Mit einer Äußerung zum Vaterunser-Gebet hat Papst Franziskus für Diskussionen gesorgt. Die letzte Bitte − „führe uns nicht in Versuchung“ − sei „keine gute Übersetzung“, sagte Franziskus in einem Interview des italienischen Senders TV2000, das kürzlich ausgestrahlt wurde. Nicht Gott, sondern der Satan führe in Versuchung. Die französischen Bischöfe, so der Papst im Interview, hätten angewiesen, die Stelle in „Lass uns nicht in Versuchung geraten“ zu ändern. Ist das besser? Ein grammatikalischer Trick? Theologische Haarspalterei? Die Übersetzung stammt von Luther, aber was sagt ein Übersetzer der aktuellen Bibel-Fassung dazu?

Professor Söding, Sie sind mitverantwortlich für die aktuelle Übersetzung der Bibel ins Deutsche. Jetzt kommt der Griechisch-Lehrer aus Rom und sagt zu der Vaterunser-Bitte, „und führe uns nicht in Versuchung“, das sei „schlecht übersetzt“. Hat Papst Franziskus damit Recht?

Der Papst will nicht den Oberzensor geben, sondern zwischen einer philologisch richtigen Übersetzung der Bibel und der Sprache von Gebet oder Liturgie unterscheiden. Das ist nicht prinzipiell unmöglich. Aber in diesem Fall bin ich dagegen. Seit Martin Luther ist die deutsche Übersetzung des Vaterunsers ein und dieselbe. Sie ist präzise, und sie ist tief. Falsch ist nur die Behauptung, die Übersetzung sei falsch.

Die Kritik des Papstes unterstellt, dass Jesus etwas anderes gesagt hat. Das wäre immerhin möglich, schließlich hat Jesus selber gar nicht Griechisch gesprochen. Lässt sich feststellen, was er auf Aramäisch gesagt haben könnte?

Versuche solcher Rückübersetzungen waren in den 1970er Jahren beliebt, sind aber untauglich. Uns ist als einzige verbindliche Quelle der griechische Text der Bibel zugänglich. Viele überlieferte Jesusworte darin sind so alt, wie sie nur alt sein können: Sie gehen zurück auf den Umkreis der ersten Jünger. Man kann nicht hergehen und aus einer angeblich falschen Übersetzung das richtige Original rekonstruieren wollen. Das ist methodisch absurd.

Und zeigt doch vielleicht, dass es weniger um die Übersetzung des Textes an sich geht, sondern um das Gottesbild, das er transportiert.

Am liebsten würden viele die Bibel umschreiben, wenn ihnen der Wortlaut unangenehm ist. Solche Stellen gibt es zur Genüge. Aber da muss ich leider Spielverderber sein und sagen: Alles gut gemeint, nur steht es nicht so im Text. Es ist eben ein Unterschied, im Wortlaut so zu beten, „wie der Herr uns zu beten gelehrt hat“, oder ein überliefertes Wort zu interpretieren.

Ist es so falsch, zu sagen, dass ein guter Vater seine Kinder nicht absichtlich in Gefahr bringen würde und es unnötig ist, ihn darum zu bitten?

Der Katechismus der Katholischen Kirche erklärt die besagte Vaterunser-Bitte ziemlich genau im Sinn der neuen französischen Version, die Franziskus offensichtlich besser findet: Es gehe darum, dass Gott den Menschen „vor der Versuchung bewahren“ möge. Das zeigt: Der Papst ist nicht in einem Interview einen einsamen, abseitigen Gedanken losgeworden. Er bringt zum Ausdruck, was auch mir in meiner Arbeit als Theologe oft begegnet: Viele Menschen kommen mit der Vorstellung eines „Versucher-Gottes“ nicht zurecht und suchen nach Möglichkeiten, daran vorbeizukommen: „Führe uns in der Versuchung…“, „führe uns an der Versuchung vorbei…“.

Das sind bedenkenswerte Varianten. Noch einmal: Was ist daran falsch?

Daran ist gar nichts falsch. Aber das Beten wird dann flacher als in der biblischen Spiritualität. Anstößige Teile des Gottesbildes werden abgeschliffen, bestimmte Facetten ausgeblendet: der dunkle Gott; der Gott, der den Menschen herausfordert, ihm etwas abverlangt. Gott ist der Retter, ja! Das ist die vollkommen richtige Intuition des Papstes. Aber Gottes Art, zu retten, verlangt auch dem Geretteten maximal etwas ab: Die Prüfung des Menschen durch Gott – nehmen Sie Abraham oder Hiob im gleichnamigen Buch des Alten Testaments – ist ganz, ganz tief drin in der DNA der Bibel. Es sind die schwarzen Löcher, die sich in jeder Glaubensbiografie auftun. Und dass wir Menschen „durch den Tod zur Auferstehung gelangen“, darin liegt die Tiefe des christlichen Gottesbildes.

Und wenn der Versucher nicht Gott ist, sondern der Teufel, wie der Papst betont?

Das ist auch keine befriedigende Antwort auf die Frage nach der Verantwortlichkeit Gottes. In der Bibel selbst gibt es dafür einen klassischen Beleg. Es heißt da: Der Geist Gottes trieb Jesus in die Wüste, damit er dort von Satan in Versuchung geführt würde. Da haben Sie es: Nichts geschieht ohne das Zutun Gottes. Und auch der Papst muss erklären, wo Gott ist, wenn der Teufel sein Unwesen treibt. Gott und den Teufel gewissermaßen als Gegenspieler darzustellen, ist durchaus gefährlich. Es kann in einen ganz und gar unchristlichen Dualismus führen, in dem Gott und Teufel – Gut und Böse – in eine Art Konkurrenzkampf unter Gleichen treten. Wohlgemerkt: Ich unterstelle das Franziskus nicht. Aber es muss klargestellt werden, am besten von ihm selbst.

Notorische Kritiker des Papstes sagen, jetzt bastelt er auch noch an der Bibel herum!

Das ist doch der springende Punkt: Einige Gegner des Papstes, denen die ganze Richtung nicht passt, glauben, wieder einen Punkt gefunden zu haben, wo sie ihm am Zeug flicken können. Man muss aber unterscheiden. Wenn ich hier Widerspruch anmelde, dann nicht, weil ich seinen Einsatz für die wiederverheirateten Geschiedenen oder die konfessionsverbindenden Ehen für falsch hielte. Ich bin nur an allen Stellen auf der Seite der Bibel. Weil sie Gottes- und Nächstenliebe am besten zusammenbringt.

Wie sollen Christen denn nun künftig das Vaterunser beten?

Sie sollen beten, was sie immer gebetet haben: „Und führe uns nicht in Versuchung.“ Unser menschliches Beten will Gott doch nicht zu etwas bewegen, was er von sich aus nicht vorhätte. Das wäre infantil. Wir bitten Gott vielmehr, wovon wir im Glauben überzeugt sein sollten: „Prüfe uns nicht über unsere Kräfte hinaus! Mute uns nichts zu, was über unsere Kräfte geht!“ Das ist gemeint – und der Papst will zu der Gewissheit im Glauben ermutigen, dass es so ist.