Berlin - Lauter Drogengeschichten aus der DDR. Und viel Sozialismus mit menschlich, allzumenschlichem Antlitz.

Faustan, Rudotel, Radedorm, Radepur, Kalypnon, Dormutil, Gastrobamat und Papatral. Aponeuron, Exponcit und Sedafamen. Eucopon, Dolcontral und Gelonida... Sage niemand, dass es in der DDR keine Auswahl gab. Das volle Drogenprogramm: Tranquilizer, Stimulanzien und Opiate – mehr oder weniger schwer zu bekommen und nach der Wende sofort verboten. Ohne großen Aufwand ließen sich sogar Kombipräparate von durchschlagender Wirkung mixen, etwa das „Schlafmittel“ Faustan, das einem der Arzt bei Unruhe oder Nervosität sofort verschrieb, mit dem wegen der Farbe des Flaschenetiketts auch Blauer Würger genannten Kristall-Wodka. Der hinreichend billige Fusel bot immerhin 40 Volumenprozente und verstärkte die Wirkung der ihm beigefügten Arznei zuverlässig. Mehr noch, er ging wegen seiner überzeugenden Rauschperformanz sogar in das DDR-Liedgut ein.

Vom Blauen Würger und einem Blindenhund war da zum Beispiel die Rede, ein gewisser Christian Koch dichtete das 1984 folgendermaßen zusammen: „Eine Flasche Blauen Würger, trinken wir im Handumdrehn, und für jeden ganz normalen Bürger, kostet der nur Vierzehn-zehn, eine Flasche Blauen Würger, trinken wir, der macht nicht fett, im Gegenteil, jeder Bürger, sieht dann aus wie’s Etikett (...) Die dritte Flasche Blauen Würger, trinken wir kaum noch im stehn, und jeder ganz normale Bürger, kann dann nicht mehr richtig sehn, die nächsten Flaschen Blauen Würger trinken wir und denken uns nichts bei, denn für jeden ganz normalen Bürger, gibt’s den Blindenhund dann frei.“

Die Drogen-Welle der Techno-Kultur

Fraglos ein Manifest des unbedingten Rauschwillens, der im sozialistischen Menschenbild allerdings nicht vorgesehen war. Walter Ulbricht hatte sich einen Musterstaat „ohne K“ gewünscht, ohne Kneipen und Kirchen. Mit fatalen Konsequenzen: Gleich zu Beginn wurde das Blaue Kreuz verboten, ein evangelischer Verein, „um die Opfer der Trunksucht und des Wirtshauslebens zu retten“; in der Sowjetischen Besatzungszone gab es Opium-Büros, die zwar nach nationalsozialistischem Vorbild eine rigide Kontrollpolitik verfolgten, doch bis auf die Berliner Zentrale alsbald aufgelöst wurden. Stattdessen versuchte die Partei mit Klubgaststätten, die „Trunkgebundenen“ in Schach zu halten.

Doch boten finstere Spelunken die Kleinen Klaren auch weiterhin im Metermaß an, floss auf Brigadefeiern das Bier immer noch in Strömen und lief des Morgens allerorten die Produktion mit Hochprozentigem warm. Erst ab 1965 sollte sich etwas ändern. Man ging allmählich dazu über, die Alkoholabhängigkeit als Krankheit überhaupt anzuerkennen und die Kosten für den Entzug zu übernehmen. 1973 trat endlich das restriktive Suchtmittelgesetz in Kraft. Zu spät, der volkseigene Pegel stieg weiter, was der DDR einen besondern Weltmeistertitel eintrug: 1988 schluckten ihre Bürger 16,1 Liter Spirituosen, dazu 143 Liter Bier und 12,1 Liter Wein im Jahr. Das schaffte auch der Westen nicht.

Von dem übrigens nach der Wende keine Welle harter Drogen – Kokain oder Heroin – gen Osten schwappte. Das sollte sich erst sehr viel später mit der neuen Techno-Kultur ändern. Aber da war das drogenselige Biotop namens DDR schon vergessen: Opa und seine Fliegenpilze und Stechäpfel und Tollkirschen oder, geradezu rührend, vier mal aufgebrühter schwarzer Tee auf Studentenpartys oder die großen Hanfplantagen in der Prignitz oder die von den ahnungslosen Nachbarn wegen ihrer Schönheit bestaunten Hanfpflanzen im Vorgarten. Apropos die Prignitz: Unbedingt erwähnenswert ist auch Stefan Masuck. Der nach einem Unfall beinlose Invalidenrentner schmuggelte in seinem Behinderten-Trabbi und speziell präparierten Krücken aus dem Nordwesten Brandenburgs feinstes Dope direkt nach Kreuzberg – gegen Valuta, versteht sich.