Große Teile der Gemeinde, das Berliner Landesdenkmalamt, der Landesdenkmalrat, die Vereinigung der deutschen Landesdenkmalpfleger, Kirchen- und Architekturhistoriker sowie viele Theologen sind sich eigentlich einig: Die St.-Hedwigs-Kathedrale ist ein herausragendes, schützenswertes Denkmal der Nachkriegszeit. Sie steht mit ihrer dekorativen Eleganz der 1950er-Jahre für die künstlerischen und theologischen Bemühungen, aus der umfassenden Katastrophe der Nazizeit eine Lehre zu ziehen und greift in vielem den Liturgiereformen voraus, die dann erst Ende der 1960er-Jahre mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil internationale Kirchennorm werden sollten.

Ein Meisterwerk des Vor-Konzils

Vor allem der von dem Düsseldorfer Architekten Hans Schwippert seit 1955 entworfene Innenraum gilt als Meilenstein. Entwickelt wurde er in Zusammenarbeit mit dem legendären, seit 1958 von der SED mit Einreiseverbot in die DDR belegten Berliner Bischof Julius Kardinal Döpfner. Es ging dabei auch um eine gesamtnationale Botschaft der Kirche: Der aus der Bauhaustradition stammende Architekt des Bonner Bundeshauses enwirft die Kathedrale in der Hauptstadt der DDR. Die den Raum prägende weite Bodenöffnung verbindet in ihr ebenso wie der gewaltige, durch beide Geschosse reichende Altarblock die Märtyrerkapellen im Sockelgeschoss mit der Gemeindekirche. Die Wiedergeburt der Kirche aus der Erinnerung an die Glaubensopfer in der Nazizeit sollte sich so zeigen. Der freie Blick auf den Altar ist garantiert, nur einige Stufen stehen zwischen den Priestern und dem Kirchenvolk. Ein Raum, der über Generationen den Ansprüchen des reformierten Katholizismus genügte.

Und doch soll er für mehr als 40 Millionen Euro radikal umgebaut werden – eventuell sogar mit Denkmalpflegegeldern des Bundes. Das sehen jedenfalls die vielfach kritisierten Pläne des Bistums vor. Am Dienstag lädt der neue Erzbischof Heiner Koch zu einer nicht öffentlichen Debatte dazu ein, auch die Presse ist unerwünscht. Erzbischof, Domkapitel, Gemeinde und Fachleute sollen sich aussprechen können.

Doch weiter zählt das Wort der Gemeinde nur beratend, genauso das der Denkmalpfleger. Vor allem hierin und im Ausschluss der Öffentlichkeit zeigt sich, dass die Berliner Kirchenhierarchie immer noch glaubt – ihre Staatsferne zu Nazi- und DDR-Zeiten schimmert hier durch –, dass die Gestaltung der Hedwigs-Kathedrale eine rein innerkirchliche Angelegenheit sei. Aber schon der erste, seit 1747 errichtete Bau war mehr ein politisches denn ein kirchliches Projekt: König Friedrich II. wollte seinen katholischen Untertanen im neu erworbenen Schlesien beweisen, dass er ihre Konfession respektieren werde. Deswegen wählte er die Rundform des römischen Pantheons als Vorbild für die Kirche, jenes Tempels, der in der Antike „allen Göttern“ geweiht war.

Dass runde Räume für das auf den Altar gerichtete Kirchenritual eher unpraktisch sind, wurde dadurch ausgeglichen, dass er an die Wand gerückt stand und die Gemeinde im Halbkreis davor saß. Auch der Umbau durch Clemens Holzmeister 1930 und die Gestaltung von Schwippert nahmen auf diese grundsätzliche Gerichtetheit des Gottesdienstes Rücksicht. Der im Sommer 2014 in einem Wettbewerb gekürte Entwurf des Büros Sichau & Walter aus Fulda will den Altar dagegen ins Zentrum der Kirche rücken, die Gemeinde im weiten Kreis um ihn herumsetzen.

Der Entwurf macht zwar das von den Klerikern innig gewünschte Umwandeln des Altars möglich, zerstört aber die Komposition von Märtyrerkirche und Gemeindekirche. Ein runder Altar erlaubt keine wirkliche Ausrichtung der Priester – ist zudem, man gehe ins Pergamonmuseum, eine urheidnische Form und gerade nicht der „Tisch des Herrn“. Selbst ganz pragmatische Fragen stellen sich immer noch: Wo steht der Chor akustisch gut, werden Gottesdienste endgültig von technischer Hilfe abhängig sein, um dem Widerhall unter dem Kuppelzenit aufzuheben?

Die neue Botschaft fehlt

Zweifellos ist der 1963 eingeweihte Raum von Schwippert und Döpfner eine erhebliche Herausforderung: Die Gemeindemitglieder sitzen derzeit wegen des Einschnitts im Boden in zwei Hälften getrennt voneinander; der Chor muss über die weite Öffnung im Boden regelrecht hinwegsingen.

Doch das Umbauprojekt, dem auch so manches dekorative Detail der 50er-Jahre zum Opfer fallen soll, soll etwas einzigartiges zerstören. Schwippert und Döpfner schufen eine auf die aktive Reue der Nation ausgerichtete Reformbotschaft. Die neue Idee an ihrer Stelle soll nun sein, dass der runde, geschlossene Raum das „Prinzip der Unendlichkeit“ wiedergebe. Das ist banal und fast schon häretisch, zeichnet sich doch das Christentum gerade durch die Idee der Endlichkeit allen menschlichen Seins aus.