Berlin - Sächsischer Dialekt und allmächtiger Marxismus: In den Augen der „Stabü“-Lehrerin brachte die Konsumkultur des Westens die Mauer zum Einsturz. Der erste Teil unserer Serie über DDR-Lehrer.

Frau Rogge war eine kleine Person. Ihr Kopf war rund, ihr Bauch war rund, ihre Augen waren rund, und selbst ihre aschblonden Haare waren in kurze runde Locken gedreht. Nur ihr Mund war ein schmaler breiter Strich. Die kurzen, dicken Beine steckten in ausgewaschenen Jeans, die hoch in der Taille saßen und dazu trug sie geblümte Blusen, geschoppt sagte man damals.

Wahr ist, was Marx ist

Sie hatte es sich zu ihrer Aufgabe gemacht, uns zu allseits entwickelten sozialistischen Persönlichkeiten zu formen, vermutlich nach ihrem eigenen Vorbild, und sie sächselte dabei stark. "Guten Morgen", sagte sie, und los ging's. Die Lehre von Marx ist allmächtig, weil sie wahr ist. Mein Arbeitsplatz, Kampfplatz für den Frieden.

Aggressive imperialistische Kräfte bedrohen die Errungenschaften der sozialistischen Einheitspartei für die Werktätigen. Der Sieg ist unaufhaltsam, der Untergang des Kapitalismus unausweichlich, die Freundschaft zur Sowjetunion unverbrüchlich, der Widerspruch unauflöslich, der Plan dagegen übererfüllt.

Rosa Luxemburg und die Stasi

Ein paar Stunden hörten wir ihr schweigend zu. Dann starteten wir mit der ideologischen Gegenoffensive. Jan meldete sich und, nachdem Frau Rogge ihn eine Weile ignoriert hatte, wahrscheinlich wegen Bedenken in Bezug auf seine sozialistische Reife, nahm sie ihn doch ran. Jan fragte, was man gegen ein Zitat von Rosa Luxemburg haben konnte, zum Beispiel das von der Freiheit, die immer Freiheit des Andersdenkenden sei. Die Stasi hatte eine Demo brutal aufgelöst, bei der das Zitat auf einem Transparent zu sehen war - im Westfernsehen natürlich. Frau Rogge griff nach dem Stuhl, das Fett quoll über den breiten goldenen Ehering. "Das ist völlig aus dem Zusammenhang gerissen", sagte sie schließlich langsam.

Konsum als Propaganda

Am nächsten Tag kam sie uns auf dem Weg zum Russischraum entgegen, kugelförmig wie immer. "Halt!", sagte sie streng, sah mich an. "Sie tragen eine Tüte mit kapitalistischer Propaganda". Es war der Gegenschlag. Mein Sportzeug steckte in einer roten Tüte mit gelber Kaffeekanne. Herrje. Der Mut und die Entschlossenheit, mit der sie den Sozialismus vor mir beschützte, legte ihr eine senkrechte Falte auf die Stirn.

"Bitte entfernen Sie sofort diese Tüte!" - "Aber wo soll ich dann mit meinem Sportzeug hin?" - "Auspacken! Tüte umdrehen! Einpacken!" Ich tat, wie mir geheißen, Jan sagte fröhlich: "Das ist ja gerade nochmal gut gegangen, jetzt müssen wir aber zu Russisch." Und wir rannten grinsend davon.

Ausreisewelle wegen Waschmittel?

Ein paar Jahre später erstellten wir einen Fragenkatalog für die Abschlusszeitung, die später zwar zensiert wurde, aber doch erschien: Wir machten es wie Spiegel-Investigatoren und stellten zum Beispiel eine Frage, die eine bis dato lieber nicht thematisierte Tatsache einfach so unterstellte: "Warum reisen so viele Menschen aus unserem schönen Heimatland aus?" Würde Frau Rogge in die Falle gehen?

Ja. Seit diesem Tag haben wir einen offiziellen schriftlichen Beleg für die tabuisierte Ausreisewelle, ausgefertigt von unserer Stabü-Lehrerin persönlich. Aber so richtig freuen konnten wir uns über unseren Scoop doch nicht, weil uns ihre scharfsinnige Analyse keiner abnehmen würde: "Weil es - dort fünf Sorten Waschmittel gibt." Kurz nach der Wende sah ich sie noch einmal. Sie schob ihren vollbeladenen Einkaufskorb durch die Kaufhalle, die nun ein Supermarkt mit gelber Kanne war. Noch an der Kasse stopfte sie sich traurig zwei Schokoriegel in den Mund.