Kann eine Miss-Wahl überhaupt zeitgemäß sein? Wenn es konzeptuell um Schönheit gehen muss, gleichzeitig aber Diskriminierung vermieden werden soll? Wenn in einer Gesellschaft über #MeToo-Skandale gerungen, über Themen wie Bodyshaming und Misogynie gestritten wird, kann ein Schönheitswettbewerb eigentlich nur wie ein Anachronismus wirken. Wie eine aus der Zeit gefallene Veranstaltung.

Und doch suchen sie bei ProSieben auch in diesem Jahr „Germany’s Next Topmodel“. Die 16. Staffel läuft gerade wieder donnerstäglich und bemüht sich um einen Anstrich von Diversität, von Authentizität und Persönlichkeit, um dann im Verlauf der Show die jungen Kandidatinnen fast nackt über den Catwalk zu schicken und damit alle Versuche, einen irgendwie modernen, zeitgemäßen Begriff von Beauty-Wettbewerben zu konstruieren, komplett ad absurdum zu führen.

So ähnlich verhält es sich auch mit der Wahl zur Miss Germany, die in diesem Jahr trotz Corona und trotz anhaltender Konzeptkritik ausgerichtet wurde. Am Samstagabend stand im Europa-Park im baden-württembergischen Rust fest: Die Thüringerin Anja Kallenbach ist die neue „Miss Germany“. Seitens der Veranstalter wird betont, die 33-Jährige sei zweifache Mutter. Erfolg sei für sie „nicht zu denken, sondern einfach zu machen – mit viel Humor und Leidenschaft“, sagte Kallenbach, kurz bevor man ihr die Schärpe umhängte. 

Doch auch eine Wahl, in der viele Teilnehmerinnen mit besonderen Geschichten aufwarten konnten, kann die Widersprüche des Miss-Wahl-Konzepts nicht überdecken. Kallenbach erzählte von einer schwierigen Schulzeit, davon, wie sie schließlich doch ein Studium absolvierte, Geschäftsführerin in einem Einzelhandelsunternehmen wurde. Eine Mutter als Schönheitskönigin, das hatte es bereits im Jahr zuvor gegeben: Leonie von Hase wurde im Februar 2020 in Rust zur „Miss Germany“ gewählt, sie war die erste Mutter, die diesen Titel erhielt und mit 35 Jahren die bis dahin älteste Kandidatin auf dem Siegertreppchen.

Eine Kandidatin mit künstlichem Darmausgang

Insofern ist mit Kallenbachs Wahl in diesem Jahr nicht einmal etwas Neues geglückt. Die Veranstalter betonten zuletzt immer wieder, dass es nicht mehr vorrangig ums Aussehen gehen soll, sondern um die Persönlichkeit und Ausstrahlung der Frauen. In diesem Jahr waren unter den 16 Kandidatinnen, die es ins Finale schafften, eine Aktivistin, die gegen die Diskriminierung dicker Menschen kämpft, eine Überlebende sexueller Gewalt, eine Zeugen-Jehovas-Aussteigerin und eine Frau mit künstlichem Darmausgang. Die Teilnehmerinnen mussten sich in verschiedenen Runden präsentieren und ihre Botschaft deutlich machen. Es blieb aber, auch das ist dem Konzept geschuldet, bei kurzen, allenfalls angerissenen Problematisierungen. Es ist eine Misswahl, kein Frauenrechtsforum. Da können im Hintergrund noch so oft die Worte „Authentic“ und „Empowerment“ über die Videowand flackern.

Okay, die früheren Knigge-Trainings vor dem Finale, das Schaulaufen im Bikini und das Teilnahmeverbot für Mütter gibt es nicht mehr. Das bedeutet aber nicht automatisch mehr Authentizität, das wurde am Sonnabend klar. Zwar herrschte auf der Bühne ein Klima des intensiven Bestärkens, des Sich-gegenseitig-Versicherns, dass das herrschende Schönheitsideal jungen Frauen ohnehin nicht gut täte.

Julia Kremer aus Hamburg etwa sagte vor der Show, bei einer normalen Misswahl hätte sie als dickere Frau wohl keine Chance gehabt. Dicke Menschen würden immer noch stark diskriminiert: Als sie sich beispielsweise bei einer Moderatorenschule beworben habe, sei ihr gesagt worden, dass sie nur einen Job finden würde, wenn sie drastisch abnehme. „Jetzt gehe ich meinen eigenen Weg. Nennt mich fett, nennt mich dick – das sind für mich keine Waffen mehr, um mich kleinzumachen.“

Aber warum nimmt sie teil an einer Show, die jahrzehntelang genau diese Ideale verstärkte, denen sie nicht entspricht. Warum gibt sie sich her als Feigenblatt für den höheren Anspruch? Kremer sagt, sie wolle erreichen, dass dicke Frauen nicht mehr diskriminiert werden: „Ich will, dass sich Sehgewohnheiten verändern, dass sich die Gesellschaft an dicke Menschen gewöhnt.“ Nur, das sollte in einem Land, in dem die Bevölkerung immer dicker wird, ja eigentlich nicht das Problem sein. Kremer schreibt es selbst auf ihrem Instagram-Account: 60 Prozent der Frauen in Deutschland tragen Kleidergröße 42 oder mehr. Es ist Alltag, aber auf Bühnen von Schönheitswettbewerben eben immer die Ausnahme. Bei Frauen wie Kremer spricht man von Plus Size Models oder von Curvy Models, für sie gibt es am Ende eigene Rubriken, eigene Shows. Mit Diversität hat das nichts zu tun.

Und so ging es auch auf der „Miss Germany“-Bühne am Ende nur um den schönen Schein. Die Frauen traten in verschiedenen Outfits auf, in Kategorien, die am Ende doch wieder nur klischeehafte Weiblichkeit vermittelten: „Family & Home“ oder „Beauty & Care“ zum Beispiel. Und dann flog eine Kandidatin nach der anderen raus, da konnten die Moderatoren noch so oft beteuern, dass alle Gewinnerinnen seien. Das mag zwar nicht so hart klingen wie Heidi Klums: „Ich habe heute leider kein Foto für dich.“ Es bleibt aber eine oberflächliche Veranstaltung, ein Konzept, das man am Ende nur auf eine Weise modernisieren kann: indem man es abschafft.