Berlin - Schulzeit in der DDR, das waren Staatsbürgerkunde mit Marx, Wehrlager und Pioniernachmittage im Schulgarten – geprägt von Ideologie, aber noch viel mehr von Personen: In dieser Serie erinnern sich unsere Feuilleton-Autoren an ihre Lehrer und die Schulzeit in Ost-Berlin.

Wir wohnten in einem Ost-Berliner Arbeiterbezirk, der im 19. Jahrhundert als Spartakistennest verschrien war. Davon haben wir, so alt wir auch sind, persönlich nicht mehr viel mitbekommen. Die Zeitgeschichte ist über das Viertel hinweg gegangen, hat seinen Charakter aber bisher nicht ganz auslöschen können.

Die Umdekoration zum leider nicht mehr bezahlbaren, aber umso lebenswerteren Familiengarten erledigt nun mit erbarmungsloser Geduld die Gentrifizierung. Wir drehen hier die Zeit um bis zu vier Jahrzehnte zurück und stellen fest, dass sich doch einiges verändert hat in der Welt, die uns einst als deprimierend unveränderlich erschien. Wir schauen zurück auf unsere Schulzeit, grob gesagt: auf die Achtziger, von heute aus halbe Strecke bis Kriegsende.

Die Polytechnische Oberschule für die Klassen eins bis zehn, also für Kinder und Halbstarke zwischen sechs und siebzehn Jahren, lag Richtung nordöstliches Rand-Berlin, zwischen einer Nervenklinik, die von Ordensschwestern betrieben wurde, und einem Getreidefeld, das Schätze und Scherben einer im Krieg zerstörten Porzellanfabrik barg, der Versorgung des Krankenhauses und als Versteck für streng miteinander verfeindete Kinderhorden diente. Diese gingen mit Kartoffeln bewaffnet sportlich aufeinander los oder - auch sportlich - probierten das Küssen mit und ohne Zunge nach Stoppuhr aus.

Zweifelhafte Vorbilder

Das Schulgebäude war eines der typischen Neubauten aus den Siebzigern, Schulbaureihe 80 Typ Erfurt. Ein langer, schmaler, dreistöckiger Plattenbau, von dem die gelbe Fassadenfarbe pellkartoffelartig abblätterte. Davor stand ein Ikarus-Denkmal mit der zwar unausgesprochenen, aber wenig subtilen Mahnung: Fliegt nicht zu hoch, ihr kleinen Hosenscheißer!

Vielleicht sollte man das alles nicht so wörtlich und erst recht nicht persönlich nehmen, denn eine benachbarte baugleiche Schule (Stinkerladen!) verfügte über ein nicht unähnliches Kunstwerk, das sich dem großen Streichespieler Till Eulenspiegel widmete. Lauter zweifelhafte Vorbilder also, die die Schüler riskanterweise zum eigenen Denken hätten anregen können.

Ideologie vor und hinter der Schulbank

Wir waren dort zusammen mit einem ganzen Schlag von Kindern aus Familien, die in den nahegelegenen Einfamilienhäusern mit Seeblick oder in den neuen Plattenbausiedlungen wohnten und deren Eltern für das Ministerium des Innern der DDR arbeiteten. Man könnte auch sagen, für die Organe der Staatssicherheit. Im Klassenbuch standen bei diesen Kindern keine Adressen, sondern nur eine Notiz: "MdI".

Wir beide, die sich hier erinnern, kommen aus anderen Haushalten. Wir werden hier abwechselnd Lehrerpersönlichkeiten porträtieren. Und da geht es auch schon los. Diese Lehrer, die seit Jahrzehnten fröhlich durch unsere Gespräche geistern, führen in unserer geteilten Erinnerungen mindestens zwei Nachleben, so dass wir uns entschieden haben, die real existierenden sozialistischen Lehrerpersönlichkeiten in einem eher rücksichtsvollen Akt der Rache (man könnte auch sagen des Dankes) so weit zu fiktionalisieren, dass jegliche Ähnlichkeit mit der vergangenen Wirklichkeit reiner Zufall ist.

Wenn sich dennoch jemand wiedererkennen sollte, sitzt er falschen Assoziationen und ähnlichen Besessenheiten wie die Autoren auf und hat es nicht anders verdient. In der neuen Serie "Unsere Lehrer" erzählen mit Ulrich Seidler und Karoline Klemke zwei ehemalige DDR-Schulkameraden von früher. 

Die Autoren

Ulrich Seidler, geboren 1972, schreibt seit 2000 für die Berliner Zeitung. Seit 2006 ist er Redakteur im Feuilleton und fühlt sich vor allem für die Bühnen dieser Stadt zuständig. Er hat das Theater sowohl in Theorie als auch in der Praxis studiert, bevor er – zufällig und eher aus Versehen – als Kritiker bei der Zeitung landete. Je länger er nun aber dabei ist, desto dringender ist der Verdacht, dass er seinen Traumjob erwischt hat. 

Karoline Klemke, geboren 1973, niedergelassene Psychotherapeutin und Gutachterin, schreibt seit 2013 für die Berliner Zeitung auf Anregung ihres alten Freundes U. Wer denken kann, kann auch schreiben, hatte er gesagt. Denken hat sie in der forensischen Psychiatrie achtzehn Jahre lang geübt. Sie fühlt sich zuständig für menschliche Krisen, psychische Krankheit und Kriminalität.