Die antisemitischen Lügen der Fachidioten – es reicht!

Im linken und links„liberalen“ Wissens- und Kulturmilieu maskiert sich hegemonialer Antisemitismus als Israelkritik. Hört das nicht auf, verliert Deutschland.

Eine Frau mit einer Israel-Flagge steht vor dem teilweise verhüllten Banner des Kollektivs Taring Padi auf der Documenta 15.
Eine Frau mit einer Israel-Flagge steht vor dem teilweise verhüllten Banner des Kollektivs Taring Padi auf der Documenta 15.dpa/Swen Pförtner

Es reicht. Genug des Antisemitismus, ob ausdrücklich gegen „die“ Juden oder „nur“ verkleidet als Antiisraelismus bzw. Antizionismus. Genug des Antisemitismus der „dummen Kerle“ (August Bebel) sowie erst recht des modischen Antisemitismus in Kultur und Wissenschaft. Politik, Medien und Gesellschaft betätigen sich dabei als Nach- oder Mitläufer, jedenfalls als Multiplikatoren.

Die Milieus der formal Gebildeten sowie der sprachlich oder bildnerisch Könnenden posaunen das vorhandene Wissen des eigenen Faches als Rechtfertigung ihres Schein- oder Nichtwissens im Bereich Israel, Juden, Nahost. Die 68er nannten solche gebildeten Dummköpfe „Fachidioten“. Fachidiotischen Anschauungsunterricht erhielten wir jüngst mehrfach: 2020 in der Postkolonialismus-Kontroverse um Achille Mbembe und 2021/22 während der Mammut-Veranstaltungsserie 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland.

Anschauungsunterricht lieferte die Documenta

Ohne richtige Diagnose keine erfolgreiche Therapie. Das gilt auch im Kampf gegen den Antisemitismus. Richtig ist diese Diagnose: Das lange 1700-Jahre-Fest war, abgesehen von löblicher Arbeitsbeschaffung, nicht nur ökonomisch oder pädagogisch nützlich und allgemeinpolitisch korrekt, sondern ehrlich judenfreundlich. Dass es jüdisches Leben bereits vor 321 n. Chr. in Deutschland gab, sei nur am Rande erwähnt. Gut gemeint, doch nicht recht wirksam, denn richtig ist leider auch diese Diagnose: Anschauungsunterricht über den Antisemitismus der Fachidioten lieferten dieses Jahr die Kasseler Documenta sowie die Beiträge auf und im Vorfeld der Karlsruher Tagung des Ökumenischen Kirchenrates. Es waren nicht die ersten und gewiss nicht die letzten Belege für den im vornehmlich linken und links„liberalen“ deutschen sowie internationalen „Wissens-“ und Kulturmilieu hegemonialen Antisemitismus, der sich als Israelkritik maskiert.

Warum, dies muss kurz erklärt werden, ist Antiisraelismus zugleich Antisemitismus und nicht eben nur Israelkritik? Israelkritik richtet sich, wie in und zwischen Demokratien legitim und notwendig, gegen bestimmte Personen, Parteien, Institutionen oder Koalitionen in Israel. Antiisraelismus bzw. Antizionismus richtet sich gegen die Existenz des jüdischen Staates. Angesichts der 3000-jährigen jüdischen Geschichte und nicht „nur“ des Holocaust ist ein jüdischer Staat im Fall der Fälle die Quasilebensversicherung bzw. der letzte Rettungsanker aller Juden. Daraus folgt: Wer die Daseinsberechtigung Israels bezweifelt oder gar bekämpft, entzieht den Juden, ja, allen Juden ihre Seins- und Daseinssicherheit

Über die Documenta 15 ist, ebenso wie über Mbembe und den „Postkolonialismus“, eigentlich fast alles und fast von jedem gesagt. Den Lesern sei deshalb keine zusätzliche Lebenszeit geraubt. Nur das: Wer die inzwischen leicht zugänglichen und vollkommen zu Recht nicht nur als israelkritisch, sondern als antisemitisch bezeichneten Bilder von Israelis in Uniform oder Zivil (mit „typisch jüdischer Hakennase“ und Beiwerk) kennt und behauptet, sie wären nicht antijüdisch, kennt nicht die NS-„Stürmer“-Zerrbilder vom Juden oder hat schlichtweg keine Ahnung.

Weder von Israel noch von Juden, allgemeindeutscher und hier besonders der NS-Geschichte, den Verbrechen der Wehrmacht und den sechsmillionenfachen Judenmorden, bei denen der „Tod ein Meister aus Deutschland“ war. Der fand willige Helfer. Nicht nur im „christlichen“ Europa, sondern nicht zuletzt in der palästinensischen, arabischen, ja, der islamischen Welt. Wer als „Experte“ über NS-Deutschland und den Holocaust spricht, kann nicht über die sekundäre Mitschuld von Orient und Okzident schweigen und das israelische Militär auch nur annähernd mit Wehrmacht, SS und Einsatzgruppen vergleichen oder gar gleichsetzen. Wer sich nicht an diese Richtschnur hält, enttarnt sich als Nichtwissender oder Nicht-wissen-Wollender, als platter Propagandist oder als Lügner.

NS-Israel-Lügen, die an George Orwells Klassiker „1984“ erinnern

Das sollte endlich ausgesprochen werden, denn es reicht. Genug ist genug, zumal nicht nur die Kulturhegemonen, sondern auch ungefähr ein Drittel der deutschen Öffentlichkeit dem absurden, weil kenntnisfreien Israel-NS-Vergleich zustimmt. Die 2022er-Umfrage der Bertelsmann-Stiftung sei als Beleg genannt. Man muss nicht Punkt für Punkt das Verhalten von Wehrmacht und Zahal (Israels Streitkraft) vergleichen, es reicht eine Frage: Wo und wann hätte Israel eine „Endlösung“ der Palästinenserfrage gewollt, geplant oder à la Auschwitz durchgeführt? Jene NS-Israel-Lügen erinnern an George Orwells Klassiker „1984“, wo Big Brother die Parolen verbreitet: „Krieg ist Frieden! Freiheit ist Sklaverei! Unwissenheit ist Stärke!“

Die Fachidioten verkünden: Israels Besetzung palästinensischer Gebiete seit 1948 (Israels Gründung) oder 1967 (Sechs-Tage-Krieg) wäre Kern aller nahöstlichen Dauerkonflikte, in denen sich „die“ (also alle) Juden mit Israel „durch dick und dünn“ solidarisierten.

Fakt ist: 1947 hatte die Internationale Gemeinschaft in der Uno das britische Mandatsgebiet Palästina teilen wollen. In je einen arabisch-palästinensischen und jüdischen Staat. Die Zionisten sagten Ja, Nein die Führung der Palästinenser. Sie begann unverzüglich einen Krieg gegen die Juden. Sie verlor und rief arabische Staaten zu Hilfe. Sie verloren gemeinsam. Deutsche haben spätestens seit der Ostpolitik von Willy Brandt und Walter Scheel begriffen: Wer Krieg beginnt, riskiert nicht nur Landverluste, sondern muss auf sie dauerhaft verzichten. „Land für Frieden“. Deshalb wird besonders die deutsche Nahostpolitik nicht müde, Israel diese Lehre aus der Geschichte für die eigene Politik zu empfehlen. Gesagt, getan. Nicht gleich, aber erstmals 1978/79 im Rahmen des Ägyptisch-Israelischen Friedens. Er hält bis heute. Ein Fenster zu palästinensischer Staatlichkeit wurde dabei auch geöffnet. Die PLO-Führung knallte es krachend zu und organisierte vom Dezember 1987 bis zum Spätsommer 1993 die Erste Intifada (sprich Terror) gegen Juden im israelischen Kernland und in den umstrittenen Gebieten.

Nahost-Konflikt: Wer wann und wie agiert und dann reagiert hat

Unmittelbar nach dem Junikrieg 1967 war Israel bereit, gegen Frieden alle eroberten Gebiete zu räumen. Im August folgte die einstimmige Antwort der arabischen Staaten und der Palästinenser: Nein, nein, nein. Zu Gesprächen, Anerkennung oder gar Frieden. Damals gab es keinen einzigen jüdischen Siedler im Westjordanland, 1977 nur 4400, zu Beginn der Ersten Intifada 85.000. Hoffnung keimte im September 1993: Israel und Palästinenser schlossen das Osloer Friedensabkommen. Da zählte man rund 200.000 jüdische Siedler. Es folgte ab 1994 Dauerterror, wobei jüdische Terroristen in Israel verurteilt wurden. Palästinensische wurden gefeiert.

Trotzdem war Israel 2001 bereit, 97 Prozent der Westbank zu räumen und Jerusalem zu teilen. Die Antwort: Intifada, Krieg zwei. Die israelische Antwort: „Land für Frieden“, Räumung des Gazastreifens 2005 – statt Frieden sofort Palästinenser-Raketen auf Israel. Teils selbst fabriziert und finanziert vom Iran und Qatar, wo sich bald der Weltfußball mit scheinschlechtem Gewissen feiert. Zwischen 2001 und morgen, im September 2008: Israel erneuerte das Angebot von 2001. Keine Reaktion, Fortsetzung des Terrors.

Bleibt die Frage: Was ist Aktion, was Reaktion, wer hat wann und wie agiert und dann reagiert? Nichts davon in der Documenta- und Postkolonialismus-Debatte. Es reicht. Erst wissen, dann reden. Das gilt für Analphabeten ebenso wie für Herrn oder Frau Professor Dr. Dr. – oder bildnerisch Schaffende, die vulgäre NS-Zerrbilder als Kunst und Aufklärung präsentieren. Natürlich ist ihre Meinung, ebenso wie jede Stümperei grundgesetzlich, geschützt, doch muss der Staat diesen bildungsbepinselten Blödsinn, der nichts anderes als antisemitische Hasspropaganda in „Stürmer“-Tradition ist und Lügen verbreitet, pekuniär und politisch fördern? Wo Blödsinn Blödsinn ist oder gelogen wird, muss man Blödsinn und Lügen benennen.

Fachidioten bereiten den Boden verbaler und körperlicher Gewalt gegen Juden

Toleranz endet, wo Intoleranz andere gefährdet. Letztlich bereiten jene Fachidioten den Boden verbaler und körperlicher Gewalt gegen Juden. Sie sind das scheinwissenschaftliche oder -künstlerische Alibi für Antisemitismus in Wort und Tat. Das dabei wirksame „Denk“muster der zu Untaten schreitenden Antisemiten ist klar: „Wenn schon die nationale sowie internationale geistige und künstlerische ‚Elite‘ den jüdischen Staat als Täter brandmarkt, können wir zur Tat schreiten und den Antijuden-Brand entfachen. Wir machen, was die nur denken, sagen oder malen.“ Messen kann man den Fachidioten-Einfluss auf antijüdische Gewalttaten der letzten Jahre freilich nicht, doch Tatserien bedürfen vorher eines (un)geistigen gesellschaftlichen Klimas. Dass diese Tatserien nicht abreißen, lässt sich nicht leugnen.

Israel wäre ein Produkt des Kolonialismus, behaupten Postkolonialisten. Das mag 1917 für die britische Balfour-Deklaration gegolten haben, die dem Zionismus Rückenwind verschaffte. Spätestens seit der Teilung „Palästinas“ im Jahre 1921 zuungunsten der Zionisten blies dem Zionismus der britische Wind ins Gesicht. Die jüdische Einwanderung wurde 1924 begrenzt und 1939 faktisch ganz unterbunden. Damals lebten noch alle späteren Holocaustopfer. Schließlich bombten die Zionisten von 1944 bis 1948 die britischen Kolonialherren aus dem Land hinaus. 1948/49 versuchten Palästinenser und Araber das neugegründete Israel zu beseitigen. Britannia half ihnen, doch auch das half nicht, die „Juden ins Meer zu werfen“. Das antikolonialistische Israel, ein Produkt des Kolonialismus?

Die Unterschiede zwischen Israel und der Apartheid Südafrikas sind Legion

Praktiziert Israel Apartheid? Selbst Deutschlands Ex-Außenamtschef Sigmar Gabriel sah es so. Aus Soli wurde ein internationaler Chor, bestehend aus lauter „ehrenwerten“ Männern und Frauen wie Sigmar Gabriel. Die anglikanische Kirche Südafrikas sowie der künftige Generalsekretär des Ökumenischen Kirchenrates, der südafrikanische Theologieprofessor Jerry Pillay, der wie alle schwarzen Landsleute die Pein der Apartheid bis 1994 erleiden musste, sprechen ebenfalls von Apartheid.

Sie haben offenbar vergessen, dass Schwarze damals nicht im „nationalen“, sprich rein weißen Gerichtshof oder Parlament vertreten sein durften, geschweige denn, wie in Israel bis 2021 dort die drittgrößte Fraktion stellten oder wie 2021/21 das Zünglein an der Waage der nationalen Koalition waren. Schwarze Studenten an „weißen Universitäten“? Von wegen. Arabische Studenten an israelischen Universitäten? Selbstverständlich, Tendenz steigend. Araber in „jüdischen Bussen“? Was denn sonst. Schwarze in „weißen Bussen“? Wie bitte? Arabische Kicker in Israels Fußballvereinen oder der Nationalmannschaft? Ja. Legion sind die Unterschiede zwischen Israel und der Apartheid Südafrikas bis 1994. „Alternative Fakten“ bzw. Lügen präsentiert nicht nur Donald Trump. Das schaffen auch Sigmar Gabriel oder jene Kirchenleute mit ihren Nach- und Mitläufern. 

Der große Sozialdemokrat August Bebel nannte den Antisemitismus „Sozialismus der dummen Kerle“. Heute singen im Chor der Antisemiten nicht nur dumme Kerle, sondern auch Fachidioten der vermeintlichen Elite.  Wie in Andersens Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ muss ein kleiner Junge kommen, der sieht und ausspricht, dass der Kaiser nackt ist.

Aufgrund der gegen sie gerichteten physischen und verbalen Gewalt haben seit der Jahrtausendwende ungefähr 80.000 der einst rund 500.000 Juden Frankreichs ihre Heimat Richtung Israel verlassen. Die Juden Deutschlands werden ihnen wahrscheinlich folgen, wenn der Antisemitismus der dummen und fachidiotischen Kerle nicht aufhört. Israel wird davon profitieren, Deutschland ideell und materiell verlieren.

Prof. Dr. Michael Wolffsohn ist Historiker und Publizist. 2022 erschien sein Buch „Eine andere Jüdische Weltgeschichte“