Berlin - Das Schweigen der Verantwortlichen ist dröhnend, und das kleinlaute Eingeständnis, man nehme die Angelegenheit sehr ernst, verweist auf das Dilemma, in dem sich das kulturpolitische Prestigeobjekt Humboldt-Forum befindet.

Was immer auf dem Weg zu einem musealen Normalbetrieb anfallen mag, wird künftig auf eine empfindlich austarierte Waage gelegt werden. Noch ehe das Humboldt-Forum für Publikum zugänglich ist, kämpft es bereits um seine Existenz als Leuchtturm für eine angemessene Darstellung der Weltkulturen und deren Vorbildcharakter bei der Bewältigung internationaler Konflikte.

Fürs erste ist das Humboldt-Forum am hohen Anspruch seiner eigenen Ideale hängengeblieben. Die Servicegesellschaft HFS jedenfalls, die den künftigen Besuchern als Orientierung gebender Dienstleister hätte zur Seite stehen sollen, hat sich als ein straff nach neoliberalen Prinzipien organisiertes Subsystem einer zweifelhaften Effizienz erwiesen, das paternalistisch und herablassend mit zum Teil prekär beschäftigten Mitarbeitern umgesprungen ist. Von Demütigung war die Rede, es herrsche dort ein Betriebsklima der Angst. Dass eine verantwortliche Geschäftsführerin nach Bekanntwerden der Vorwürfe, in deren Zentrum die systematische Überwachung von Mitarbeitern steht, umgehend freigestellt wurde, zeigt nur, wie sehr man hinter den Kulissen um Schadenbegrenzung bemüht ist.

Die Erklärungsnot ist groß

Die beschämenden Vorgänge in der Servicegesellschaft HFS treffen ins Mark des Selbstverständnisses des Humboldt-Forums, das auf Verständigung, Transparenz und eine Kultur des gegenseitigen Zuhörens im Weltmaßstab setzt. Die Vorwürfe, dass in der HFS Mitarbeiter nach privaten Verhalten taxiert worden seien, kann nicht als arbeitsrechtliche Petitesse abgetan werden, die mühelos zu beheben ist. Die Erklärungsnot von Humboldt-Chef Hartmut Dorgerloh ist groß, Kulturstaatsministerin Monika Grütters geht es nicht zuletzt auch um den Schlussstein ihrer kulturpolitischen Karriere. In der Mitte Berlins, so scheint es, sind zuletzt erhebliche Legitimationsprobleme verbaut worden.

Aber ist das nicht annähernd aufgeklärte Desaster in der HFS geeignet, den Daumen über das Humboldt- Forum zu senken, das zuletzt doch so wichtige Fragen nach den Prinzipien des Kulturbesitzes im postkolonialen Zeitalter aufgeworfen hat?

Mit seinem Buch „Das Prachtboot. Wie Deutsche Kunstschätze der Südsee raubten“ hat der Berliner Historiker und Kolumnist der Berliner Zeitung Götz Aly deutlich markiert, wie sehr eine einfache Präsentation von Museumsbeständen aus den Kulturen der Welt an seine Grenzen gestoßen ist. Mit vergleichsweise einfachen Recherchen hat Aly, der dabei ausdrücklich nicht als Fachhistoriker angetreten ist, den Nachweis erbracht, dass große Bestände der ethnologischen Museen als Raubgut zu betrachten seien, die mit brutaler Gewalt erbeutet und nach Europa gebracht wurden.

Keine Identität ohne Selbstaufklärung

Darauf mit Fantasien über den Abriss des gesamten Projektes Humboldt-Forum zu reagieren, wäre eine infantile Reaktion, die einer aufgeklärten Bürgergesellschaft nicht gerecht wird. Vielmehr werden das Humboldt-Forum und die darin reüssierenden Institutionen unter Beweis zu stellen haben, dass sie in der Lage sind, ein modernes Verständnis von Kulturaustausch und dessen Präsentation zu repräsentieren. Es geht um weit mehr als bloß eine pflichtgemäße Provenienzforschung zu den vorhandenen Kulturgütern.

Wie wenig die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) als zentraler Mitgestalter des Humboldt-Forums zu seiner inneren Bestandsaufnahme bereit ist, hat unlängst die spät ans Licht gekommene NS-Biografie eines Granden der Berliner Kulturpolitik gezeigt.

Durch Recherchen des Documenta-Instituts in Kassel war bekannt geworden, dass Werner Haftmann, der zwischen 1967 und 1974 Direktor der Neuen Nationalgalerie auf dem heutigen Kulturforum war, eine frühe Mitgliedschaft in der nationalsozialistischen Kampforganisation SA verschwiegen hatte. Während man in Kassel intensiv an der Aufarbeitung von Haftmanns Rolle in der Entstehungsphase der Kunstausstellung Documenta bemüht ist, steht eine Betrachtung seiner Berliner Aktivitäten im Lichte der neuen Erkenntnisse noch aus.

So wenig die Beispiele direkt miteinander zu tun haben mögen, verweisen sie doch auf eine innere Verfasstheit kultureller Einrichtungen, in denen zuletzt vieles offenbar im Verborgenen geblieben ist – und schlimmer: vielleicht auch bleiben sollte. Das kulturelle Erbe, so ließ Kulturstaatsministerin Monika Grütters gerade in einer Mitteilung verlauten, habe eine herausragende Bedeutung für unsere Identität. Ohne die Bereitschaft zur permanenten Selbstaufklärung läuft diese Gefahr, in Selbstbetrug zu versinken.