Ines Geipel.
Foto: Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

BerlinDas „Literarische Quartett“ im ZDF am 5. Juni 2020: Thea Dorn, Schriftstellerin und Moderatorin der Sendung, stellt die „Berliner Briefe“ von Susanne Kerckhoff vor. Mit weit geöffneter „Begeisterungstür“ erklärt sie den Band rundheraus zu einem „Wunder“. „Für mich“, sagt sie, „ist es eine der wichtigsten Auseinandersetzungen mit deutscher Schuld, die in der Nachkriegszeit geschrieben worden ist … Eine junge Deutsche, die in der Nazizeit nichts Verbrecherisches getan hat, als einfach stillzuhalten, geht mit sich, mit ihrer Schuld, mit der Schuld der Deutschen ins Gericht.“ Dann spricht sie von einem „Skandal, dass dieses Buch samt Autorin siebzig Jahre in kompletter Vergessenheit gewesen“ sei. Jan Fleischhauer in der Runde weiß über die Berliner Autorin, dass sie „nicht Widerstandskämpferin“ gewesen sei. Für die Schriftstellerin Juli Zeh war „doch das Ross“, auf dem Susanne Kerckhoff „saß, ein klein wenig zu hoch“ und befand, dass die Autorin „ein wenig zu sehr in das Schwarze und das Weiße aufgelöst“ habe.

Nichts Verbrecherisches, als einfach stillzuhalten? Keine Widerstandskämpferin? Komplette Vergessenheit? Hohes Ross? Ein wenig zu sehr Schwarzes und Weißes, ein Wunder? Nun, hier stimmte eigentlich gar nichts.

Am 28. April 1946, kaum ein Jahr nach Kriegsende, hatte die zu dem Zeitpunkt 28-jährige Susanne Kerckhoff an ihre in Japan lebende Mutter geschrieben: „43 haben wir noch sehr Erschütterndes durchgemacht. Eine uns sehr lieb gewordene Jüdin, die getaucht war, haben wir bei uns wohnen lassen, mit Ausweis versehen etc. – dann ist sie doch abgeholt worden und nach KZ Auschwitz gekommen. Und nun ist sie nicht zurückgekommen.“ Kerckhoffs Freunde, insbesondere Lieselotte Remané, Kulturredakteurin der Berliner Zeitung, die das Blatt Mitte der Fünfzigerjahre aus politischen Gründen verlassen musste, hatten in Gesprächen immer wieder auf die kleine Kerckhoff-Widerstandszelle hingewiesen.

1939 waren Susanne und Hermann Kerckhoff mit ihren beiden kleinen Kindern nach Berlin-Karolinenhof gezogen. Unter äußerster Lebensgefahr nahmen sie dort verfolgte jüdische Menschen auf, versorgten sie mit Pässen, Kleidung und Essen. Todesmutige Aktionen, immerhin von ihren Nachbarn toleriert, die für das Paar selbstverständliche Zivilcourage waren. Öffentlich sprechen wird Susanne Kerckhoff nie darüber, ein frühes Buch über den deutschen Widerstand bedachte dennoch beide Kerckhoffs mit einem kurzen Eintrag.

Susanne Kerckhoff, 1918 geboren, im Umfeld von Benn, Hiller, Klabund in Westberlin großgeworden und mit breitestem Literaturbegriff ausgestattet, avancierte rasch zum weiblichen Shooting-Star des unmittelbaren Nachkriegsberlin. Sie war kein „Wunder“, ihre Texte waren es auch nicht. Das Modell der emanzipierten Berlin-Frau im Kopf, wollte sie unbedingt Künstlerin werden. Sie wurde Dichterin, Schriftstellerin, Publizistin. Hochpolitisch, vorbehaltlos, sich aussetzend.

An die Mutter schrieb sie 1946 aus der Trümmerstadt, dass sie versuchen wolle, „hier einiges Literarische ins Laufen zu bringen.“ Bereits ein Jahr später hatte das „Literarische“ ordentlich Fahrt aufgenommen. Von ihr erschienen innerhalb eines Jahres der Roman „Die verlorenen Stürme“, ein Stück, zwei Kinderbücher, ein Buch mit Chansons, ein Band Gedichte. „Außerdem“, teilte sie der Mutter Ende 1947 mit, „habe ich jetzt ein Büchlein geschrieben, auf das Wolfgang Goetz flog. Es heißt ,In dreizehn Briefen‘ und schildert die psychologisch politische Situation hier, als ob ich Briefe an einen emigrierten Freund schriebe.“

Die „Berliner Briefe“, im Frühjahr 1948 im Berliner Wedding-Verlag erschienen, machten Furore. Da hatte eine ihren eigenen Unruhetakt in den politischen Raum eingeschrieben und den Zeitnerv getroffen. Frappierend Kerckhoffs politische Detailkenntnisse, die Verve, mit der sie auf jedes nur denkbare Tabu zusteuerte, aber auch die strikte Verteidigung ihrer Politik „zwischen den Stühlen“. Die vehemente Rezeption, aber auch Kerckhoffs Wechsel an die Feuilletonspitze der Berliner Zeitung ließen die Blitzstarterin zur Kulturprominenz Ostberlins gehören. Neben den „Berliner Briefen“ wurden vor allem ihre Gedichte und ihre Porträts „Menschen in unserer Zeit“ ab September 1948 heftig diskutiert.

Nun hat der Verlag Das kulturelle Gedächtnis in Berlin, vor Tagen erst ausgezeichnet mit dem Deutschen Verlagspreis 2020, die „Berliner Briefe“ neu ediert und beabsichtigt, 2021 sowie 2022 mit weiteren Kerckhoff-Veröffentlichungen nachzulegen. Das ist ohne Frage verdienstvoll. Und dennoch: Einen Hinweis auf die Erstausgabe der „Berliner Briefe“ sucht man in der Neuausgabe vergebens. Auch die 1999 erstmals nach dem Mauerfall auszugsweise wieder erschienenen „Berliner Briefe“ im Band „Die Welt ist eine Schachtel“ vom Transit-Buchverlag bleiben unerwähnt.

Aber woran erinnern, wenn die Geschichte der Zeit, der Umstände, der Konflikte gelöscht worden ist? Was meint der hehre Begriff des kulturellen Gedächtnisses, wenn eine Neuedition ausblendet, was die Archäologie der literarischen Kommunikation, was das Gedächtnis des Schreibens ausmacht? Was bleibt von der Identität eines Werks, wenn die Zeichen seiner Anamnese im Kern auf Amnesie zielen? Setzen sich solche Mager-Editionen nicht unnötig dem Verdacht aus, die Literatur zu benutzen, sich selbst zu profilieren? Wird hier nicht eine Autorin ignorant verkürzt, um für den Markt passgerecht gemacht zu werden?

Die verhinderten Autorinnen

Bei einem Lebens- und Schreibschicksal wie dem von Susanne Kerckhoff, das in den Riss der Terrorjahre der frühen DDR fiel, das Tribunalen ausgesetzt war, Kampagnen und äußerstem Druck, das der eigenen Angst und Ohnmacht begegnen musste, wird eine solche Verlagsstrategie schlussendlich schiefgehen, selbst wenn gerade noch so viele „Berliner Briefe“ verkauft werden. Nicht zuletzt deshalb, weil bei ihr immer noch viel zu viel ungeklärt geblieben ist. Wichtige Recherchen fehlen, so die in russischen Archiven.

Susanne Kerckhoffs Versuche, ihr humanistisch angelegtes Schreibcredo in die neue Zeit des Ostens zu retten, traf auf eine Realität, in der das große Mythenprogramm der DDR ausgehoben wurde. Ein hochriskantes, ja kreuzgefährliches Zeitgestrüpp, das für viele, auch für sie, tödlich endete. Umso dringlicher, ganz im Sinne unseres kulturellen und politischen Gedächtnisses, dass uns das Auflösen dieses Gestrüpps endlich gelingt.

Was ist zu wünschen? 1. Ein Literaturstreit, der die geschassten, kaputt gemachten Autorinnen des Ostens endlich in die geeinte Literaturgeschichte des Landes aufnimmt. Susanne Kerckhoff war nur der Anfang. 2. Der ZDF-Redaktion des hochrenommierten „Literarischen Quartetts“ ein Stück mehr historische Expertise. Bei Kerckhoff hätte schon ein Blick auf die Wikipedia-Seite ein paar Fragen wie die der bereits vorliegenden Editionen vorab geklärt. 3. Für Susanne Kerckhoff sorgsam edierte Neuausgaben, eine gut recherchierte Biografie sowie den Vorschlag, Susanne und Hermann Kerckhoff in Yad Vashem in die „Liste der Gerechten unter den Völkern“ aufzunehmen.

Ines Geipel ist Schriftstellerin. Zuletzt erschien ihr Buch „Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass“, Klett-Cotta, Stuttgart. 1999 veröffentlichte sie den Band Die Welt ist eine Schachtel. Vier Autorinnen in der frühen DDR“.