Das Berliner Schwule Museum wurde 1985 gegründet und wuchs zum weltweit bedeutendsten Archiv seiner Art mit inzwischen mehr als 1,5 Millionen Objekten. 2011 beschlossen die Mitglieder und der Vorstand des Museums, dass es ein umfassenderes „queeres“ Museum der Geschlechtsidentitäten werden solle.

Seitdem gab es immer wieder Streit um diese Entscheidung, am 19. Juli 2019 publizierte Elmar Kraushaar in der Berliner Zeitung einen Beitrag, der inzwischen kontrovers debattiert wird. Birgit Bosold, Mitglied des Vorstands, und Peter Rehberg, der Leiter des Archivs, gehen auf die Argumente ein.

Wozu braucht es ein eigenes Museum für die Erforschung von sexuellen Identitäten?

Bosold: Das Museum ist in den 1980er-Jahren entstanden, weil sich keines der vielen anderen Museen in Deutschland oder in Berlin dafür interessierte, LGBTQI+Themen irgendwie in ihren Ausstellungen zu berücksichtigen, überhaupt die Relevanz von Geschlecht und Sexualität für die Geschichte klarzumachen. Da wurde nicht einmal die wichtigste Bürgerrechtsbewegung des 20. Jahrhunderts in Deutschland, die Frauenbewegung zum Thema.

Rehberg: Es geht aber auch um das Selbstverständnis innerhalb der Communities, um Selbstbewusstsein, Erbe und Geschichte. Hier darf jeder rein, wir machen kein Museum, das sagt: Für Heterosexuelle nicht geeignet. Lesbisch, schwul oder trans zu sein, heißt für mich, die eigene Erfahrung mit Geschlecht und Sexualität als Ausgangspunkt für einen weiteren Blick zu nehmen, der auch eine soziale und politische Ebene hat. Und das betrifft Heterosexuelle auch.

Soll ein Museum so politisch sein?

Bosold: Jedes Museum verortet sich politisch. Auch wenn ein Museum nur die lang etablierte, von weißen Männern West- und Südeuropas geprägte westliche Kunstgeschichte zeigt – dann ist das eminent politisch, und von einer ganz bestimmten identitätspolitischen Perspektive geprägt.

Rehberg: Wir haben sicher ein grundsätzlich politisches Selbstverständnis – aber wir sind trotzdem parteipolitisch nicht festgelegt.

Der Begriff „queer“ ist zutiefst verbunden mit linken sozialen Bewegungen − finden sich da auch politisch konservative Schwule, Lesben etc. wieder? Konnten oder würden Sie eine Ausstellung über Homophobie unter Migranten machen?

Rehberg: Das ist in dieser Verkürzung so nicht einfach mit Ja oder Nein zu beantworten. Man muss dann fragen, wer ist warum homophob, und man darf auch die Frage nach Rassismus nicht ausklammern. Natürlich hat jede attackierte Gruppe das Recht, Gewalt eindeutig zu benennen. Aber das ist etwas anderes als solche Attacken hochzurechnen, und zu behaupten, das sei nur das Thema von nichteuropäischen muslimischen Identitäten, die sich auch nie ändern können, wie es wohl die AfD behaupten würde.

Bosold: Im Luther-Jahr wollten wir eine Ausstellung zu Religion, Geschlecht und Sexualität machen, auch zum Emanzipationspotenzial von Glauben − aber da haben wir das Geld nicht zusammenbekommen. Unser Standardetat von 500.000 Euro reicht eben nur für den Betrieb, alle Projekte müssen deshalb extra beantragt und finanziert werden.

Die ganze Stadt ist in Regenbogenfarben gehüllt, morgen werden wieder Hunderttausende feiern. Sind LGBTQI+-Gemeinschaften am Emanzipationsziel angekommen?

Rehberg: Klar ist jede Regenbogenfahne erst mal großartig. Gleichzeitig ist da ja gar nichts Anstößiges oder Gefährliches mehr dabei. Es entsteht mit der Regenbogenfahne also mehr Sichtbarkeit, aber auch mehr Unsichtbarkeit, und nicht immer queere Solidarität etwa mit Trans-Menschen, Flüchtenden, HIV-Positiven, Frauen … Wenn selbst Banken die Fahne hissen, dann geht es auch um die neoliberale Vereinnahmung von LGBTQI+-Menschen als Konsumenten, und da geht es auch um Homonormativität.

Was soll das heißen?

Rehberg: Das ist das Angebot an Schwule und Lesben, mit einer gewissen Anpassung die Privilegien der Mehrheitsgesellschaft genießen zu können – zu dem Preis, dass radikalere sexuelle und politische Forderungen auf der Strecke bleiben. Es ist eine Integration von Wenigen zum Preis der Solidarität mit Anderen – und die ist dann oft auch noch mit politischen Interessen verbunden, wenn etwa die Solidarität mit Lesben und Schwulen auf die Fahne geschrieben wird, um Militärfragen oder die Flüchtlingspolitik zu legitimieren.

An welche Länder denken Sie?

Rehberg: In den Niederlanden oder auch in Baden-Württemberg zum Beispiel gab es Integrationstests, bei denen von Migranten eine Toleranz gegenüber Schwulen und Lesben gefordert wurde, die man den eigenen Staatsbürgern nie abverlangt hat – und wenn diese dann im Anblick von Fotos von küssenden Männern oder Frauen nicht sofort geliefert wurde, dann konnte gesagt werden: Die wollen sich ja gar nicht integrieren.

Der Begriff „queer“ steht im Zentrum der Debatte um die Ziele und Aufgaben des Schwulen Museums, die jetzt aufgebrochen ist. Was bedeutet eigentlich „queer“?

Rehberg: „Queer“ ist in meinem Verständnis eine Kategorie, die von den Auseinandersetzungen um die Rolle von Geschlecht und Sexualität in unserer Gesellschaft ihren Ausgangspunkt nimmt, aber sich nicht darauf begrenzt.

Bosold: Deswegen finde ich auch, dass es viel weniger um das Behaupten von Vielfalt geht als um die Frage der Diskriminierung. Welche Gruppen werden weshalb diskriminiert? Wenn Banken ihre Regenbogenbeflaggung mit einer echten Antidiskriminierungsagenda verbinden müssten − und sei es nur Frauen in den Vorstand berufen – dann wäre die Flagge schnell wieder weg.

Wie wirkt sich eine solche Verschiebung der Perspektive auf die Ausstellungspolitik aus?

Bosold: Wir haben 2008 eine erste Lesbenausstellung gemacht, 2015 die Ausstellung „Homosexualitäten“ – immer übrigens mit ausdrücklicher Unterstützung der Gründer. Wir adressieren mit unseren Ausstellungen sehr unterschiedliche Publika: Vor zwei Jahren hatten wir etwa eine Ausstellung über Siegfried Wagner, oder die ganze Serie über die Familie Mann – da kommen ganz andere Menschen als sagen wir zu den Ausstellungen über Computerspiele oder Queer Porn. Wenn man sich aber die Ausstellungsstatistik ansieht, dann waren seit 2008 immer noch etwa die Hälfte der Ausstellungen klassisch schwulen Themen gewidmet, etwa 30 Prozent kann man als „queer“ bezeichnen, und 15 Prozent befassten sich mit klassisch lesbischen Themen. Nur für manchen ist schon das zu viel.

Elmar Kraushaar hat über Jahrzehnte für die Selbstbefreiung von Schwulen, Lesben, Trans-Menschen etc. gefochten. Jetzt wird er als „alter weißer Frauenfeind“ bezeichnet. Da gibt es erhebliche Verletzungen.

Rehberg: Der Artikel in der Siegessäule, auf den Sie sich beziehen, sollte ja auch polemisch sein. Bei solchen Empfindlichkeiten geht es sicher auch um die eigene Geschichte, um die Angst, die mit dem Museum erreichte Monumentalisierung der Helden und Heldinnen der schwulen und lesbischen Geschichte in Deutschland wieder zu verlieren.

Bosold: Man wünscht sich eine Art von Hall of Fame des LGBTQI+.

Was spräche dagegen, erst mal die Hauptlinien der schwulen und lesbischen Geschichte in der selbsterklärten LGBTQI+-Hauptstadt Europas zu zeigen?

Rehberg: Das tun wir doch: bis vor zwei Wochen mit der Ausstellung „Tapetenwechsel“, in der natürlich Ullrichs und Hirschfeld zu sehen waren, jetzt in der Ausstellung „Love at first Fight!“ über die deutschen LGBTQI+-Bewegungen. Aber es ist doch die Frage, wie wir neue Zugänge zu dieser Geschichte erhalten.

Bosold: Wir zeigen auch gerade eine Christopher-Isherwood-Ausstellung. Die Hall of Fame gibt es also durchaus. Nur gehen wir darüber hinaus, zeigen auch, was nicht so im kollektiven Gedächtnis verankert ist.

Rehberg: In dem Streit geht es auch um unterschiedliche Lebenserfahrungen, und wie die sich im Museum abbilden sollen. Wer heute um die 50 ist, musste wenigstens in Hamburg oder Berlin nicht mehr so groß kämpfen – anders sieht das schon aus bei Leuten, die zehn Jahre älter sind. Die wurden auch ganz anders von der Aids-Katastrophe geprägt. Damit hat das Museum ja einmal begonnen: Männer wussten, dass ihre heterosexuellen Erben ihre schwulenhistorisch bedeutenden Nachlässe nicht angemessen schätzen würden. Deswegen haben sie die an unser, an ihr Museum gegeben. Da gibt es also auch eine unglaublich große emotionale Bindung. Das ist unser großes Kapital. Aber wenn wir ein queerer, inklusiver Ort sein wollen, wie es die Mitglieder und der Vorstand beschlossen haben, werden auch neue Fragen an diese Materialien gestellt werden. Und schon das löst bei vielen Leuten offenbar Wut aus. Aber wir sind eben nicht nur ein schwules Heimatmuseum.

Bosold: Und da haben wir eben auch ein strategisches Problem. Wir haben keinen Ankaufetat. Jetzt kommen auch ältere Lesben oder Trans-Menschen zur Frage, wem sie ihr Erbe hinterlassen. An ein im Namen dezidiert „schwules“ Museum? Auch deswegen ist die Namensfrage eben nicht nebensächlich.

Der Artikel von Elmar Kraushaar behauptet, dass auch das Schwule Museum von „Queerfeministinnen“ gekapert worden sei.

Rehberg: Die Debatte um Queer hat ja in Amerika in den frühen Neunzigern begonnen und ist in Deutschland aus vielen Gründen nur halb angekommen. Da gibt es viel Unwissen, wieder auch Verlustängste. Queer wird da eher zu einer Kampfvokabel. Aber „Kulturkampf“ – meine Güte, geht’s noch ...

Bosold: „Queerfeministin“– was ist das eigentlich?

Rehberg: Für Elmar Kraushaar scheint es das zu sein: Eine Form von Queerness, in der Schwule keinen Platz haben. Aber in unserem aktiven Vorstand sind zwei Frauen, eine nicht binäre Person, und die anderen vier verstehen sich als schwule Männer. Zwei von drei Leitungspositionen im Team sind mit Männern besetzt. Wir haben aus der Geschichte des Hauses heraus sicher eine Kultur von Ehrenamtlichen, in der schwule Männer die Mehrheit stellen. Aber schon bei mir in der Bibliothek und im Archiv arbeiten je zur Hälfte Männer und Frauen.

Trotzdem: Schwächt die Ausrichtung auf das breite Queer nicht die Aussagekraft des Schwulen Museums?

Bosold: Man versteht den Skandal von Homosexualität doch gar nicht, wenn man nicht auch über Geschlecht nachdenkt. Die Geschichte in den Ausstellungen wird also viel besser, wenn man aus der engen Erzählung von Schwul, Lesbisch, Trans herauskommt. Das ist interessanter und historisch auch angemessener. Queer – das ist eben auch ein utopisches Moment.