Danke, Greta! Die Erosion des Patriarchats schreitet voran

Der Streit, den Andrew Tate gegen Greta Thunberg auf Twitter entfacht hat, mahnt: Helfen wir den Hassfluencern bei der Verwandlung von Eigentoren.

Die schwedische Klima-Aktivistin Greta Thunberg.
Die schwedische Klima-Aktivistin Greta Thunberg.AFP

Um Debatten ihrer emotionalen Energie zu berauben, fragt man gern, welche Signifikanz diese Debatte oder die von ihr betroffenen Personen überhaupt haben. Dies ist natürlich auch eine gern genommene Frage bei dem toxischen Männlichkeitsideal Andrew Tate, der sich in einer komplizierten PR-Aktion gerade ausführlich selbst ins Knie geschossen hat.

Nachdem ihn sein Freund Elon Musk wieder für den Nachrichtendienst Twitter zugelassen hatte, nutzte er dies umgehend, um Greta Thunberg mitzuteilen, dass er 30 Autos habe.

Greta schrieb ihm daraufhin zurück, sie würde sich brennend dafür interessieren und er möge ihr doch bitte eine E-Mail an die Adresse smalldickenergy@getalife.com (mikropenisenergie@traurigerwicht.de) schreiben. Das fanden mehr als zwei Millionen Nutzer:innen witzig und waren der Meinung, Herr Tate habe eine Niederlage erlitten. Doch diese war ihm offensichtlich noch nicht groß genug. Er postete zehn Stunden später eine Erwiderung, in der er Frau Thunberg sagte, sie habe einen kleinen Penis.

Als wäre dies alles noch nicht schwach genug, bildete er sich dazu mit drei Pizzaschachteln ab, auf denen die Adresse einer rumänischen Pizzeria zu sehen war. Dies war der dringende Hinweis, den die rumänischen Behörden brauchten, um einen Haftbefehl gegen Herrn Tate zu vollstrecken, sodass dieser den Abend seiner denkwürdigen Twitter-Auseinandersetzung nicht im virtuellen Raum, sondern in einem realen Beispiel rumänischer Profanarchitektur verbringen durfte. Haftgrund war der Verdacht auf Menschenhandel zum Zwecke der Prostitution.

Propagandist für Alphamännchen

Wie gesagt, man kann natürlich fragen, ob all dies mehr ist als eine unwichtige Auseinandersetzung von mehr oder weniger prominenten Menschen. Und die meisten hier werden wohl noch niemals zuvor von Andrew Tate gehört haben. Es darf aber davon ausgegangen werden, dass er seine teueren Autos und großen Häuser nicht durch fleißiges Abwaschen oder tüchtiges Sparen seiner ehemaligen Siegprämien als Kickboxer erworben hat.

Nein, er verdient sein vieles Geld als Influencer, indem er also Menschen seine Weltsicht mitteilt und sich dies bezahlen lässt. Er ist – wie soll man sagen? – Gründer und Präsident der Hustler's Academy, deren Mitglieder er zu hochgradig fragwürdigen Geschäftsmodellen berät. Herausragend sind seine monumentale Frauenverachtung und sein Hass gegen Homosexuelle, gepaart mit einem lächerlichen Männlichkeitsmodell, gegen das jedes Pavianmännchen wie ein Feminist wirkt.

Mit einigem Recht könnte man die Signifikanz dieser unerträglichen Figur hinterfragen. Doch noch mal – er hat mit seinem Geschäftsmodell viel Geld verdient, das ihm seine Kundschaft ja freiwillig überwiesen hat. In einer Welt der sich verändernden Beziehungen zwischen den Geschlechtern, ja der sich verändernden Auffassungen von Geschlechtern, einer Welt, die erkennbar von der Erosion des Patriarchats alter Bauart geprägt ist, bietet Andrew Tate seinen Followern nämlich Sicherheit und Stabilität.

Er propagiert ein Weltbild, das einfach ist und in dem Männer, wenn sie nur „richtige Männer“ im Tate’schen Sinne sind, die naturgegebenen Herrscher der Welt sind. Gern zieht er dabei sehr schräge Biologismen heran, wie beispielsweise das Modell vom Alphamännchen. Damit versucht er die Natürlichkeit und letztendlich Zwangsläufigkeit des patriarchalen Weltbildes herzuleiten. Jede Abweichung oder jeder Verstoß dagegen wie Homosexualität oder Gleichberechtigung stellen in diesem Sinne Fehlentwicklungen dar, die nicht akzeptiert, sondern bekämpft werden müssen.

Das Problem der Incels wird unterschätzt

Gerade für junge männliche Personen besitzt ein solches Weltbild eine nicht zu unterschätzende Anziehungskraft. Oft können ihnen weder ihre Mütter noch ihre Väter Erfahrungen vermitteln, die für diese Welt von Nutzen sein können. Sehr häufig gibt es für diese Jungen praktisch keine männlichen Bezugspersonen. Väter verlassen ihre Kinder weiterhin oft. In den sozialen Berufen und dem Bildungswesen arbeiten vorwiegend Frauen. Da kann dann so ein „richtiger Mann“ in bestimmten, besonders vulnerablen Phasen wie beispielsweise der frühen Pubertät verzweifelt gesuchte Antworten geben. Das Problem der sogenannten Incels, also von Männern, die sich als unfreiwillig zölibatär lebende Menschen in vom Menschenhass geprägten Internetforen zusammenfinden, wird weiterhin unterschätzt.

Da das Weltbild der Incels große Schnittstellen zum Rechtsextremismus hat, werden auch deren Straftaten häufig in diesem Sinne eingeordnet. Und doch sind viele Attentäter der vergangenen Jahrzehnte explizit auch über diese toxische Ideologie miteinander verbunden. Gerade die „einsamen Wölfe“, die sich ohne organisatorische Anbindung im Internet bis hin zur Mordlust radikalisieren, sind auch überzufällig häufig bis in die Haarspitzen von toxischer Männlichkeit vergiftet.

Deswegen ist es so wichtig, sich den Propagandisten dieses Weltbildes entgegenzustellen, wie dies Greta Thunberg gemacht hat. Wenn diese sich dafür zum Dank auch noch umständlich selbst ins Knie schießen, umso besser.

Jakob Hein ist Schriftsteller und Psychiater in Berlin. Zuletzt erschienen: „Der Hypnotiseur oder Nie so glücklich wie im Reich der Gedanken“ und zusammen mit Kat Menschik: „Kat Menschiks und des Psychiaters Doctor medicinae Jakob Hein Illustrirtes Kompendium der psychoaktiven Pflanzen“. Beide Titel bei Galiani, Berlin 2022