Feier für Marokko auf der Neuköllner Sonnenallee: Erst Freude, dann Unwohlsein 

„Arabi, Arabi“, rief es am Samstag in Neukölln. Dazu wehten palästinensische Fahnen. In der Solidarität mit Palästina schwingt mindestens Israel-Kritik mit.

Feier für Marokko auf der Neuköllner Sonnenallee
Feier für Marokko auf der Neuköllner SonnenalleeScreenshot/Susanne Lenz

Der Jubel war so laut am Samstagabend kurz nach sechs, dass er in das kleine Geschäft in einer Seitenstraße der Sonnenallee drang, in dem ich gerade einkaufen war. Die Verkäuferin und ich steckten die Nase aus der Tür und uns wurde klar, das ist ein Freudenfest: Marokko hat gewonnen, steht im Halbfinale. „Ich liebe diese Stadt“, sagte sie. Eine Anspielung auf das positiv Multikulturelle von Berlin. Ich gab ihr recht und ging dann selbst die Straße hoch, um zu gucken.

Auf dem Weg kamen mir zwei Männer entgegen, die ich auf den Sieg ansprach. „Marokko ist zehnmal besser als Portugal“, riefen sie enthusiastisch. Durch die spontane Feier waren beide Seiten der Straße blockiert, von der Polizei zunächst nichts zu sehen. Die Leute im M41 taten mir leid, vor allem die auf dem Weg zum Hauptbahnhof. Sie werden ihren Zug verpasst haben, auf beiden Seiten der vierspurigen Straße war kein Durchkommen mehr. Bald erhellte Feuerwerk die Straße, die sie Scharie-Al-Arab nennen in der arabischen Community – arabische Straße.

Der harte Kern der vielleicht 1000, die hier feierten, konzentrierte sich auf den Abschnitt zwischen Tell- und Jansastraße, vor dem Café Salam, vor dem Ocean-Fish-Restaurant. Hier standen junge Männer auf einem weißen Transporter und hielten eine große palästinensische Flagge, auch die irakische, die syrische, die algerische. Ein Bild, das an die Aufnahmen der marokkanischen Fußballmannschaft erinnerte, die nach ihrem Sieg im Achtelfinale auf dem Spielfeld in Katar die palästinensische Flagge präsentierte.

In Neukölln ist der Nahost-Konflikt ganz nah

In dem Fahnenmeer in Neukölln waren auch ein, zwei rote Banner mit dem Pentagramm in der Mitte zu sehen, die marokkanische Flagge. Vorherrschend waren Palästina-Flaggen, das Freudenfest war auch eine politische Demonstration. Aus dem Geschrei, dem Gehupe kristallisierte sich ein Sprechchor heraus: „A-ra-bi, A-ra-bi, A-ra-bi.“ Die WM bietet Gelegenheit für einen arabischen Schulterschluss, und in Katar wie auf der Sonnenallee hat er ein Ziel: maximale Solidarität mit Palästina.

In meine anfängliche Begeisterung mischte sich Unwohlsein. In dieser Neuköllner Nachbarschaft ist der Nahostkonflikt präsent, auf der Sonnenallee sind auch schon israelische Fahnen verbrannt worden, während Palästinenser-Flaggen wehten. Hier liegt es nahe, in der Solidarität mit Palästina auch Antiisraelismus und Antisemitismus zu vermuten. Am Mittwoch spielt Marokko gegen Frankreich, die einstigen Kolonialherren. Wie auch immer das Spiel endet, auf der Sonnenallee wird es zu spüren sein.