Der Theatermacher Milo Rau gibt Preisgeld an entblößte ägyptische Mumie weiter

Mit den 30.000 Schweizer Franken soll die vor 2600 Jahren gestorbene Priesterin Schepenese bis zu ihrer Rücküberführung würdig aufbewahrt werden.

Blick in den Barocksaal der Stiftsbibliothek St. Gallen. In einer ähnlichen Vitrine liegt die Mumie.
Blick in den Barocksaal der Stiftsbibliothek St. Gallen. In einer ähnlichen Vitrine liegt die Mumie.Stiftsbibliothek St. Gallen

Seit Christoph Schlingensief weiß wohl keiner besser als der Theatermacher, Kunsttheoretiker und ehemalige Kolumnist dieser Zeitung, Milo Rau, dass die Kunst mit dem Auftritt in den Medien längst angefangen hat. Das Zustandekommen seiner Projekte macht bereits das zu Erzählende kenntlich, und die Berichterstattung darüber ist immer ein wichtiger Teil der Inszenierung. Ob er Prozesse im Kongo oder in Moskau führt, über Völkermorde aufklärt, Parteien gründet, Manifeste ausruft oder die Bibel neu verfilmt: Der Apparat der Rezeption und Interpretation ist schon mit der Ankündigung der Projekte in Bewegung gesetzt, lange bevor es ein Werk im engeren Sinn überhaupt gibt. Es wäre kleinlich, die Angeberei einer solchen Vorgehensweise zu kritisieren, bei der Rau als Künstler zwangsläufig immer die Hauptrolle spielt. Schließlich überstrahlt die Relevanz der Themen stets die Eigeninszenierung – man könnte allerdings auch sagen, dass sie auf ihn abfärbt.

Am heutigen Donnerstag zeichnet ihn die Kulturstiftung St. Gallen mit dem Großen Kulturpreis aus, „weil er sich seit Jahren immer wieder einmischt und seine Finger mitten in die Wunden legt, die erst dann heilen können, wenn der Grund der Verletzung klar ist und sich direkt oder indirekt Betroffene dazu äußern können“. Dass die Betroffene sich in diesem Fall nicht äußern wird, weil sie schon 2600 Jahre tot ist, dazu unten mehr.

Bei der Arbeitsweise Raus war es fast vorauszusehen, dass sein Heimatkanton ungefragt zu einem Teil und sogar zum Finanzier der nächsten Inszenierung wird. Am Mittwochabend, dem Tag vor der Verleihung, gab Rau unerschrocken hochtrabend in einer „St. Galler Erklärung für Schepenese“ bekannt, dass er das Preisgeld von 30.000 Franken (30.400 Euro) „reinvestieren“ wolle. Er habe die Absicht, das Geld an Schepenese weiterzureichen, eine berühmte ägyptische Mumie, die in der St. Galler Stiftsbibliothek in einem gläsernen Sarg aufgebahrt liegt.

Bis zur Brust ausgewickelte Priesterin

Der Leichnam der vor 2600 Jahren gestorbenen Frau ist bis zur Brust ausgewickelt worden und den Blicken der ungefähr 100.000 jährlichen Besucher der barocken Bibliothek ausgesetzt. Sie ist der Stolz St. Gallens, gehört zum Weltkulturerbe und findet noch schönere Würdigung in dem Denkmal, das der Schriftsteller Thomas Hürlimann der Bücherarche in seiner Novelle „Fräulein Stark“ gesetzt hat.

Rau und die von ihm ins Feld geführten Experten und Unterstützer sehen in dieser Art der Zurschaustellung die Würde der Toten verletzt. Mit dem Geld solle nun eine pietätvolle Zwischenlösung finanziert werden. Ziel der Aktion ist die Rücküberführung oder „Heimkehr“ der Mumie in den Hatschepsut-Tempel von Luxor, zu Schepeneses Zeiten noch Theben, wo auf den Tag genau vor 25 Jahren ein Attentat auf die Touristenattraktion stattgefunden hat, bei dem 36 der 62 Opfer Schweizer waren. Auch das wird – „unsere Gedanken sind bei den Hinterbliebenen“ – in die Aktion eingeflochten.

Geraubt, verliehen und verkauft

Ein Clou der Erklärung ist, dass sie die Geschichte der Toten parallel zu der Kulturgeschichte St. Gallens erzählt und dabei fast nebenbei betont, wie jung das barocke Gepränge ist, gemessen an der altägyptischen Kultur: Bei der Toten handele es sich um eine „Priestertochter, die zwischen 700 und 650 v. Chr. zur spirituellen Elite gehörte. Sie starb mit schätzungsweise 30-40 Jahren und wurde in der Nekropole von Theben bestattet. Damals war St.Gallen unbesiedeltes Gebiet, die christliche Religion war noch nicht begründet. Es sollte noch 1500 Jahre dauern, das Römische Reich entstehen und untergehen und Europa in die Wirrnisse der Völkerwanderung fallen, bis die erste in der Stiftsbibliothek kopierte Bibel entstehen konnte. Nochmal 1000 Jahre sollten vergehen, bis die Mumie mit dem reich bemalten Innen- und Außensarg in die Schweiz gelangte.“ Für Rau und die Seinen steht außer Frage, dass Schepenese geraubt, dann verliehen und verkauft wurde.

Aber kann und will man das so genau wissen? Der Stiftungsbibliothekar bestreitet in der Schweizer Zeitung Blick, dass man das überhaupt rekonstruieren könne, er habe nichts gegen eine sachliche Diskussion, aber ein Gespräch über eine Rückführung sei überhaupt nur vorstellbar, wenn die ägyptische Regierung eine solche fordere. Er sehe auch die Würde von Schepenese nicht verletzt. In einem neunseitigen Schreiben nimmt die Bibliothek Stellung.

Raus Erklärung, die unter anderem von Schriftstellern wie Sibylle Berg, Peter Stamm, Adolf Muschg, Kim de l’Horizon, Historikern wie Jakob Tanner und Gesine Krüger oder dem Publizisten Roger de Weck unterschrieben wurde, zeigt kein Foto der Toten, aber natürlich will man sich ein Bild machen und die bisherigen Berichte werden allesamt mit der Mumie illustriert. Indem man die junge Priesterin anblickt und sie mit den Blicken zum Objekt macht, versteht man auch ohne Provenienzforschung die spirituelle Grenzverletzung sofort. Und Milo Rau ist wieder mal der Gute. Und wir fühlen uns schlecht, weil wir Schepeneses Bild gegoogelt haben.