Climate Cultures Festival: Gebt das Mikro ab!

Die Klimakrise wurde am Wochenende in der Alten Münze in Berlin kulturell betrachtet. Beiträge aus Russland forderten lautlos: No war! – Kein Krieg!

Die russische Klimajournalistin Angelina Davydova und Barbara Anna Bernsmeier (v. l.) bei der Moderation.
Die russische Klimajournalistin Angelina Davydova und Barbara Anna Bernsmeier (v. l.) bei der Moderation.CCnetwork Berlin/Jan Michalko

Der Titel eines der Bücher, die an diesem Wochenende in der Alten Münze in Berlin Mitte auslagen, beschreibt zugleich die Atmosphäre des Climate Cultures Festivals insgesamt: „CO2: Fünf nach zwölf“. Der Klimawandel schreitet mit großen Schritten weiter voran – und seine Auswirkungen werden zuerst die Staaten treffen, die ihn nicht in erster Linie verursacht haben. Es präsentieren in diesen Tagen im Hinterhaus des ehemaligen Münzprägewerks unter anderem Künstler aus Taiwan, Jamaika, Nigeria, Marokko, Tunesien und Südafrika ihren Blick auf den Klimawandel. Organisiert wurde das Festival von CCnetwork Berlin, das sich als Netzwerk für ästhetische Intervention an der Schnittstelle von Klima, Krise und Kultur versteht.

Auch russische Künstler und Aktivisten kommen zu Wort. Das Climate Cultures Festival bricht insoweit mit der künstlerischen und kulturellen Isolation des Landes, die seit dem Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine herrscht. Dabei, so zeigen die Künstler, die ihre Arbeit auf dem Festival präsentieren, sammelt sich gerade in der Kultur eine Opposition, die den Krieg ablehnt.

Der Blick wurde Richtung Süden gelenkt

Nicht fünf Minuten, sondern eine halbe Stunde nach 12 Uhr eröffnet am Freitag der Initiator der Veranstaltung, Martin Zähringer von CCnetwork Berlin, das Festival. Er verkündet den Slogan: „Pass the mic – reversing the gaze“, was bedeutet: „Gebt das Mikro ab – den Blick umdrehen“. Und so wird das Mikrofon auch sogleich abgegeben, und zwar an Vanessa Nakate, eine Klimaaktivistin aus Uganda. Sie spricht darüber, dass sie sich schon lange für den Blick Richtung Süden starkmacht. 

Der Rest des ersten Festivaltages ist – beispielhaft für andere lateinamerikanische Staaten – vor allem Jamaica gewidmet: Welche besondere Verantwortung trägt das Land für gewisse Ursachen des Klimawandels? Die besonderen Stichworte an dieser Stelle lauten Plantagenkapitalismus, Tourismus und Rohstoffindustrie. Im Zentrum dieses Panels, das aus Vorträgen, einem Kurzfilm, dem Film „Fly me to the Moon“ sowie einer Frage-Antwort-Runde besteht, stehen die jamaikanischen Wissenschaftlerinnen und Künstlerinnen Esther Figueroa und Imani Tafari-Ama.

Elektronische Insektenbeats

Am Sonnabend präsentiert das Panel „Klima und Klang“ zunächst, wie Musik sich im Kontext der Klimakulturen erneuern könnte. Dazu wird ein „ökoästhetisches“ Beispiel präsentiert, nämlich eine Klanginstallation der Berliner Klangkünstlerin und Hochschullehrerin Kirsten Reeses: Sie hat die Geräusche lokaler Insekten aus dem Tierstimmenarchiv des Naturkundemuseums künstlerisch inszeniert und zum Teil elektronisch verwandelt.

„Afrofuturismus“: Klimaschutz ohne quasi-kolonialistische Ausbeutung?

Das Panel „Afrofuturismus“ gibt Einblicke in die klimaaktivistischen Werke literarischer Newcomer. Zugeschaltet wird zum Beispiel die kanadisch-nigerianische Künstlerin Chinelo Onwualu. Sie stellt die unangenehme Frage: Wird es wirklich jemals eine wahre Befreiung Nigerias vom Kolonialismus geben – oder wird es in Zukunft weiterhin für Rohstoffe zur Produktion von Solar- und Windkraftanlagen vom globalen Norden ausgebeutet werden?

Klima und Krieg: „Utopie und Repression in Zeiten des Krieges“

Gegen Abend teilen schließlich verschiedene Künstler russischer Herkunft in ihren Videoarbeiten unter dem Titel „Klimakunst und Krieg“ ihre Perspektive auf den völkerrechtswidrigen Krieg, den ihr Land gerade führt, und dessen Auswirkungen auf das Klima.

Viele der anonymen Künstler, deren Werke auf der Leinwand zu sehen sind, befinden sich gegenwärtig im Exil, zum Beispiel in Georgien. Die Videoarbeit zeigt, warum: „Der Titel dieses Films würde mich in meinem Land ins Gefängnis bringen“, heißt es zu Beginn einer der Kurzfilme. Der Titel des Animationsfilms ohne gesprochenen Text erstrahlt: „NOWAR“ – also: „Kein Krieg“.

Zentrales Symbol dieses Films: eine Friedenstaube. Ihr Antagonist: eine Maske, deren Gesichtszüge denen Putins gestochen ähnlich sehen. Unter der schwebenden Visage werden anonymisierte Menschen zu Soldaten, indem sie in eine Kriegsmaschinerie geführt werden, in der jedem ein Gewehr in die Hand gedrückt wird. Alle stehen in Reih und Glied, alles geschieht durchgetaktet und im Gleichschritt. Die Botschaft ist klar: Der Diktator Putin übt die absolute Kontrolle über das russische Volk aus. Demonstrierende Kriegsgegner landen im Gefängnis – die Friedenstaube wird schließlich von Putin gefangen genommen und kann sich nicht mehr aus ihrem Käfig befreien.

Für die russische Klimajournalistin Angelina Davydova ist klar: Umweltschutz braucht ein friedliches Miteinander der Völker, denn er könne nur global funktionieren. Im Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine sei die Gasdebatte zum Symbolbild für die Verankerung dieser zwei Komponenten geworden.

Die Industrienationen brauchen ein neues Credo

Gegen Ende des Festivals, das im Ganzen eher einer Tagung als einem spartenübergreifenden Fest glich, wird der Blick dann auch auf Deutschland gelenkt: Worüber wollen wir uns als Nation definieren, wenn der Traum vom endlosen Wachstum ausgedient hat? Und vor allem: Werden wir es irgendwann schaffen, dem „System Auto“ den Rücken zuzukehren, wie von Umweltschützern seit langem gefordert, oder bleibt die Verkehrswende auf ewig Zukunftsmusik?

In den drei Tagen wurde viele Fragen gestellt – und nicht auf alle gab es Antworten. Über eines war man sich jedoch einig: Die Abwendung der Klimakrise ist ein globales Anliegen, das Zusammenarbeit erfordert, die nicht ohne Frieden funktionieren kann. Dabei sollten die in den Blick genommen werden, die die Folgen des Klimawandels zuerst treffen werden, obwohl sie am wenigsten Macht darüber haben, ihn zu stoppen: die Länder des globalen Südens.