Documenta 15: Antisemitismus-Vorwürfe gegen Künstlergruppe

Ein Kasseler Bündnis gegen Antisemitismus erhebt Vorwürfe gegen das indonesische Kuratorenkollektiv ruangrupa. Was ist dran?

Das Kuratorenkollektiv ruangrupa kooperiert zur Weltkunstausstellung Documenta 15 mit dem Kasseler Straßenmagazin „Asphalt“.
Das Kuratorenkollektiv ruangrupa kooperiert zur Weltkunstausstellung Documenta 15 mit dem Kasseler Straßenmagazin „Asphalt“.dpa

Schlittert die Kunstausstellung Documenta in Kassel, die zu ihrer 15. Ausgabe in diesem Jahr von dem indonesischen Künstlerkollektiv ruangrupa verantwortet wird, auf einen handfesten Antisemitismus-Skandal zu? Dieser Eindruck jedenfalls wird durch einen Beitrag in der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung Die Zeit erweckt, die sich dabei auf die Vorwürfe des sogenannten Bündnisses gegen Antisemitismus Kassel bezieht. In dessen Blog-Beitrag werden Namen von Künstlern und Aktivisten genannt, die in diesem Sommer in Kassel auftreten und sich laut Blog-Beitrag seit Jahren für den kulturellen Boykott Israels engagieren, oft im Rahmen der gegen Israel gerichteten Boykottbewegung BDS.

Im Namen eines palästinensischen Nationalisten?

In dem Blog-Beitrag wird ausdrücklich auf eine Gruppe namens The Question of Funding aus Ramallah hingewiesen. „Als Sprecher oder Vertreter dieser Gruppe werden von der ruangrupa, das die auf der kommenden Documenta ausstellenden Künstler auswählt, Yazan Khalili und Lara Khaldi vorgestellt“, heißt es seitens des Kasseler Bündnisses. „Yazan Khalili war bis 2019 Direktor des KSCC, Lara Khaldi von 2011 bis 2013.“ Das KSCC, heißt es weiter, sei nach Khalil al Sakakini (1878–1953) benannt. Dieser sei ein palästinensischer Nationalist und ein antijüdischer und antizionistischer Aktivist gewesen, der sich als Anhänger des Nationalsozialismus verstand und sich früh gegen die Zuwanderung europäischer Juden nach Palästina wandte.

Reichen derlei ideologisch kontaminierte Indizien aus, um einen anschwellenden Antisemitismus-Eklat in der Kunstwelt zu entfachen? Eher nicht, findet die Kunstkritikerin Elke Buhr, Chefredakteurin der Berliner Kunstzeitschrift Monopol, die die aus ihrer Sicht fadenscheinigen Vorwürfe gegen ruangrupa sowie die Gruppe The Question of Funding zurückweist. Diese habe lediglich die Strukturen der umstrittenen Einrichtung KSCC in Ramallah benutzt und so kommt Buhr auf der Monopol-Homepage zu dem Schluss: „Man wird die Documenta Fifteen auf viele Weisen kritisieren können. Aber eines ist klar: Es macht keinen Sinn, dieses Ausstellungsprojekt in die Niederungen der hiesigen BDS-Debatte hineinzuziehen, die längst den Charakter eines Kulturkampfes gegen die ,identitäre Linke‘ angenommen hat.“

Überhitzte Debattenlage

Tatsächlich scheint das Stichwort BDS vorerst zu genügen, um kritische Geister zu alarmieren. Außer der Zeit berichtete vor einigen Tagen bereits die Neue Zürcher Zeitung, und weit im Norden, in der Online-Ausgabe der Schleswig-Holsteinischen Zeitung SHZ hieß es am Donnerstag: „Ruangrupa verspricht Aufklärung“. Bereits auf der Documenta 14 war es im Zusammenhang mit der Flüchtlingsthematik zu einem Eklat um das Kunstprojekt mit dem provokativen Titel „Auschwitz on the beach“ gekommen. Für die Documenta und ruangrupa dürfte es angesichts der überhitzten Debattenlage deshalb keine Option sein, erhaben zu schweigen.