Berlin - In einer gemeinsamen Erklärung haben sich über 200 Wissenschaftler, darunter zahlreiche namhafte Historiker, Judaisten und Holocaustforscher, um eine neue und zeitgemäße Definition des weltweit wieder wachsenden Problems des Antisemitismus bemüht. Die „Jerusalemer Erklärung“ heißt es darin, biete die Möglichkeit, Antisemitismus, wie er sich gegenwärtig in vielen Ländern der Welt manifestiert, zu identifizieren und die Aufmerksamkeit für diesen zu steigern.

In der Jerusalemer Erklärung wird Antisemitismus als „Diskriminierung, Vorurteil, Feindseligkeit oder Gewalt gegen Jüdinnen und Juden als Jüdinnen und Juden (oder jüdische Institutionen als jüdische)“ gekennzeichnet. In insgesamt 15 Leitlinien zur Erklärung wird dies genauer definiert: Jüdinnen und Juden kollektiv für das Verhalten Israels verantwortlich zu machen und sie, bloß weil sie jüdisch sind, als Agenten Israels zu behandeln, sei antisemitisch, heißt es dort beispielsweise.

BDS nicht per se antisemitisch

Anders als ein umstrittener Beschluss des Deutschen Bundestages, in dem die Boykottorganisation BDS als antisemitisch eingestuft worden ist, sind die 200 Wissenschaftler, zu denen die israelische Soziologin Eva Illouz, der Historiker Carlo Ginzburg, die österreichische Schriftstellerin Eva Menasse sowie die deutschen Wissenschaftler Michael Wildt, Aleida Assmann und Micha Brumlik gehören, um Differenzierung bemüht. Nicht antisemitisch sei eine faktenbasierte Kritik an Israel als Staat oder der Hinweis auf systematische, rassistische Diskriminierung im Umgang mit den Palästinensern. In diesem Sinne sei die Initiative Boycott, Divestment and Sanctions (BDS) nicht per se antisemitisch.

Diese Beurteilung der BDS-Initiative sei aber nicht gleichbedeutend damit, die Bewegung für richtig zu halten, sagte der Mitunterzeichner der Jerusalemer Erklärung, Micha Brumlik, im Gespräch mit dem Sender Deutschlandfunk Kultur. „Ich persönlich finde BDS politisch falsch“, so Brumlik. „Ich halte es für einen schweren Fehler, dass BDS auch solche israelischen Wissenschaftler, Wissenschaftlerinnen, Intellektuelle und Künstler boykottiert, die sogar gegen die Besetzung des Westjordanlands sind.“

Die Ausdifferenzierung der Antisemitismus-Definition sei wichtig, so Brumlik, damit der reale Judenhass und Rassismus nicht aus der politischen Diskussion verschwinde. Ferner kritisierte Brumlik, dass deutsche Politiker sich oft eher zu den Aktivitäten des BDS äußern als etwa zu den Attentaten von Halle und Hanau.