Am 4. Dezember 1942 gebar eine junge sowjetische Sanitäterin im Schützengraben an der ukrainischen Front ihre Tochter. Wie durch ein Wunder überlebten Mutter und Kind. Genau 70 Jahre später kehrt das Kind von damals an den Ort seiner Geburt zurück: Es ist die Dokumentarfilmerin Tamara Trampe, die mit „Meine Mutter, ein Krieg und ich“ nun ihren bislang besten und persönlichsten Film gedreht hat. Es entbehrt nicht einer gewissen metaphysischen Ebene, dass die Regisseurin ihre Reise genau zu ihrem Geburtstag stattfinden lässt. Doch ihr Film ist frei von schicksalsträchtigem Geraune, als dokumentarisches Roadmovie hält er sich ans Faktische; die Lebendigkeit speist sich aus der Überschneidung von Landschaften, Ereignissen und Lebenslinien. Trampe greift die verborgenen Spuren ihrer Biografie auf, schließt sie mit denen anderer Menschen kurz. Die Geschichte geht weiter.

Dabei machen Trampe und ihr Co-Regisseur und Kameramann Johann Feindt auch immer den Prozess des Filmens sichtbar. Die Unsicherheit darüber, was eigentlich bei dieser Expedition geschehen könnte, wird bisweilen direkt in die Kamera kommentiert. Tamara Trampe sucht ihren Onkel Wanja auf, den letzten noch lebenden Bruder der Mutter. Der greise Mann taucht aus dem Dämmer seiner Einsamkeit auf, rasiert sich und weiß vor Aufregung nicht mehr, wo der Tee zu finden ist. Eine mögliche Kameradin der Mutter legt noch einmal all ihre Orden und Ehrenzeichen an, verneint die Frage nach der Liebe im Krieg und winkt dem sich entfernenden Kamerateam noch lange hinterher. Man spürt: Es geht diesen Leuten nicht gut. Und es ist klar, dass es sich um letzte Begegnungen handelt.

Lesen oder hören Sie doch weiter.

Erhalten Sie unbegrenzten Zugang zu allen B+ Artikeln der Berliner Zeitung inkl. Audio.

1 Monat kostenlos.

Danach 9,99 € im Monatsabo.

Jederzeit im Testzeitraum kündbar.

1 Monat kostenlos testen

Sie haben bereits ein Abo? Melden Sie sich an.

Doch lieber Print? Hier geht’s zum Abo Shop.