Berlin - Unser Autor wollte eigentlich zur Avantgarde des Sozialismus gehören, doch die Liebe zu einer Pädagogin inspirierte ihn zu einer anderen Karriere. Und ihre Papiertaschentücher.

Es könnte sein, dass ich das ein wenig beschönige, aber Frau Dohre (Name geändert) sah ein bisschen so aus wie die kirgisische Steppenschönheit Djamila aus dem Roman von Tschingis Aitmatow. Sie unterrichtete Deutsch, übernahm unsere wegen ihrer Arroganz als schwierig geltende Klasse und hatte Schnupfen. Das mit der Arroganz war gemein, denn der Vorwurf war lediglich auf uns, ungefähr zehn Prozent der Schülerschaft (in Zahlen: dreieinhalb Nasen), gemünzt und nahm den Klassenverband in Sippenhaft. Das sorgte wiederum bei der Mehrheit für Unmut gegen uns.

Die sozialistische Avantgarde in der Pubertät

Es tat weh, so diskreditiert zu werden. Und es sollte auch wehtun, schließlich galt Arroganz als ein Herrschaftsattribut. Dabei wollten wir, jene dreieinhalb, doch die sozialistische Avantgarde sein! Also die, die mutig voran schritten und nur noch die letzten Irrtümer der Kleinbürger ausräumen mussten, bevor es endlich mit der echten Utopie losgehen konnte. Wir waren doch die, die durch ihre moralische Unanfechtbarkeit, durch ihr frisch angelesenes Wissen und ihre Charakterreife der Gesellschaft ein leuchtendes Beispiel geben würden! Hm. Arroganz - das traf es schon ziemlich gut. Vielleicht würde auch Größenwahn passen? Umso rätselhafter erschien uns schon damals, dass Frau Dohre, als sie unseren Schaden festgestellt haben musste, uns genau für diesen mochte.

Die Welt ansehen und darüber schreiben

Uns? Ich glaubte, dass Frau Dohre mich mehr als alle anderen mochte. Und weil sie mich immer mal für meine Fantasie lobte, schmückte ich eben auch dieses Hirngespinst aus. Sie staunte über mein abseitiges, oft schnell ausgedachtes Wissen. Es gab kein Fachgebiet, auf dem ich für Frau Dohre nicht über Nacht zum Experten werden konnte. Und Frau Dohre ließ sich von mir zum Lachen bringen. Im Gegenzug beschenkte sie mich mit Ungeheuerlichkeiten: Ich sollte mir die Welt ansehen, wenn möglich, wer weiß, die ganze, und darüber schreiben. Und sie sagte, dass ich, da ich nun mal kein Schriftsteller, sondern Arzt werden wolle, dies auch mit nur anderthalb Armee-Jahren schaffen könne - wenn mein Willen denn echt wäre. War er es? Nein! Aber das kam alles später.

Die sensationellen Papiertaschentücher

An ihrem ersten Tag hatte Frau Dohre ja Schnupfen. Und sie hatte Papiertaschentücher. Um das Sensationelle dieses Satzes in den DDR-Achtzigern zu markieren, sei er wiederholt: Sie hatte Papiertaschentücher. Sie schnäuzte sich in das Blütenweiß, faltete es zusammen und ließ es nach einmaliger Benutzung in den Mülleimer fallen. Alle zehn Minuten ging das so: 1. Mäuseknistergeräusche von der Taschentücherpackung, 2. Elefantenbabyschnäuztöne, 3. Stilles friedliches Niederschweben. Bevor sie 4. tapfer lächelnd wieder aufschaute und irgendetwas referierte, dem zu folgen ich unfähig war. So viel Sauberkeit und Wärme und Güte und Silber im Blick - letzteres war es wohl, was mich zuerst entflammte.

Vaterschaft im Geiste

Ich, Opfer der eigenen Beschönigung, liebte sie aus tiefstem Herzen - so wie der kleine Schwager Djamila liebte. Auch den wenig später eintretenden Umstand, dass Frau Dohre rund und runder wurde, bald mit einem Kind niederkommen und uns schon wieder verlassen würde, begrüßte ich und flocht ihn in meine Fantasien ein. Ich würde mich rührend um das Kleine kümmern. Aber leider war das - wegen des beleidigend erwachsenen und dabei hassenswert freundlichen Herrn Dohre und allgemein wegen der Realität - nicht nötig.