30.000 Rubel kostet ein Traum von Wolodymyr Selenskyj

Weil der ukrainische Präsident einem Mann in Sibirien im Schlaf erschienen ist, wurde eine Geldstrafe wegen Diskreditierung der russischen Armee fällig.

Wolodymyr Selenskyj erscheint nicht nur in Träumen, sondern auch per Video. Hier bei der Plenarsitzung der Parlamentarischen Versammlung der Nato im November.
Wolodymyr Selenskyj erscheint nicht nur in Träumen, sondern auch per Video. Hier bei der Plenarsitzung der Parlamentarischen Versammlung der Nato im November.AP/dpa/Andrea Comas

Iwan Lossew aus dem sibirischen Tschita hat auf Instagram seinen Traum erzählt, und dieser Traum ist Gegenstand einer Gerichtsverhandlung und russischer Berichterstattung geworden. Die Meldung fand internationale Verbreitung über die Deutsche Presse-Agentur und landete auch in unserer Redaktion. Abgesehen von der lupenreinen Quellenlage glauben wir der Meldung sofort, denn zu einer echten Diktatur gehört nun einmal eine ordentliche Paranoia – und die Exekutive eines Regimes würde Schwäche zeigen, wenn sie vor dem Unbewussten seiner Untertanen haltmachen würde.

Ukrainischer Gruß

Lossew habe geträumt, im Zuge der von Kremlchef Wladimir Putin angeordneten Mobilmachung für die Front in der Ukraine eingezogen und in ein Ausbildungscamp gebracht worden zu sein. In dem Moment, so bezeugte er auf Instagram, sei Selenskyj an ihm vorbeigekommen. Und die Erscheinung sprach zu Lossew: „Oh, ich habe deine Instagram-Storys gesehen. Ruhm der Ukraine!“ Und vermutlich eher aus Reflex hat Lossew in seinem Traum den ukrainischen Gruß beantwortet, wie es sich gehört: „Ruhm den Helden!“

Der Insta-Eintrag wurde von den entsprechenden Stellen gelesen, der Autor angezeigt, wegen der Diskreditierung von Russlands Armee für schuldig befunden und zu einer Geldstrafe von 30.000 Rubel (rund 450 Euro) verurteilt. Das Verfahren sei schnell aufgenommen und abgewickelt worden. Lossew habe man den Termin erst gar nicht mitgeteilt, sodass er vor Gericht gar nicht erscheinen konnte.

Die Gedanken sind nicht frei

Aus einem Interview mit dem Internetportal Sibir.Realii lässt sich die Fassungslosigkeit heraushören: „Ich kann mir das nicht vorstellen“, so Lossew, „irgendein 40-jähriger Geheimdienstler hat da mit ernstem Gesicht gesessen und meine Story darüber abgeschrieben, wie mir im Traum Selenskyj erschienen ist?!“

Auch wenn Iwan Lossew das Ermittlungs- und Gerichtsverfahren unrealistischer erscheinen mag als jede Selenskyi-Erscheinung, sollte er sich nicht darauf verlassen, bald aus diesem kafkaesken Albtraum aufzuwachen, sondern die Strafe zahlen und hoffen, dass die Sache damit erledigt ist. So wird mit echten Rubeln abgegolten, was der Wahn in Rechnung stellt. Man möchte glatt seinen Teil spenden, denn mit dieser Geschichte wird deutlich, wie irre Russland agiert. Leider macht das die geopolitische Lage alles andere als weniger gefährlich.