgeweitet. Die Stasi eröffnete einen Operativen Vorgang mit der Bezeichnung „Alte Meister“, er wurde erst im Sommer 1985 eingestellt. Doch Täter wie Beute blieben unauffindbar.

Die Spurensuche hatte mehrere Auffälligkeiten ergeben. So war unübersehbar, wie zielgerichtet sich die Räuber durch das Gebäude bewegt und nicht etwa nur die Bilder geraubt hatten, die sie in kurzer Zeit am leichtesten erreichen konnten. Das erste Gemälde zum Beispiel hing noch direkt neben dem Fenster, durch das der Fassadenkletterer eingedrungen war. Die nächsten aber befanden sich in einem anderen Raum. Und die „Heilige Katharina“ von Hans Holbein, ein Hauptwerk der Sammlung, hing sogar in einem dritten Ausstellungsraum. Der Einbrecher wusste genau, was er stehlen wollte.

Das Gemälde «Heilige Katherina» von Hans Holbein um 1509/10 (Augsburg um 1465- 1524/1534 Basel oder Isenheim)
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An dem Fenster, durch das der Dieb eingestiegen war, fanden die Spurensicherer eine Sache merkwürdig: Es war so eingeschlagen, dass es dem Einbrecher unmöglich gewesen wäre, am Blitzableiter hängend den Fensterriegel von außen zu öffnen. Deshalb vermutete die Polizei, dass ein Mitarbeiter oder ein Besucher den Riegel am Tag zuvor bereits geöffnet haben könnte und das Glas beim Einbruch lediglich zerschlagen wurde, um dies zu verdecken.

Es gibt mehrere Ungereimtheiten

Mysteriös war auch, dass der Einbrecher beim Abstieg über den Blitzableiter zwölf der dreizehn von ihm eingeklemmten Steigeisen wieder einsammelte. Hatte er das letzte versehentlich oder mit Absicht vergessen? Und warum belastete er sich überhaupt mit diesen jeweils etwa fünf Kilogramm schweren Eisen, wo er doch schon mit seinen Kumpanen die schweren gerahmten Gemälde zum Fluchtfahrzeug schleppen musste? Die Steigeisen waren, auch bemerkenswert, aus einer bestimmten Stahllegierung gefertigt, wie sie damals nur im Westen verwendet wurde. Eine absichtlich gelegte Spur?

Das Gemälde «Alter Mann» von Jan Lievens (Leiden 1607-1674 Amsterdam)
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Und noch etwas ist seltsam: Die Experten der Spurensicherung fanden vor dem Schlossgebäude nicht ein Krümelchen abgeplatzten Stucks von den Rahmen, obwohl die Gemälde bei Sturm und Regen offenbar aus zehn Meter Höhe abgeseilt worden waren. Nur vom kleinsten der Bilder fand sich später, unübersehbar platziert, eine kleine Holzleiste des Rahmens im nahen Park.

Ungeklärt blieb auch, auf welchem Weg die Bilder weggeschafft wurden. Ein Lkw oder Kleintransporter, der unter dem Fenster an der Schlossmauer stand, schied aus. Das Fahrzeug, mit dem die Bilder weggebracht wurden, musste irgendwo anders gestanden haben. Die Polizei setzte Fährtenhunde ein, die tatsächlich die Witterung von zwei Spuren aufnahmen. Eine davon endete an einer Straße, unweit des Schlachthofs. Dort verkehrten regelmäßig Lkw aus der Bundesrepublik, die das für den Export vorgesehene Fleisch abholten. Noch auf dem Gelände wurden die Laster beladen und vom Zoll verplombt – wurden bei dieser Gelegenheit die gestohlenen Bilder zwischen Schweinehälften auf einem Laster versteckt?

Im Schlachthof-Laster in den Westen?

Ein Beamter ließ sich das sogenannte Exportbuch aushändigen, in dem vermerkt war, welche Lkw in der Tatnacht vom Schlachthof gen Westen gerollt waren. Was mit dem Buch geschah, ist bis heute jedoch ungeklärt – es gilt seit damals als verschollen. Daran erinnerten sich Ermittler, als sie in der Wendezeit 1989 einen überraschenden Fund machten. Nahe den Kasematten von Gotha stießen sie auf ein unterirdisches Geheimlager. Hier hatte die Firma Antikhandel Pirna Bauerntruhen und andere antike Möbel gelagert, die in den Westen verkauft wurden. Die Antikhandel Pirna war die getarnte Aufkauforganisation der KoKo. Nun wurden Zusammenhänge hergestellt: Pflegte KoKo-Chef Schalck-Golodkowski nicht enge Beziehungen nach Bayern, zu Ministerpräsident Franz Josef Strauß? Und waren nicht Strauß und Schalck befreundet mit dem bayerischen Fleischhändler Josef März, dessen Laster regelmäßig Lebendvieh vom Schlachthof in Gotha abholten?

Es ist zweifelhaft, dass es jemals Antworten auf diese Fragen gibt. Viel wichtiger aber ist ohnehin, dass die Kunstwerke wiederaufgetaucht sind. Der Arzt aus Ostfriesland dürfte kaum eine Chance haben, die Bilder wieder zurückzubekommen. Denn das Argument, er habe das Eigentum an ihnen „ersessen“, wie es juristisch heißt, weil er die Werke einst gutgläubig erworben habe, läuft ins Leere: Weil die DDR schon kurz nach dem Raub die international führenden Auktionshäuser alarmiert und per Inserat in westlichen Kunstzeitschriften vor dem Erwerb der geraubten Bilder gewarnt hatte, waren die Gemälde auf dem Markt als Raubgut bekannt. Damit aber scheidet ein späterer gutgläubiger Erwerb aus. Gut möglich also, dass die Gemälde bald wieder in Schloss Friedenstein zu besichtigen sein werden. Als wären sie nie weggewesen.