Seit ein paar Wochen habe ich das Wort Corona in schriftlicher Form nicht mehr verwendet. Es ist, als sei es aus der Zeit gefallen, obwohl die Inzidenzen weiterhin hoch und Krankheitsfälle im privaten Umfeld keine Seltenheit sind. Anlass zur Sorge gäbe es genug, zum Beispiel eine im Herbst erneut drohende Krisensituation mit steigenden Fallzahlen und überlasteten Gesundheitseinrichtungen. Irgendwann aber war ich erschöpft, nicht wegen Long Covid, sondern eher wegen der Überforderung, all die Regeländerungen und -anpassungen noch nachzuhalten.

Ich blieb gewissenhaft bei der Einhaltung der Maskenpflicht, und jetzt, so sie weitgehend aufgehoben ist, werde ich sie beibehalten – man weiß ja nie. Die Erschöpfung resultiert vermutlich aus der Unfähigkeit, im Habachtmodus zu verharren. Weit davon entfernt, alles in gleichgültiger Stimmung zu betrachten, bin ich irgendwann dazu übergegangen, den inneren Alarmzustand aufzuheben. Noch immer aktiviere ich regelmäßig meine Corona-Warn-App, aber gelassen registriere ich die Tatsache, dass sie seit Monaten rot leuchtet, unterbrochen von kurzen Grünphasen, die ich keineswegs als Entlastung auffasse. Steht das Grün nicht vielmehr für einen besorgniserregenden Zustand der Isolation? Die Rückkehr zur Normalität, die vor mehr als einem Jahr auch ich in zahlreichen Artikeln beschworen habe, erscheint mir nun als psychosoziales Moratorium, welcher Art auch immer.

Das Personal, Sie wissen schon

Selbst der Alltag draußen vor der Tür hat Ermüdungsbrüche erlitten. Die schöne Gewissheit, dass da draußen in nie nachlassender Geschäftigkeit Waren aller Art offeriert werden, hat Risse bekommen. Selbst die Einzelhändler, die überlebt haben, haben jetzt, seit sie wieder kraftvoll zum Zuge kommen könnten, vorübergehend geschlossen oder die Öffnungszeiten deutlich reduziert. War es vor der Pandemie eine unausgesprochene Dienstleistungspflicht, durchgehend geöffnet zu haben, heißt es heute 12–18 Uhr oder auch: donnerstags und freitags von 14–16 Uhr. Personalmangel, Sie wissen schon.

Vor ein paar Jahren noch habe ich ein Türschild mit der Aufschrift „Auf ist, wenn auf ist“ als coole Abwehr jeglichen Konsumzwangs verstanden. Heute, so scheint mir, ist diese Form eleganter Hybris oder auch nur Souveränität abhandengekommen. Und jetzt? Das Corona-Gefühl ist noch nicht verflogen und die Ankunft einer Kriegskultur jenseits des nahen Kriegsgebietes gestehen wir vorerst nicht ein.