Es gibt keine unschuldige Kunst. Die Erkenntnis ist nicht neu, wurde zuletzt aber wieder verstärkt ins Gedächtnis gerufen – seit Veranstaltungen mit russischen Künstlern storniert werden und verschämt über die Ausstellung „Diversity United“ in den Hangars des Flughafens Tempelhof nachgedacht wird, bei der Wladimir Putin als Schirmherr fungierte. Die Präsentation von Kunst kostet Geld, und die Quellen der bereitgestellten Mittel verweisen nun auf ein Übermaß an Verstrickungen, die zuvor geflissentlich übersehen wurden. War Kultursponsoring seit jeher ein Begriff, der mit Vorsicht zu genießen war, so steht nun eine Neubewertung des weiten Feldes kulturpolitischer Aktivitäten an.

Das gilt erst recht auch für die Kunstausstellung documenta in Kassel, die zuletzt mit Antisemitismusvorwürfen konfrontiert war. Ein aktivistisches Bündnis hatte dem philippinischen Kuratorenkollektiv Ruangrupa vorgeworfen, in die Ausstellung seien auch Organisationen eingebunden, die den kulturellen Boykott Israels unterstützten oder antisemitisch seien. Ruangrupa und die documenta sowie die Museum Fridericianum gGmbH wiesen die Anschuldigungen entschieden zurück. Auch der documenta-Aufsichtsrat und Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) stellten sich hinter die Macher der Weltkunstschau.

Eine multiperspektivische Debatte

Die Organisatoren, die sich ausdrücklich als Plattform verstehen, die wiederum anderen Gruppierungen den documenta-Auftritt ermöglicht, betonten, sie lehnten Eingriffe in die künstlerische Freiheit ab. Sie legten aber Wert auf größtmöglichen Austausch und Diskussion. Dem Bekenntnis zur Debatte sollen nun Taten folgen. Die documenta-Verantwortlichen kündigten ein Expertenforum an, bei dem über „das Grundrecht der Kunstfreiheit angesichts von steigendem Rassismus und Antisemitismus und zunehmender Islamophobie“ debattiert werden solle.

Zu der digitalen Veranstaltungsreihe mit dem Titel „We need to talk! Art – Freedom – Solidarity“ soll es zeitnah Informationen geben, kündigte Generaldirektorin Sabine Schormann an. „Die documenta als wichtige Plattform des internationalen kulturellen Austauschs in einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft will damit – ihrem Bildungsauftrag gemäß – die Rahmenbedingungen für eine multiperspektivische Debatte jenseits einseitiger Antagonismen schaffen“, erklärte sie.

In einer offenen und konstruktiven Diskussion solle ein Raum für nationale und internationale Perspektiven eröffnet werden, „in dem die besondere historische Verantwortung Deutschlands, aber auch eingeübte Mechanismen der Ausblendung“ im Kontext der deutschen Antisemitismus- und Rassismusdebatte aufgezeigt werden. In diesem Raum sollen „Widersprüche ausgehalten und produktiv diskutiert werden können“, so Schormann.

Widersprüche auszuhalten ist in Bezug auf antisemitische Einstellungen ein durchaus heikles Unterfangen.