Berlin - Vom englischen Klerikalen und Schriftsteller G. K. Chesterton stammt der schöne Satz: „Was hatte man dem ,kleinen Mann‘ nicht alles versprochen: das Land Utopia, den kommunistischen Zukunftsstaat, das Neue Jerusalem, selbst ferne Planeten. Er aber wollte immer nur eins: ein Haus mit Garten.“ Die Ironie dieser Aussage kann deren wahren Kern kaum verdecken.

Natürlich – und zu Recht – steht die Wohnungsfrage weit oben auf der gesellschaftspolitischen Agenda. Sobald aber die Versorgung mit einer adäquaten und bezahlbaren Wohnung individuell gewährleitet ist, ändert sich die Perspektive. Dann richtet man sich ein. Dann wird sie als handfester Besitz an Gut und Boden umgemünzt in Gefühlswerte. Wobei Zeitgeist, bildersprachliche Nostalgie und das aktuelle Angebot im lokalen Baumarkt eine (un)heimliche Allianz eingehen.

Wie war das? Es gibt kein richtiges Wohnen im falschen? So ähnlich lautete es doch, das Sprüchlein von Adorno – damals, als die Dialektik noch als der Königsweg zur Kulturkritik galt. Heute fragt der kritische Geist, warum das Verhältnis zwischen Architektur und Wohnen so unbestimmt ist. Zwar liegt eine entscheidende Weichenstellung der Moderne darin, den Wohnungsbau nicht nur als sozialpolitische, sondern auch als Aufgabe der Architekten entdeckt zu haben.

Ikea – keine Entscheidung fürs Leben

Aber dabei gingen diese – ganz selbstverständlich – davon aus, dass sich die Menschen nach ihren Maßstäben erziehen lassen. Das konnte nicht gut gehen. Und trotzdem baut man stur so weiter, nach überholten Rezepten, mit unflexiblen Grundrissen und schachtelartiger Anmutung.

Wenn die Baukunst hier überfordert erscheint, dann gilt das nicht für Ikea. Die Gründung der ersten deutschen Filiale 1974 in München traf auf eine Generation, die sich auf der Flucht befand aus dem elterlichen Ambiente von Schrankwänden in Eiche rustikal, von orientalisierenden Sesselungetümen und Vertikos, die als unverrückbare Trutzburgen dem Sonntagsgeschirr Zuflucht boten. Hell, mobil, funktional, leicht zu säubern, transparent und niemals eine Entscheidung fürs Leben – Ikea produzierte die idealen Möbel für die erste bewusst bindungsschwache Generation. Indem Ikea auf Fachverkäufer verzichtete, schaffte es den Agenten einer Geschmackskonvention ab. Dem Individualismus wird hier viel Raum gegeben, der Tendenz zur Abschottung Vorschub geleistet.

Der junge Mensch, der in den 1970ern den Mann im Möbelhaus für eine Art Erziehungsinstanz hielt, ist auch heute noch allergisch gegen Beratung in Stilfragen. Bei Ikea gibt es, platt gesagt, eine domestizierte Variante der Bauhausästhetik zu kaufen. Deren Nüchternheit ist abgemildert durch die skandinavische Wohnfolklore, die auf einem sorgsamen Umgang mit Farben und Licht basiert. Inzwischen wird der ursprünglich auf Kiefernholz basierende Ikea-Look ergänzt durch Hartschaum, PVC, Metall, Nylon und Leder. Gleichwohl, auf eine anheimelnde Weise scheint das Design nichts als praktisch zu sein. So ist Ikea Umschlagplatz einer Wohnlichkeit geworden, die – paradox genug – Vereinzelung und Vermassung vereint.

Damit hat Ikea geschafft, was der Architektur trotz aller Anstrengungen bislang verwehrt blieb. Kaum je hat diese sich der Einsicht in die Notwendigkeit gebeugt, dass es einer persönlichen Ausgestaltung von Identität und Geborgenheit offensichtlich bedarf – und sei es in immergleichen Schablonen. Der Möbelkonzern indes hat verstanden, dass Massenkultur eine Angebotsökonomie darstellt (und natürlich entsprechend davon profitiert).

Die ethisch-moralische Haltung der Architektur scheint dem allerdings nach wie vor entgegenzustehen. Und das, obwohl es dem Konsumenten nicht um den sinnerfassenden Nachvollzug eines vom Baumeister erfundenen Inhalts geht, sondern um die eigene Findung von Bedeutung im Kontext des alltäglichen Lebens. Denn Heim und Heimat entstehen heute nicht mehr beim Häuslebauen, mit dem die private Umwelt durchgearbeitet wird; vielmehr vollzieht sich dieser Prozess im Zuge einer konsumierenden Aneignung ästhetischer Identitätsangebote.

Gibt es das Haus für alle?

Das Dreiecksverhältnis von Rationalisierung, Angebotsökonomie und Publikums-geschmack wird damit aber nicht ausgehebelt. Tiefgreifende Individualisierungs-tendenzen in unserer Gesellschaft existieren gemeinsam neben nicht minder fundamentalen Standardisierungsbestrebungen, ohne dass man es sich recht bewusstmacht. „Das Haus für alle“ bestimmt das architektonische Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit wohl einprägsamer als alle baukulturellen Leuchtturmprojekte. Freilich ist man dabei stets konfrontiert mit dem (nicht nur) in Deutschland übermächtigen Hang zur individuellen Gestaltung des Eigenheims.

Gleichsam unabweislich scheint hier der Weg vom Funktionalen zum Billigen, von der Kreativität zum Trash. Ob es sich um eine bloß monokausale Wirkungskette handelt, darf jedoch bezweifelt werden. Denn die Lebenswelt lehrt: Wiederkehrende, beständige Formen bergen eine Menge Trost. Mögen traditionelle Bildsprachen und Darstellungsgewohnheiten durchaus dominieren, in ihnen drückt sich die Sehnsucht nach Werten aus. Stets sind rituelle, standardisierte Prägungen die bewunderte Ausdrucksform: das, was schon immer da war und Halt versprach.

Folgerichtig sind jene Architekturen, die landauf, landab – gleichsam in den Grauzonen unserer Aufmerksamkeit – entstehen, in erster Linie dem Pragmatismus verpflichtet. Obschon alles andere als individuell und persönlich, zeigen sie sich nur selten schnörkellos. Sie sind nur ausnahmsweise innovativ, jedoch sehr empfänglich für gängige Trends. Sie reproduzieren Gewohntes und orientieren sich an marktüblichen Standards.

Die Architektur igelt sich ein

Offenbar lässt sich aus der Dialektik von Vereinheitlichung und Differenzierung, Freiheit und Bindung, universalistischer Strömung und partikularistischer Bestrebung doch so etwas wie Identität schöpfen. Die Art und Weise, wie wir wohnen (wollen), unterliegt offenkundig nicht der gleichen Dynamisierung wie andere Alltagszusammenhänge. Im Gegenteil: Im gleichen Maße, wie die Globalisierung eine stärkere Nivellierung der Lebensumstände provoziert, scheint das Bedürfnis nach je eigenen Kulturen und Traditionen zu wachsen. Konsequenterweise bestimmen regionale, lokale oder geschichtliche Anleihen heute die Marketingstrategien industrieller Hersteller. Die Angebotspalette der Baumärkte tut dann nur ein Übriges.

In einer Zeit ästhetischer Unsicherheit igelt sich die Architektur zugunsten ihrer Selbsterhaltung ein. Qualitätsurteile billigt sie nur Berufsangehörigen zu. Dass es eine absolute, eine objektive Qualität gibt, bleibt indes eine Behauptung. Vielmehr ist Qualität immer subjektiv: gebunden an das Verhalten, Erleben und Empfinden des Einzelnen. Sie entsteht nicht automatisch, wenn bestimmte Formen, Attribute und Grundsätze eingehalten werden. Zur Funktion guter Architektur gehört auch, dem Irrationalen seinen Raum zu geben – Häuser zu bauen, die nicht unbedingt gemütlich, in jedem Falle aber gemütvoll sein müssen. Liegt womöglich die große Gemeinsamkeit von Kitsch und Avantgarde darin, dass ihre jeweiligen Protagonisten die Stereotype von gestern verinnerlicht haben, die ernsthaft zu hinterfragen sie nicht bereit sind?

Robert Kaltenbrunner ist Architekt, Stadtforscher und in leitender Funktion beim Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (Bonn/Berlin) sowie als freier Publizist tätig. Als Co-Autor hat Kaltenbrunner das Buch „Die Stadt der Zukunft “ geschrieben und 2018 im Aufbau-Verlag veröffentlicht.