Klaus Lederer kann es offenbar gar nicht abwarten. Kaum ist der Linken-Politiker als neuer Kultursenator berufen worden, aber beileibe noch nicht im Amt, da beginnt er schon, sich in eine der heißesten Debatten des Jahres einzumischen. Ob Chris Dercon tatsächlich der Nachfolger von Frank Castorf an der Volksbühne wird – das müsse man noch einmal „überprüfen“. Das bemerkte Lederer fast nebenbei in einem Radio-Interview. Und mit einem Schlag war der schon beinahe eingeschlafene Weltanschauungskrieg um die Intendantenfrage an einem der renommiertesten Theater dieser Stadt wieder in vollem Gange. Kaum jemanden fiel da noch die Legitimationsfrage ein, nämlich was für ein merkwürdiges Amtsverständnis den künftigen Kultursenator getrieben haben mag, schließlich ist nicht er, sondern immer noch Tim Renner der zuständige Kulturstaatssekretär …

Neues Spiel, neues Glück

Aber halt, das stimmt so nicht ganz. Die Angelegenheit erweist sich als noch verworrener, noch verrückter. Denn eigentlich ist der Regierende Bürgermeister, dem Renner unterstellt ist, der zuständige Kultursenator. Und damit wird’s richtig delikat: Michael Müller hat im Lauf der rot-rot-grünen Koalitionsverhandlungen das Kulturamt an die Linke abgegeben, und zu den Verhandlungen gehörte offenbar nicht nur ein Neuzuschnitt des Ressorts, sondern auch die Vorgabe, die strittige Volksbühnenpersonalie neu zu verhandeln. Das wiederum geschah, was nicht überrascht, mit nachdrücklicher Unterstützung der Grünen, deren Kulturbeauftragte Sabine Bangert sich schon länger wie die inoffizielle Betriebsratsvorsitzende der empörten Castorf-Belegschaft benahm und die zur Klärung des Streits dann auch sogleich einen Runden Tisch forderte. Im Klartext: Die Koalition ist sich einig, Müller zieht einen klaren Strich unter die Renner-Ära und nimmt die massive Beschädigung von Dercon in Kauf.

Was für ein Deal: neues Spiel, neues Glück – Zusagen und Inhalte egal. Was für ein lausiges Amts- und Kulturverständnis des Regierenden! Vor diesem Hintergrund zeigt sich jedenfalls, wie wenig Klaus Lederer mit seiner Äußerung zu Dercons Verbleib an der Volksbühne gegen den Koalitionsfrieden verstoßen hat. Allerdings wissen die Damen und Herren Politiker auch, dass es – erstens – einen von beiden Seiten unterschriebenen Vertrag mit Chris Dercon gibt und dass – zweitens – dieser Vertrag nicht gekündigt werden kann, solange Dercon nicht goldene Löffel klaut.

Offenbar zielt der koalitionsübergreifend geteilte Vorbehalt gegen ihn dann auch auf etwas ganz anderes, nämlich darauf, den ernannten Volksbühnen-Intendanten möglichst noch vor der Übernahme seines Postens durch die veröffentlichte Nachdenklichkeit und Infragestellung als Person und Künstler nach Kräften zu blamieren: Vielleicht geht er ja freiwillig.

Millionen Euro als Abfindungskosten

Das würde allerdings einiges kosten. Dercon hat gute und  teure Anwälte, eine Blitzumfrage im Kulturbetrieb ergab am Wochenende eine übereinstimmende Schätzung auf fünf bis acht Millionen Euro Abfindungskosten für den Fall, dass er tatsächlich  einen unfreundlichen Abschied hinnimmt. Dafür muss eine verrentete Linkspartei-Wählerin lange stricken, man darf also gespannt sein, wie Klaus Lederer diese Summe seiner Klientel im Ernstfall zu erklären versuchte. Ebenso wahrscheinlich ist es darum, dass Dercon gerade deswegen bleibt, weil Lederer es sich finanziell gar nicht leisten kann, ihn loszuwerden. Dann wäre nicht nur der designierte Intendant beschädigt, sondern auch der neue Kultursenator als ahnungsloser Maulheld diskreditiert.

Es ist also egal, ob Chris Dercon bleibt oder nicht – Klaus Lederer hat sich mit seiner haltlosen Infragestellung schon von vornherein desavouiert. Man versteht wirklich nicht, was diesen Mann reitet.

Aber gehen wir mal rein hypothetisch davon aus, dass Dercon tatsächlich hinausgemobbt wird. Wer oder was käme stattdessen? Der zwischenzeitig zum Ersatz-Castorf ausgerufene Armin Petras hat diese Möglichkeit sogleich dementiert. Ernsthaft erhofft wird im inneren Kreis der Volksbühnenkamarilla offenbar ein Interregnum von René Pollesch; er könnte den Laden auf der bisherigen Betriebstemperatur weiterführen, bis eine sozialparitätisch zusammengesetzte Findungskommission basisdemokratisch ermittelt hat, wer am besten zum Charakter des Hauses passt.

Okay, dann führen wir diese Diskussion doch offen: Worin besteht dieser Charakter? In ihren besseren Zeiten – sagen wir mal: bis etwa ins zweite Drittel des letzten Jahrzehnts – verband die Volksbühne die Tradition mit der Gegenwart, und das heißt insbesondere auch: Sie verband die überkommene Form des Theaters mit anderen, gegenwartsnäheren Künsten und Ausdrucksformen, zum Beispiel mit intellektuell anregenden Diskursveranstaltungen und einem  im Nachhinein geradezu visionären und die gesamte Theaterszene prägenden Pop-Programm.  Damit ist es aber lange vorbei. Oder kann uns irgendjemand etwas Vergleichbares nennen, das in den letzten fünf Jahren an der  Volksbühne stattgefunden hat? Dann schreiben Sie an: Balzer & Schlüter, Berliner Zeitung, 10171 Berlin. Als Belohnung winkt eine Flasche unseres Lieblings-AC/DC-Rotweins „Back in Black Shiraz“.

Bananenrepublik Berlin

Wir sind aber guten Mutes, die Flasche selber austrinken zu müssen. Denn sieht man von den jüngsten, durch die Dercon-Kontroverse ausgelösten Energieschüben ab, herrscht an der  Volksbühne eine lokalistische Selbstzufriedenheit und ästhetische Selbsteinmauerung, die – und das ist das wirklich Unangenehme daran – seit Ausbruch des Streits für sich auch noch  in identitätspolitisch exkludierender Weise beansprucht, „die Kultur“ oder „die Stadt“ gegen Eindringlinge aller Art zu verteidigen, seien es zugezogene Gentrifizierer, Neoliberale oder schlicht Menschen mit einem weiteren Kulturbegriff.

Aber die alte Volksbühne steht nicht für „die Stadt“, sofern etwa wir beide für uns in Anspruch nehmen dürfen, auch zu „der Stadt“ zu gehören. Wir sind – wie viele Menschen in der Stadt – der alten Volksbühne überdrüssig, und wir freuen uns – wie viele Menschen in der Stadt – auf eine Veränderung; auch wenn wir ob des erratischen Kommunikationsverhaltens von Chris Dercon und vor allem auch des für seine Berufung verantwortlichen  Kulturstaatssekretärs Tim Renner bislang nicht wissen, was auf uns zukommt.

Es geht hier also auch um einen Kampf der Gegenwart gegen die Vergangenheit; und es geht im Übrigen darum, dass der Ruf der Berliner Kulturpolitik als Ganzes auf dem Spiel steht. Was wäre das für ein Imageschaden, wenn der Eindruck erweckt wird, dass man hier Intendanten und Künstler – die international renommiert sein mögen oder nicht – nach jedem Regierungswechsel umstandslos wieder nach Hause schickte? Es herrschte dann Rechtsunsicherheit wie in einer Bananenrepublik.

Dank Klaus Lederer scheint es, als sei in der Berliner Kulturpolitik eine neue populistische, geradezu postfaktische  Wurstigkeit eingezogen. Damit will der neue Senat allen Ernstes seine Amtszeit beginnen? Man kann von der Politik des Seiteneinsteigers Tim Renner im Nachhinein halten, was man will. Aber an Klientelismus und Dilettantismus hat ihn sein Nachfolger, bevor er das Amt überhaupt angetreten hat, jetzt bereits in beeindruckender Art überboten.