Dieses Buch erscheint spät, 55 Jahre nach seiner Entstehung. Es kommt zu spät für den Autor Siegfried Pitschmann, der 2002 gestorben ist. Es erreicht seine eigentlichen Leser nicht mehr, die kein Nachwort bräuchten, um seine Bedeutung zu verstehen. Doch wie gut, dass es jetzt da ist, denn es schließt eine Lücke. Es zeigt die literarische Potenz, das Sprachgefühl und das Menschen-Gespür des Autors. Und es zeigt, wie Menschen an der Kulturpolitik in der DDR zerbrechen konnten.

Siegfried Pitschmann schrieb den Roman „Erziehung eines Helden“ Ende der Fünfzigerjahre, als er im Braunkohlenkombinat Schwarze Pumpe arbeitete. Noch bevor die erste Bitterfelder Konferenz die „Entfremdung zwischen Künstler und Volk“ geißelte und die Schriftsteller aufforderte, in die Betriebe zu gehen, zog es Pitschmann dorthin. Sein Held, den er mit ironischem Anflug in den Titel stellt, war einer wie er: dünn und schlaksig, in praktischer Arbeit unerfahren. Der sah sich in seinem bisherigen Leben gescheitert; statt in großen Konzertsälen als Pianist zu brillieren, spielte er in Cafés und seine Freundin hatte sich von ihm getrennt. Die Entscheidung für Schwarze Pumpe war eine Zäsur. Nach erstem Fremdeln macht er dort viele positive Erfahrungen. Recht eigentlich ist „Erziehung eines Helden“ ein Bildungsroman ganz im sozialistischen Sinne.

Pitschmann betrachtet seine Figur von verschiedenen Seiten. Er sitzt mit ihm im Zug nach Schwarze Pumpe und folgt seinem suchenden Blick. Er lässt den Arzt auf die Finger des Pianisten schauen, die dünnen Arme, mit denen er im Bau anpacken will. Dann platziert er ihn erst abseits, bald inmitten des Geschehens auf der Baustelle, wo nur geredet wird, wenn Abläufe stocken, geschimpft wird, wenn Material fehlt oder Werkzeuge kaputt sind. Die Figuren erscheinen lebensecht mit ihrem eigenen Sprachduktus. Arbeiter fühlen sich von der „bleichhäutigen, blutarmen Büroseele“ missverstanden, weil sie nichts mehr wollen, als die Anlagen in Gang zu bringen – mit Ehrgeiz, mit Tempo. Der Held überlegt: „Wir sind sicher noch ’n ganzes Stück davon entfernt, Sozialisten zu sein, oder jedenfalls sind wir davon entfernt, was rosig an manchen Schreibtischen als Bewusstsein zurechtgedichtet wird. Aber, zum Teufel, wir bauen den Sozialismus auf, wir können gar nicht anders…“

Das hat Kraft, ist deutlich. Doch Pitschmann, der mit seinen Fähigkeiten als Autor hadert, gibt das Manuskript nicht nur an den Lektor im Aufbau Verlag, sondern auch an den Schriftstellerverband der DDR, der Unterstützung verspricht. Damit gerät es in die Fänge der Ideologen. Erwin Strittmatter, frisch zum Vorsitzenden gekürt, hatte den Kampf gegen die „harte Schreibweise“ eröffnet, gegen Kollegen, die im Stile amerikanischer Autoren wie Hemingway oder Norman Mailer schrieben. In der Berliner Zeitung – leider – greift ein Autor mit dem Kürzel -ski am 26. Juni 1959 erkennbar Pitschmann wegen des „harten Stils“ an: „Einer unserer jungen Autoren arbeitet an einem Werk, das den Aufbau der ,Schwarzen Pumpe’ zum Inhalt hat. Die Menschen, die hier arbeiten, werden als ständig betrunken, geldgierig und ohne moralischen Halt geschildert. Aber mit solchen Arbeitern könnten wir nie den Sozialismus aufbauen.“

Bei einer Aussprache im Schriftstellerverband wird das Manuskript als „nicht sozialistisch“ verrissen. Jahrzehnte später gibt der Autor zu Protokoll: „Es war ein entsetzliches Abschlachten, ein Strafgericht.“ Er sah den Boden unter seinen Füßen schwinden.

„Wenn ich Dir doch nur ein Jota Ermutigung geben könnte, ein Jota Glauben an Dich selbst, an Deine Zukunft!“, schrieb Brigitte Reimann am 8. August 1959 an Siegfried Pitschmann, mit dem sie damals ein halbes Jahr verheiratet war. Er lag nach einem Selbstmordversuch im Krankenhaus. Reimanns Namen kennt man heute noch zumindest im Osten, ihr Roman „Franziska Linkerhand“ hat die Lesebiografie vieler in der DDR Geborener geprägt. Den Briefwechsel des Paars hat Kristina Stella 2013 herausgegeben. Durch die Arbeit an diesem Buch beschäftigte sie sich mit dem gesamten Nachlass Pitschmanns und stieß auf das unveröffentlichte Romanmanuskript, setzte sich für den Druck ein, schrieb das aufklärende Nachwort.

Siegfried Pitschmann hat sich von dem Einschnitt nie wirklich erholt. Zwar erkannte Strittmatter selbst, wie Annette Leo in ihrer Biographie schreibt, dass er in seiner Verurteilung zu weit gegangen war und suchte Brigitte Reimann auf, die ihm natürlich auch als junge, intelligente Frau gefiel. Er steckte ihr Geld zu und half dem Paar bei der Wohnungssuche. Doch Pitschmann musste fortan gegen einen Makel anschreiben. Er veröffentlichte in Abständen von vielen Jahren nachdenkliche, sorgfältig gearbeitete Erzählungen. Ein bekannter, anerkannter Schriftsteller wurde er nicht.