Berlin - Wenn eine Berliner Schriftstellerin in Dresden Stadtschreiberin wird, ist das überregional bestenfalls eine Meldung wert. Der Umzug von Kathrin Schmidt in die von der sächsischen Landeshauptstadt zur Verfügung gestellte Arbeitswohnung löste jedoch in den vergangenen Tagen ein größeres Medienecho aus. Nach der Sächsischen Zeitung, die den Gast in einem Porträt vorstellte, berichteten die taz, die Süddeutsche Zeitung und zuletzt Deutschlandfunk Kultur. Hinzu kamen heftige Reaktionen in den elektronischen Portalen wie Facebook und Twitter. Gibt es etwas an der Entscheidung der Jury für die Stadtschreiberin zu deuteln?

Die Auseinandersetzung dreht sich nicht um die Lyrik und Prosa der Autorin, sondern um ihre politischen Auffassungen, vor allem zum Umgang der Bundesregierung mit Corona. Begleitet wird die Debatte von der auch an dieser Stelle schon häufig gestellten Frage, ob sich das Werk von der Wahrnehmung der Autorenpersönlichkeit trennen lässt. Also wie man Peter Handkes Sympathie für Serbien oder Monika Marons Kritik der Flüchtlingspolitik ausklammern soll, wenn deren neue Bücher erscheinen.

Zweifel an der Pandemie-Definition der WHO

Leser der Berliner Zeitung wissen schon lange, dass Kathrin Schmidt die Gefahren durch Covid-19 gering einschätzt und die Todeszahlen ins Verhältnis zu den großen Grippewellen setzt. In zwei Artikeln, erschienen im Mai („Des Kaisers neue Kleider: Das Virus und die Zahlen“) und im Oktober 2020 („Spaltpilz Corona: Empathie und Urteilsfreiheit“) beklagte sie ein Durchregieren der Bundesregierung, bedauerte mangelndes Vertrauen in die Theorien von Forschern wie Sucharit Bhakdi und Wolfgang Wodarg, zweifelte die Aussagekraft der Statistiken an und kritisierte die Pandemie-Definition der Weltgesundheitsorganisation. Kraft ihrer Ausbildung als Psychologin interpretierte sie vieles anders als etwa Christian Drosten oder Melanie Brinkmann.

Beide Texte waren bei uns in der Redaktion umstritten. Wir haben sie im Kulturteil veröffentlicht und nicht auf der Wissenschaftsseite, weil es sich um die Gedanken einer Schriftstellerin handelte. Kritiker wie Anhänger ihrer Ansichten bekamen in der Zeitung anschließend ebenfalls Platz, auch auf den Leserbrief-Seiten. In der Feuilleton-Redaktion gab es Einigkeit darin, die Debatte offenzuhalten. Man darf hierzulande nichts gegen die Corona-Politik sagen? Doch, man darf. Aber man muss auch aushalten, dass Behauptungen einem Faktencheck unterzogen werden.

Inzwischen hat sich Kathrin Schmidt ein weiteres Mal zu Corona geäußert, diesmal speziell zu den Impfungen (von denen ein großer Teil der Bevölkerung 2020 nur träumen konnte), konkret zu Vorschlägen, auch Kinder gegen Sars-CoV-2 zu impfen. Die Schriftstellerin, die der Partei Die Basis beigetreten ist und auf deren Berliner Landesliste für den Bundestag kandidiert, publizierte diesmal auf dem umstrittenen Online-Portal Rubikon, das sich als „Magazin für die kritische Masse“ bezeichnet. „Weißkittel mit finsteren Plänen“ ist der Artikel überschrieben, Unterzeile: „Mit den Forderungen nach einer Covid-19-Impfstrategie verletzt der 124. Deutsche Ärztetag sein Berufsethos.“

Im Text leitet sie die Gründung dieser Vertretung der Medizinerschaft aus der Geschichte her und verweist auf deren Nürnberger Kodex, der vor Versuchen mit Menschen (also auch Medikamenten- oder Impftests) „die freiwillige Zustimmung der Versuchsperson unbedingt erforderlich“ macht. Der Kodex war eine Reaktion auf die verbrecherischen Experimente in Konzentrationslagern und die Euthanasiepolitik der Nazis. Können Kinder bewusst Tests zustimmen? Kathrin Schmidt erklärt am Ende ihrer Ausführungen, es liege ihr fern, „das heutige Impfgeschehen mit den NS-Menschenversuchen gleichzusetzen“. Doch lässt es sich noch als Distanzierung deuten, wenn sie wenige Zeilen später die Bundesärztekammer „eindringlich an die Geschichte der deutschen Ärzteschaft“ erinnern möchte?

Wer fordert eine Impfpflicht für Kinder?

Der Ärztetag hatte auf seinem digital abgehaltenen Kongress im Mai darauf gedrängt, Impfstrategien für Kinder zu finden, um nicht im nächsten Schuljahr wieder Schulen schließen zu müssen. Von einer Impfpflicht war nicht die Rede. Bis heute empfiehlt die Staatliche Impfkommission die Impfung nur für Kinder und Jugendliche mit einem besonderen Risiko. Warum schlägt Kathrin Schmidt also in diesem Tonfall Alarm? Wir erreichen sie in Dresden am Telefon. Als Bedrohung habe sie diesen Satz des Deutschen Ärztetags empfunden: „Die gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe erlangen Familien mit Kindern nur mit geimpften Kindern zurück.“ Ihr Text wurde von dem als verschwörungspolitisch geltenden Kanal Ken FM von Ken Jebsen übernommen.  Sie habe davon nicht gewusst, es störe sie aber auch nicht. Die Weißkittel-Überschrift allerdings habe sie nicht so formuliert, ihre habe „Deutsche Ärztenacht“ gelautet, analog zum Ärztetag. Protest wäre ihr aber nicht eingefallen, sie stehe zum Inhalt. „Ich bin kein Opfer, ich zucke nicht zurück!“

Die Stadt Dresden sah sich am 21. Juni genötigt, ein „Statement zur aktuellen Diskussion um Stadtschreiberin Kathrin Schmidt“ auf die Homepage zu stellen. Darin heißt es nach einer Erläuterung des Auswahlverfahrens und einer Würdigung des literarischen Werks der Autorin: „Die Ansichten Frau Schmidts sind der Kulturverwaltung seit Anfang Juni 2021 bekannt. Traditionell fand ein Gespräch zwischen der diesjährigen Stadtschreiberin und der Beigeordneten für Kultur und Tourismus zum Beginn des Stipendiums statt. In dem Gespräch formulierte die Beigeordnete deutlich, dass sie die politischen Ansichten nicht teile und, dass das Recht auf freie Meinungsäußerung in der Bundesrepublik nicht eingeschränkt ist. (…) Kathrin Schmidt ist nunmehr aufgefordert, das Amt der Stadtschreiberin als renommierte und sensible Autorin auszufüllen und nicht mit parteipolitischen Diskursen zu vermengen.“

Die Kulturbürgermeisterin distanziert sich

Die hier erwähnte Beigeordnete ist Annekatrin Klepsch, oft kurz als Kulturbürgermeisterin bezeichnet. Zur offiziellen Vorstellung der Stadtschreiberin am 25. Juni hielt Klepsch eine Rede. Die Entscheidung habe die Stadt Dresden selbst ins Kreuzfeuer der Kritik gebracht. Natürlich brauche es einen öffentlichen Diskurs über Politik, auch über die Ausstattung des Gesundheitswesens. Der Respekt vor den an der Pandemie gestorbenen Menschen und deren Angehörigen gebiete es ihr aber, sich deutlich von Kathrin Schmidts Text zu den Impfungen zu distanzieren. Abenteuerlich erscheinen ihr die Ausführungen zum Berufsethos der Ärzte. „Noch ungeheuerlicher“ nennt sie die Behauptung, die Suche nach einer Impfstrategie für Kinder sei „ein großangelegter Menschenversuch“. 

Kathrin Schmidt sei zuvor nicht als politische Autorin aufgefallen, hieß es am Dienstag in einem Zeitungsartikel. Spätestens ihre Weimarer Rede aus dem Jahr 2019, abgedruckt in Sinn und Form, zeigte sie als kritische Beobachterin der Zeitläufte und ihrer Interpretation in den Medien. Es ging um die heftigen Reaktionen auf Pegida. Ihre in der Berliner Zeitung veröffentlichten Ansichten zu Corona sind hier und hier nachlesbar.