Rassismus und Homophobie: Die empfindlichen Stellen der Mehrheit

Dass Debatten mit diesen Alarmworten eskaliert werden, schmerzt und passt nicht zum Selbstbild der Mehrheit. Es lohnt sich, auch die Abwehrreflexe zu deuten.

Blut ist ein ganz besonderer Saft.
Blut ist ein ganz besonderer Saft.dpa/Rolf Vennenbernd

Die Mehrheit unserer Gesellschaft reagiert sehr empfindlich auf Kritik. Wenn man von strukturellem Rassismus oder Antisemitismus spricht, hören die meisten schon nicht mehr zu, weil sie sich als Rassisten oder Antisemiten beschimpft, wähnen und beleidigt sind. Die Abwehrreflexe wiederum werden von den Kritikern zur Kenntnis genommen und nicht ganz unberechtigt als Beleg für die Rassismusthese zurückgespielt, sodass wir schnell die nächste Stufe der Eskalation erreichen, das heißt, uns vom eigentlichen Thema entfernen.

Homosexuelle werden diskriminiert

Deshalb mal ein anderes Beispiel und eine kleine therapeutische Übung in Analyse und Reflexion. Es soll um die sexuelle Orientierung gehen. Die Mehrheitsgesellschaft ist in dieser Hinsicht möglicherweise gar nicht so liberal, wie sie glaubt. Nein, den Satz bitte nicht zuspitzen zu: Alle Heten sind homophob. Dennoch werden Homosexuelle diskriminiert. Dass dies von der Mehrheit kaum zur Kenntnis genommen und sogar geleugnet wird, ist ein Teil ihrer queerfeindlichen Charakterstruktur. Beweis? Bis heute werden Homosexuelle qua Richtlinie benachteiligt, wenn sie Blut spenden wollen.

HIV: Wie man das Übertragungsrisiko mindert

Männer, die mit Männern Sex haben, werden für vier Monate gesperrt, wenn sie einen neuen Partner haben. Bei heterosexuellen Spendern gilt diese Sperre nur, wenn sie den Partner häufig wechseln. Bis 2021 galt nach Angaben der Deutschen Aidshilfe sogar, dass schwule Männer ein Jahr lang keinen Sex gehabt haben dürfen, bevor sie ihr Blut geben dürfen. Es gehe darum, „das Übertragungsrisiko für durch Blut übertragbare schwere Infektionskrankheiten“ zu reduzieren. Wer könnte leugnen, dass hier gruppenbezogene Ressentiments im Spiel sind? Gesundheitsminister Karl Lauterbach hat, wie die dpa meldet, nun einen Änderungsantrag zum Transfusionsgesetz eingereicht. „Die sexuelle Orientierung und die Geschlechtsidentität dürfen keine Ausschluss- oder Rückstellungskriterien sein“ heißt es da schön rational.

Einen rationalen Grund hat es für diese Rückstellung nicht gegeben, das infektionsrelevante Verhalten wird vor jeder Spende individuell abgefragt, das Blut ohnehin vor jeder Transfusion untersucht. Und hier wird es interessant, denn es kommt eine symbolische Ebene ins Spiel, die auf unbewusste Widerstände und Ängste deutet. Blut ist ein ganz besonderer Saft, möglicherweise gibt es am dunklen Grund unserer Seele doch den Aberglaube, dass die Homosexualität selbst eine Krankheit sei und man sich anstecken könnte? Jeder vernünftige Mensch, und von denen gibt es ja auch in Mehrheiten welche, wird das sofort abstreiten. Seltsam, dass sich die Richtlinie bei so viel Vernunft so lange halten konnte.