Die Empörung darüber, dass der Bundestag am Donnerstagvormittag nach der emotionalen Rede von Wolodymyr Selenskyj zur Tagesordnung überging und die Bundestagspräsidentin erst einmal zwei Parlamentariern zum Geburtstag gratulierte, ist enorm und weist auf eine empfindliche Stelle hin. Norbert Röttgen von der CDU twittert: „Das war heute der würdeloseste Moment im Bundestag, den ich je erlebt habe!“ Weniger prominente Twitterer wollen die Schande deutlich machen, indem sie unter dem Hashtag #Tagesordnung Fotos von Kriegsschäden und Opfern posten – und das Ganze mit jeder Menge Kotz-Smileys dekorieren. Die Regierung ist rhetorisch in die Falle gegangen, die Opposition sahnt ab – und auf einmal ist der selbstreflexive Streit über die Tagesordnung wichtiger als alles andere.

Natürlich wäre eine Antwort des Kanzlers angemessen gewesen. Ein Statement, in dem er seine Anteilnahme zeigt und erklärt, warum er die Wünsche des ukrainischen Präsidenten nicht erfüllen wird und was die Regierung stattdessen zu tun gedenkt. Olaf Scholz hätte sprechen müssen mit dem Wissen, dass Selenskyj mit seiner Antwort nicht zufrieden sein kann. Und dass das Elend, die Gewalt, das Sterben mit so einer Antwort nicht aufhören.

Der Begriff Tagesordnung steht in Spannung zu einem anderen Begriff, der in den letzten drei Wochen strapaziert wurde: Zeitenwende. Zwischen diesen beiden Begriffen ist nicht nur die Politik, sondern sind auch wir gefangen: zwischen dem Meistern des eigenen Alltags und dem Reagieren auf eine brutale Wirklichkeit, vor der dieser Alltag jämmerlich und nichtig erscheint. Angesichts der Gräuel und der Aussichtslosigkeit dieses Krieges verschlägt es einem die Sprache, klappert man die Möglichkeiten ab, Hilfe zu leisten, tut, was man kann, und erachtet es für zu gering. Aber dann greift man doch zum Lappen, um den Kühlschrank zu säubern, geht einkaufen und liest den Kindern Gutenachtgeschichten vor. Das Gewissen ist ein geduldiger und verlässlicher Troll, es schaltet die Bilder aus der Ukraine dazu. Eine Tagesordnung ohne diese Bilder gibt es nicht mehr.