Berlin - Mitunter sagt eine einzige historische Szene mehr als hundert wissenschaftliche Abhandlungen. Zum Beispiel diese hier: Anfang Mai 1945 kehrte Walter Ulbricht aus dem Moskauer Exil nach Berlin zurück. Der einstige Bezirksleiter der KPD in Berlin-Brandenburg traf in Neukölln auf eine Runde von Berliner Kommunisten, die die Hitlerdiktatur überlebt hatten. „Im Nu war er umringt“, erzählt Wolfgang Leonhard, Augenzeuge jener Szene. „Überraschung und Freude spiegelten sich in den Gesichtern der Genossen.“ Welch ein Wiedersehen!

Doch Ulbricht blieb kühl. Er verschwendete keine Sekunde mit irgendeiner Gefühlsregung. Stattdessen zog er einen Zettel aus der Tasche, um sich zu notieren, was die Genossen in der Hitlerzeit gemacht hatten: „‚Wie hat sich der verhalten, wie der, wo war der ..., was hat der getan ...‘ Unaufhörlich prasselten Namen, die Ulbricht alle im Kopf hatte“, erinnert sich Wolfgang Leonhard, dem es sehr unangenehm auffiel, wie der Rückkehrer sich verhielt. Der 24-jährige Jungfunktionär gehörte damals zur jener zehnköpfigen „Gruppe Ulbricht“, die im Auftrag Stalins von Moskau aus nach Berlin geschickt worden war, um hier die Verwaltung mit aufzubauen. „Es muss demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben“, lautete die Richtlinie, die Ulbricht vorgab.

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