Mit großem Bedauern teilen wir mit, dass das Gesprächsforum „We need to talk“ zu diesem Zeitpunkt ausgesetzt wurde. Es hat in den letzten Tagen intensive Diskussionen mit den Teilnehmer*innen gegeben. Einige von ihnen haben wenige Tage vor der ersten Veranstaltung der Gesprächsreihe ihre Teilnahme abgesagt oder eine Absage erwogen.

Dabei wurde deutlich, dass die Anschuldigungen, die gegenüber der documenta fifteen und dem Gesprächsforum geäußert wurden, eine produktive Diskussion gegenwärtig unmöglich machen.

Das Forum sollte den Vorwürfen gegenüber der documenta fifteen in ihrer ganzen Breite und Problematik begegnen. Dieses Gespräch hätte sich jenseits festgefahrener institutioneller Standpunkte bewegen sollen. Die Vorwürfe sollten zum Gegenstand, nicht aber zur Grundlage der Diskussion gemacht werden. Die documenta fifteen hat sich nun entschlossen, die offizielle Eröffnung der Ausstellung abzuwarten, um danach gegebenenfalls und auf Basis der tatsächlich gezeigten Werke und gemachten Äußerungen dem Diskussionsbedarf zu begegnen.

Im Rahmen der documenta fifteen wurden zu keinem Zeitpunkt antisemitische Äußerungen gemacht. Wir treten diesen Anschuldigungen entschieden entgegen und kritisieren den Versuch, Künstler*innen zu delegitimieren und sie auf Basis ihrer Herkunft und ihren vermuteten politischen Einstellungen präventiv zu zensieren.[1] Es war auch nicht geplant, Veranstaltungen der palästinensischen BDS-Bewegung (Boycott Divestment Sanctions) abzuhalten.

Vielfalt als Bedrohung: Vom Skandal um ein Gerücht

Im Januar 2022 wurden die Kurator*innen und einige Künstler*innen der documenta fifteen auf dem Wordpress-Blog eines „Bündnisses gegen Antisemitismus Kassel“ des Antisemitismus beschuldigt. Dieses „Bündnis“ scheint trotz seines Namens im Wesentlichen aus einer Einzelperson zu bestehen, die den sogenannten „Antideutschen“ (einer ehemals linksradikalen Splittergruppe) zuzurechnen ist. Mit der Jüdischen Gemeinde Kassel hat das „Bündnis“ nichts zu tun.

Auf dem genannten Blog, der unter dem selbsterklärten Motto „There Is No Anti-Zionism Without Anti-Semitism“ steht, wurden erstmals jene Vorwürfe veröffentlicht, die bis heute die documenta fifteen und ihre Künstler*innen verfolgen. Dabei hat der Blogtext gar nicht verheimlicht, dass sein Ziel die Ausladung von Künstler*innen und Absetzung von Verantwortlichen ist. Mitgliedern der Findungskommission und des künstlerischen Teams wird zum Vorwurf gemacht, zusammen mit 1.500 anderen den offenen Brief „Nothing Can Be Changed Until Faced“ unterschrieben zu haben. Damit wurden sie umstandslos in der „israelkritischen und israelfeindlichen Szene“ sowie der „BDS-Bewegung“ verortet.

Dabei führt dieser offene Brief explizit aus, dass die Unterzeichnenden verschiedene, zustimmende wie ablehnende, Haltungen zu BDS beziehen. Die BDS-Resolution des Bundestages aus dem Jahr 2019 hingegen betrachten sie als Gefährdung von Kunst- und Diskursfreiheit. Wie wichtig diese Kritik immer noch ist, obwohl die Resolution selbst zur letzten Legislaturperiode gehört und zahlreiche Gerichte inzwischen festgestellt haben, dass ihre praktische Umsetzung nicht verfassungskonform ist, zeigen schließlich die aktuellen Vorwürfe: Um als antisemitisch bezeichnet zu werden, muss man demnach BDS weder unterstützen noch verteidigen. Es reicht, dass man sich gegen einen pauschalen Ausschluss aller BDS-Befürworter*innen ausspricht – ein Vorgehen, das sich bereits in der Diskussion um die „Initiative GG 5.3. Weltoffenheit“ beobachten ließ.

Das Kunstkollektiv „The Question of Funding“ (TQoF)

Aggressiver wird der Blogtext bei der Verurteilung des zur documenta eingeladenen palästinensischen Kollektivs „The Question of Funding“ (TQoF). Aus einem fiktionalen Text wird darin einem der Künstler der Vorwurf gedreht, er wäre ein „antisemitischer Schläger“. In einem unseriösen Dreisprung macht der Blogtext aus Khalil Sakakini, einem progressiven palästinensischen Pädagogen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, mithilfe verkürzter, teils falscher Zitate aus Wikipedia einen glühenden Antisemiten. Das nach ihm benannte Kulturzentrum in Ramallah wird somit zu einer Sammelstelle ebensolcher erklärt, einschließlich der mit dem Kulturzentrum verbundenen TQoF.[2]

Wie wenig diese Darstellung mit der Realität übereinstimmt, haben die Journalist*innen Joseph Croitoru in der FAZ und Elke Buhr im Monopol Magazin gezeigt; wie komplex die Figur Sakakini tatsächlich ist, hat der Historiker Jens Hanssen auf dem Online-Blog Geschichte der Gegenwart dargelegt. Ein Blick auf die Webseite des Instituts hätte darüber hinaus gezeigt, dass es in Ramallah ein weit über alle politischen Grenzen hinweg anerkanntes Kulturzentrum ist, in dem auch viele internationale Organisationen – darunter auch deutsche Stiftungen wie die Konrad-Adenauer-Stiftung – eigene Veranstaltungen abhalten.

Rassistische Schenkelklopfer

Wo der Blogtext keine vermeintlich skandalträchtigen Bezüge finden kann, belässt er es bei rassistischem Humor. So heißt es dort über das indonesische Kollektiv: „Die ruangrupa hat das sogenannte ‚lumbung‘ ins Leben gerufen, was kein alkoholisches Mischgetränk ist, sondern ‚kollektiv verwaltete Reisscheune‘ bedeutet“ – eine Anspielung auf die rassistische Scherzbezeichnung „Lumumba“ für eine Mischung aus Kakao und Rum, benannt nach dem ermordeten kongolesischen Freiheitskämpfer und ehemaligen Präsidenten Patrice Lumumba.

Mit solchen rassistischen Schenkelklopfern sind jene Antisemitismusvorwürfe angereichert, die unterdessen meist unkritisch und unter Vernachlässigung grundlegender journalistischer Standards von großen deutschen Zeitungen weiterverbreitet wurden. Dass eine derartige Geschichtsklitterung ausgerechnet im Namen der besonderen „historischen Verantwortung“ Deutschlands so sorglos übernommen wurde, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Viel ernster hingegen sind die Folgen dieser Kolportage, in denen deutlich wird, wie nahe unzureichendes historisches Problembewusstsein und eine rassistische Verleumdungskampagne beieinanderliegen.

Später hat der BgA-Blog noch einmal expliziert, was ihn an der documenta fifteen und dem da schon angekündigten Forum stört: nämlich, dass die Perspektive des Globalen Südens als „gleichwertig“ behandelt werden soll. Damit spricht er aus, was andere nur denken: Multiperspektivität wird als Bedrohung deutscher Diskurshoheit empfunden.

Qualitätsmedien übernehmen Kampagnen

Der Versuch, einzelne palästinensische Künstler*innen selbst oder qua Kontaktschuld des Antisemitismus zu bezichtigen, folgt dem in rechten Blogs – auch international – häufig zu beobachtenden Drehbuch von „character assassination” und Verleumdungskampagnen. Die Existenz der vom „Bündnis gegen Antisemitismus Kassel” vorgebrachten Vorwürfe, deren Quellenmaterial im Wesentlichen aus amateurhafter Internet-Recherche besteht, ist sicherlich beklagenswert. Dass die kolportierten Vorwürfe es aber in die deutschen Qualitätsmedien geschafft haben, ist ein Skandal. Offensichtlich reicht es beim Thema Antisemitismus, mit der Dynamik des zirkulierenden Gerüchts zu arbeiten. Das nehmen wir zur Kenntnis.

Wir möchten im Folgenden auf einige Punkte des Briefes des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, an die Staatsministerin für Kultur und Medien, Claudia Roth, eingehen. Aus diesem Brief wurde in den letzten Tagen in der Presse zitiert. Wir begrüßen den Brief des Zentralrats als Beitrag zur öffentlichen Debatte und nehmen die darin geäußerten Sorgen ernst. Die dargestellte Kommunikation ist aus unserer Sicht allerdings anders verlaufen und verlangt daher eine Richtigstellung. Der erhobene Vorwurf einer angeblichen „eindeutigen Schlagseite zuungunsten [sic!] des Antisemitismus“ entbehrt der Grundlage.

Positionen des Zentralrats der Juden waren vertreten

Dem Geschäftsführer des Zentralrats wurden die Intention und die Konzeptionierung der Gesprächsreihe im März 2022 in einem ausführlichen Gespräch mitgeteilt. Sobald die Details des Programms feststanden – und noch vor seiner eigentlichen Veröffentlichung – hat der Zentralrat Kenntnis davon erhalten. Die Zusammenstellung der Gesprächsreihe erfolgte nach wissenschaftlichen Kriterien, internationaler Expertise und Erfahrungshintergrund. Dabei wurden vielfältige Stimmen und Positionen von relevanten Personen, Einrichtungen und Organisationen berücksichtigt. Offizielle Repräsentant*innen von Glaubensgemeinschaften, Parteien und Verbänden wurden jedoch bewusst nicht eingeladen.

Eine solche Repräsentation ist auch nicht die Aufgabe einer Kunstinstitution. Eine verbindliche organisatorische Einbindung des Zentralrats (oder einer anderen Körperschaft) hat es zu keinem Zeitpunkt gegeben. Wohl aber hat das organisierende Team personelle und inhaltliche Vorschläge in die Gesamtkonzeption einfließen lassen. Es wurde darauf geachtet, unterschiedliche Perspektiven einzuladen – darunter auch solche, die der offiziellen Position des Zentralrats im Kern entsprechen und teilweise im Zentralrat auch institutionell eingebunden sind. Das Problem ist also nicht, dass die Position des Zentralrats nicht vertreten gewesen wäre. Es drängt sich vielmehr die Schlussfolgerung auf, dass einige das Gespräch mit bestimmten, in der Fachdiskussion anerkannten Wissenschaftler*innen nicht führen möchten.

Die vom Zentralrat und einigen Medien geäußerte Kritik an der multiperspektivischen Zusammensetzung der geplanten Panels des Forums zeigt deutlich, dass es in Deutschland schwierig ist, beide Perspektiven – diejenige, die von Antisemitismus betroffen ist, und diejenige, die von antimuslimischem und antipalästinensischem Rassismus betroffen ist – in ein gemeinsames Gespräch zu bringen. Es ist Konsens, dass Antisemitismus jüdische bzw. als jüdisch markierte Menschen betrifft und deren Perspektive in einem Gespräch über Antisemitismusvorwürfe niemals übergangen werden kann.

Es sollte ebenso Konsens sein, dass Menschen in einem Gespräch über die rassistischen Effekte eines Gerüchts, deren Gegenstand sie sind, zu Wort kommen müssen. Der Vorwurf der „BDS-Nähe“, aus dem wiederum der Vorwurf des „Israel-bezogenen Antisemitismus“ abgeleitet wird, trifft vor allem Menschen aus dem Globalen Süden und insbesondere aus dem Nahen Osten und führt zu Ausschlüssen und Ausladungen. Dieser Ausgangslage hat das Forum Rechnung getragen. Die Kritik an der ausgewogenen Zusammensetzung der geplanten Panels und ihrer Themensetzung lehnen wir daher entschieden ab.

Da sich die realen Probleme der völkerrechtswidrigen israelischen Besatzung diskursiv in Gesprächsrunden in Deutschland nicht auflösen lassen, können wir auch die Widersprüche in der Bewertung dieser Besatzung und des Widerstands gegen sie nicht auflösen. Diese Widersprüche sind auszuhalten; andernfalls würde eine Diskussion von vornherein eingeschränkt, so dass sie diesen Namen kaum mehr verdiente. Diese realen Widersprüche werden nur noch verstärkt, wenn diese Wirklichkeit mit einer Diskurswelt der „klaren Bekenntnisse“ verwechselt wird.

Es ist zu bezweifeln, dass eine performative Bekenntniskultur im Kampf gegen Antisemitismus, Rassismus, Kolonialismus, Unterdrückung und globale Ungerechtigkeit ein hilfreiches Mittel ist. Auch lassen sich aus Sicht der Beteiligten der documenta fifteen die Fragen von Antisemitismus und Rassismus, zu deren Verhältnis das Forum eine differenzierte Debatte geplant hatte, trotz ihrer Unterschiede historisch nicht völlig trennen – vor allem dann nicht, wenn diese in der Gegenwart gegeneinander ausgespielt werden.

Antisemitismusvorwürfe werden instrumentalisiert

Diese Phänomene zueinander in Beziehung zu setzen, bedeutet nicht, sie gleichzusetzen. Dieser Bezug ergibt sich bereits schon aus der Tatsache, dass die gegen einige Teilnehmer*innen der documenta fifteen gerichteten Antisemitismusvorwürfe teils rassistische Züge aufweisen.

Wenn Kritik an israelischem Staatshandeln routinemäßig dämonisiert und mit Antisemitismus gleichgesetzt wird, trifft das auf Widerspruch. Dieser Widerspruch kommt vor allem von denjenigen, die von den Menschenrechtsverletzungen des israelischen Staates betroffen sind. Die deutsche Bekenntniskultur gegen Antizionismus, die ihn zunehmend mit Antisemitismus gleichsetzt, hat zur Folge, dass Palästinenser*innen und nicht-zionistische Juden vom Kampf gegen Antisemitismus ausgeschlossen und nachfolgend selbst zu Antisemiten erklärt werden. Für diesen Widerspruch wäre das Forum ein Ort gewesen, um die Streitbarkeit bestimmter Antisemitismusdefinitionen (IHRA) und die besonders strittigen Beispiele des „Israel-bezogenen Antisemitismus“ zu diskutieren.[3]

Wer diese politische Debatte vorab ausschlägt, verlässt das Gespräch, bevor es begonnen hat. Wer aber dieses Gespräch gar nicht zulassen will, sondern bestimmen möchte, wer und was in diesem Widerstreit als diskutabel gilt, sollte dies auch öffentlich kund tun, anstatt Kritik an organisatorischen und kuratorischen Details der geplanten Panels vorzuschieben. Wissenschaftlich fundierte Praxis kann es ohne eine offene Debatte nicht geben. Eine effektive Antisemitismusbekämpfung, davon sind wir überzeugt, braucht diese wissenschaftliche Praxis als Grundlage. Wird diese Debatte unmöglich gemacht, bleibt nur noch Diskursverwaltung. Vor dem Hintergrund realer antisemitischer Bedrohung durch Terror und Gewalt ist diese fehlgeleitete Feuilletondebatte mindestens fahrlässig.

Die Gleichsetzung von BDS und Antisemitismus ist umstritten

Das bekanntermaßen „scharfe Schwert“[4] des Antisemitismusvorwurfs, das nicht nur in Deutschland Karrieren beenden kann, muss mit Umsicht und Verantwortung geführt werden und darf nicht auf Basis einer angenommenen oder tatsächlichen „BDS-Nähe“ von Einzelpersonen oder Kollektiven politisch instrumentalisiert werden. Wird der Antisemitismusvorwurf auf diese Weise ausgehöhlt, ist dem Kampf gegen Antisemitismus nicht geholfen. Im Gegenteil: es wird damit der antisemitischen Identifizierung von Handlungen des israelischen Staates mit jüdischen bzw. jüdisch markierten Menschen das Wort geredet.

Die Gleichsetzung von BDS und Antisemitismus ist wissenschaftlich höchst umstritten und daher Gegenstand einer Debatte; sie ist keine neutrale Gesprächsgrundlage und sollte dementsprechend nicht für die unkritische Kolportierung von Antisemitismusvorwürfen und die Produktion von Diskursausschlüssen benutzt werden. Die Skandalisierung einer vermeintlichen „Kontaktschuld”, bei der beides, Kontakt und Schuld, aus Gerüchten und Assoziationen besteht, droht internationale Kulturarbeit in Deutschland zu verunmöglichen.

Im Rückblick erscheint uns das Forum als der ehrbare, jedoch vergebliche Versuch, eine richtige Antwort auf eine falsche Frage zu formulieren. Die falsche Frage nach einem umstrittenen Antisemitismusvorwurf gegen einige Künstler*innen der documenta fifteen konnte „richtig“ nicht beantwortet werden, da für die Klageführenden die Schuldigkeit der Angeklagten bereits von vornherein feststand. Die Angeklagten wiederum skandalisieren zu Recht, sich einer öffentlichen Vorverurteilung ausgesetzt zu sehen und gegen konstruierte Vorwürfe verteidigen zu müssen. Wir haben mit dem Forum eine Expert*innenrunde zusammengestellt, die diese Ausgangssituation des Diskurses und deren involvierte Positionen hätte beleuchten und diskutieren können. Dies ist gescheitert. Das vorläufige Scheitern des Forums ist somit auch ein Scheitern des deutschen Diskurses zu Antisemitismus und Rassismus.

Dieser Brief wurde gemeinsam von ruangrupa, dem Artistic Team der documenta fifteen und einigen Kurator*innen des gescheiterten Gesprächsforums verfasst.


[1] Es sei an dieser Stelle an die Kampagne gegen Achille Mbembe im Rahmen der Ruhrtriennale erinnert, um eines der vielen Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit zu nennen. All diesen Fällen ist gemein, dass Zensur durch indirekte Maßnahmen, sei es Ausladung, Komplettabsage der geplanten Veranstaltung, Finanzierungs- oder Raumentzug, vorgenommen wurde.

[2] Khalili war der Leiter eines 1996 gegründeten Kulturzentrums, dass nach dem 1953 verstorbenen Khalil al-Sakanini benannt ist. Nach dieser Logik müssten in Deutschland u.a. die Mitarbeiter der Konrad-Adenauer-Stiftung für alle Äußerungen und Handlungen ihres Namensgebers haftbar gemacht werden. Die Person Sakakini, in all ihren Widersprüchen, hätte die Möglichkeit eröffnet, ein Gespräch über Nationalismus, Dekolonisierung und Moderne zu beginnen, das auch für heutige globale Zusammenhänge relevant sein könnte. In der ahistorischen Verurteilung Sakakinis wurde diese Gelegenheit verpasst.

[3] Die „Working Definition of Antisemitism“, oft kurz „IHRA-Definition“ genannt, ist eine ursprünglich zu Zwecken des Monitoring informell erarbeitete Definition. Ihr angehangen sind praktische Beispiele, die sich vor allem auf gängige Beispiele von Kritik an Israel bezieht. Inzwischen wird sie, teils ohne die kontroversen Beispiele, von zahlreichen Organisationen, von Regierungen bis hin zu Fußballclubs, angewandt. Gleichzeitig gibt es Kritik – einer der Autoren, Kenneth Stern, beklagt die politische Anwendung der Definition. Der Soziologe Peter Ullrich schreibt in seinem Gutachten zur IHRA-Definition: „Die Schwächen der ‚Arbeitsdefinition‘ sind das Einfallstor für ihre politische Instrumentalisierung, etwa um gegnerische Positionen im Nahostkonflikt durch den Vorwurf des Antisemitismus moralisch zu diskreditieren. Dies hat relevante grundrechtliche Implikationen. Die zunehmende Implementierung der ‚Arbeitsdefinition‘ als quasi-rechtliche Grundlage von Verwaltungshandeln suggeriert Orientierung. Stattdessen ist sie faktisch ein zu Willkür geradezu einladendes Instrument. Dieses kann genutzt werden, um Grundrechte, insbesondere die Meinungsfreiheit, in Bezug auf missliebige israelbezogene Positionen zu beschneiden. Anders als die Bezeichnung ‚Arbeitsdefinition‘ suggeriert, findet auch keine Weiterentwicklung der Definition statt, um diese Schwächen zu beheben.“ (https://www.rosalux.de/publikation/id/41168/gutachten-zur-arbeitsdefinition-antisemitismus-der-ihra/)

Auch als Reaktion auf diese Schwächen haben international anerkannte Wissenschaftler*innen aus den Bereichen der Holocaustforschung, Antisemitismusforschung und Jewish Studies die „Jerusalem Declaration on Antisemitism“ erarbeitet, um israelkritische und antizionistische Positionen klarer von Antisemitismus abzutrennen (https://jerusalemdeclaration.org/)

[4] Mit dieser Formulierung warnte der Bundesbeauftragte gegen Antisemitismus Felix Klein gegen vorschnelle Antisemitismusvorwürfe gegen Hans-Georg Maaßen, der antisemitische Chiffren wie „Globalisten“ verwendet und auf die Webseite eines Holocaustleugners verlinkt hatte, https://www.fr.de/hintergrund/vorwuerfe-gegen-maassen-bekraeftigt-90575450.html