Neue Titanic-Chefin will männliche Autoren deckeln: „Von Böhmermann habe ich schon mal gehört“

Die 38 Jahre alte Julia Mateus ist die erste Frau an der Spitze des Satiremagazins Titanic. Denken und lachen gleichzeitig geht nicht, sagt sie.

Die neue Titanic-Chefredakteurin Julia Mateus
Die neue Titanic-Chefredakteurin Julia MateusTitanic/Frederike Wetzels

Bei dem Satiremagazin Titanic wird nach mehr als 40 Jahren mit männlichen Chefredakteuren erstmals eine Frau an der Spitze stehen: Die 38-jährige Julia Mateus ist seit 2020 Redakteurin bei der Zeitschrift. Sie bat darum, die Fragen schriftlich beantworten zu können. Der Redaktionsschluss sei nahe, und es sei wegen der Übergabe recht viel zu tun.

Frau Mateus, wie sind Sie Chefredakteurin geworden?

Es gab ein mehrstufiges Assessmentcenter. Da konnte ich mich durchsetzen, weil ich sehr gut bin. Und weil ich Mit-Herausgeberin Ella Carina Werner aus Hamburg kenne. Sie hat mir verraten, mit welchen Witzen ich bei den anderen Herausgebern punkten kann.

Wie wird man Satirikerin, also wie kriegt man diesen speziellen Humor, das Gespür für das Bitterböse?

Das kann ich nicht so genau sagen. Ich habe im Studium angefangen, Titanic zu lesen. Irgendwann habe ich dann mal einen Beitrag für die Rubrik „Vom Fachmann für Kenner“ geschrieben, der gleich genommen wurde. Da habe ich mich dann festgebissen.

Hatten Sie Vorbilder, weibliche Vorbilder ?

Nicht direkt, aber es gibt einige Autor:innen aus dem Titanic-Umfeld, die ich viel gelesen habe, zum Beispiel Fanny Müller oder Max Goldt.

Wie definieren Sie Satire?

Es gibt viele verschiedene Definitionen: eine Kunstform, die aus Widersprüchen Komik erzeugt. „Mit Früchten gefüllte Schale“ gefällt mir auch ganz gut.

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Zur Person
Julia Mateus, geboren 1984 in Hann. Münden. 1995 produziert sie mithilfe von Bastelschere und Pritt-Stift ihre erste Satirezeitschrift „Unterrock“. Nach dem Abitur studiert sie Soziologie, Psychologie und Kommunikations­wissenschaft in Hamburg. Ihre Masterarbeit hat satirische Medienkritik zum Thema. Für Spiegel Online und diverse Yellow-Press-Magazine arbeitete sie als Korrektorin. Als freie Autorin schrieb sie für Titanic, die taz und Extra 3. Seit 2020 war sie festangestellte Titanic-Redakteurin.

Was ändert sich mit Ihnen als Chefin?

Ich möchte gläserne Decken für männliche Autoren in der Redaktion einbauen lassen. Außerdem hätte ich gern mehr Kosmetikproben und Adelsthemen im Heft und werde sämtliche Bürokakteen in Seltene Erden umtopfen. Und mehr Push-Mitteilungen rausschicken.

Werden Sie das Gendern einführen?

In manchen Texten wird bereits gegendert. Aber wir haben dazu keine einheitliche Regel. Es kommt immer auf den konkreten Text an. Wenn wir zum Beispiel einen Welt-Artikel parodieren, würden wir darin nicht gendern. Man darf es damit aber auch nicht zu sehr übertreiben, sonst verschreckt man die Altabonnenten.

Wie verträgt sich Satire mit Krieg?

So wie ein Fahrradkurier auch bei Hagel und Schnee seine Sendungen ausliefert, machen wir auch in Kriegszeiten Satire.

Ich weiß ziemlich genau, dass mein 15-Jähriger die Titanic nicht verstehen würde. Wie wollen Sie diese Generation zum Lachen bringen?

Wir möchten mit Titanic bei dieser Generation den Status der Vinylschallplatte bekommen. Ein Medium, das nicht jeder Jugendliche hat; aber diejenigen, die es haben, schätzen es umso mehr. Titanic-Humor bedient ja generell eher ein Nischenpublikum.

Es gibt ja ganz schön viel Konkurrenz inzwischen, es gibt Böhmermann, das Zentrum für politische Schönheit, das Künstlerkollektiv Peng!. Wie wollen Sie sich da behaupten?

Von Böhmermann habe ich schon mal gehört, von den anderen beiden nicht.

Einer der erfolgreichsten Titanic-Titel ist die Zonen-Gaby mit ihrer ersten Banane, laut Bild-Zeitung ist es weltbekannt. Bei Ihnen im Shop gibt es davon Postkarten und Poster. Werden die noch nachgefragt?

Ja, da gibt es immer noch starke Nachfrage.

Die Titanic ist ja ursprünglich ein BRD-Gewächs. Würden Sie sagen, Sie sind heute gesamtdeutsch?

„Die endgültige Teilung Deutschlands – das ist unser Auftrag“. So steht es immer noch in unserem Impressum. Tatsächlich weiß ich aber ehrlich gesagt gar nicht, wer unsere Leser:innen sind.

Ist die Cancel Culture eine Gefahr für Satire?

Ja, aber ich arbeite mit einem Start-up zusammen, das demnächst selbständig festlegt, wo die Grenzen der Satire verlaufen, auf Grundlage eines Algorithmus, der Empörung und Kaufinteresse gleichermaßen berücksichtigt. Das funktioniert aber nur für Online-Satire. Für die härteren Witze muss man also weiterhin das Heft kaufen oder abonnieren.

Mir fallen jedenfalls einige Titel ein, von denen klar ist, dass Sie die nicht mehr bringen könnten. Ich denke an den Titel mit Roberto Blanco kombiniert mit dem N-Wort, die Brüste und Hamm-Brücher. Ist das ein Verlust? Wächst genug Satire-Material nach?

Ich distanziere mich grundsätzlich von allen Witzen meiner Vorgänger. Und in der Redaktion wurden gerade erst zwei neue Redakteur:innen eingestellt. Es wächst also noch genug Satire-Humanmaterial nach, auf das ich als Chefin zurückgreifen kann.

Werden Sie im Impressum das Kreuz hinter ehemaligen Mitarbeitern wieder einführen?

Ja, aber nur hinter den noch lebenden.

Warum haben Sie es überhaupt gestrichen?

Das war vor meiner Zeit.

Was ist Ihr Lieblingswitz?

Immer der aktuelle Titanic-Titel

Was ist der Wert des Lachens?

6 Euro (CHF 10,50).

Wie hängen Denken und Lachen zusammen?

Beides gleichzeitig geht nicht!