„Es tut mir leid – Ich gehe jetzt aufräumen“ hieß das Video, das Fynn Kliemann am 27. Mai bei Instagram hochlud, und der Titel war Programm. Immer wieder beteuert er darin, wie leid ihm alles tue, „Ich hoffe, ihr könnt mir verzeihen“, er habe versagt, als „dieser Typ, der ich niemals sein wollte. Ein Unternehmer“.

Zur Erinnerung: Kliemann war Anfang Mai in die Kritik geraten, nachdem die Redaktion der ZDF-Sendung „Neo Magazin Royale“ um Jan Böhmermann aufgedeckt hatte, dass die Textilfirma Global Tactics, zu der Kliemann Geschäftsbeziehungen pflegte, vermeintlich dubiose Deals mit Corona-Masken organisiert hatte. Unter anderem wurde Global Tactics vorgeworfen, Lieferungen aus Vietnam und Bangladesch heimlich umettikettiert zu haben, um den Anschein zu erwecken, dass die Masken fair und nachhaltig in Europa produziert worden seien.

100.000 Exemplare, die derartige Mängel aufwiesen, dass man sie in Europa nicht verkaufen konnte, wurden an Flüchtlingscamps gespendet, die Lorbeeren dafür gingen an Kliemann. Wie viel der Musiker, Handwerker, Filmemacher und mehr davon wusste, lässt sich nicht belegen, bisher gibt es keine Hinweise darauf, dass Kliemann über seine eigene Homepage oderso.cool Ware aus Asien vertrieb. Er hatte allerdings öffentlich behauptet, auch mit den fair produzierten Produkten aus Portugal keinen Gewinn machen zu wollen, das dann aber doch getan. Die knapp 300.000 Euro hat er nach dem Skandal gespendet.

Voller Reue saß der Unternehmer wider Willen Ende Mai noch vor der Kamera, beklagte seine mangelnde Transparenz, die ihm ja eigentlich so wichtig sei, gab seinen Wunsch nach der Liebe der Massen zu – wer hätte es gedacht von einem Mann, der vor Jahren sein eigenes Land ausgerufen und nach sich selbst benannt hat. Dazu später mehr. „Es ist vielleicht peinlich, aber ich wollte krasser sein, als ich bin“. Seine nach eigenen Aussagen wichtigste Erkenntnis: „Hier wird der Richtige kritisiert“.

„Wild gewordene Reporter“ auf Klickfang

Nun ist es offenbar vorbei mit der Reue, wie Kliemann am Sonntagabend bei Instagram deutlich machte. Im visuellen und verbalen Kontrastprogramm zu seinem Entschuldigungsvideo reiht er nun Vorwürfe zum Umgang mit seiner Person hastig aneinander. Mit der Handykamera in der wackelnden Hand dreht er seine Runden durch einen Raum, der nach Werkstatt aussieht, und verwirklicht dort sein neustes Herzensprojekt: Medienkritik. Sein Leben sei zerstört, die Medien würden seinen Fall sicher trotzdem noch den ganzen Sommer lang ausschlachten, völlig losgelöst von der Sachlage, die sei „scheißegal“. Er wünsche niemandem solche „wild gewordene Reporter“, die es sich zur Aufgabe machten, „jede Äußerung so zu verunstalten, dass du es am Ende warst. Und zwar alles.“ Beispiele für diese Wilden nennt Kliemann nicht und mit Ausnahme einer Falschmeldung vom Stern bezüglich vermeintlicher Verkäufe von Masken an Flüchtlingslager, gibt es nach den Recherchen der Berliner Zeitung auch keine.

Für Berichte über seine neuste Stellungnahme hat Kliemann schon einen Titelvorschlag: „Kliemann ist jetzt komplett abgedreht und alles ist verrückt“. Wir haben uns für einen anderen entschieden, auch wenn der ehemalige Publikumsliebling sich hier teilweise tatsächlich auf Schwurbelpfaden bewegt, die in den vergangenen Jahren bis auf Autobahnniveau ausgetreten wurden.

Aktueller Anlass für das Statement ist offenbar ein Video der Menschen, die das bereits erwähnte „Kliemannsland“ betreiben. 2016 kaufte Kliemann ein Gelände im niedersächsischen Rüspel und verwandelte es mit vielen Helfern zu einem großen Abenteuerspielplatz für Kreative aller Art. Bis 2020 begleitete das öffentlich-rechtliche Content-Netzwerk Funk das Projekt in Form einer Webserie. „Ihr habt mich mit öffentlichen Geldern groß gemacht, dann habe ich nicht gespurt, und mit genau den gleichen Geldern soll ich jetzt zerstört werden“, interpretiert Kliemann nun und stellt damit die Behauptung in den Raum, Böhmermanns ZDF-Recherchen hätten auch damit zu tun, dass die Produktion der Webserie 2020 von der Kliemannsland GmbH übernommen wurde und damit nicht länger in öffentlich-rechtlicher Hand lag.

Dass dieser GmbH nun alle Kooperationspartner weggelaufen sind, wie im Video (mit dem irreführenden Titel „Das Kliemannsland hat sich von Fynn Kliemann distanziert“, weil man auch dort weiß, wie man Klicks generiert) öffentlich gemacht wird, und die Zukunft des Projekts auf der Kippe steht, dafür macht der Gründer eben die Öffentlich-Rechtlichen verantwortlich. Er scheint sie als Sprachrohr einer „woken linken Szene“ mit „fucking Vorurteilen“ zu sehen, die in seinen Beschreibungen allerdings schwammig bleibt. Doch er spürt: „Die wollen, dass wir uns dafür schämen, dass wir nicht den Normen entsprechen. Dass wir anders sind. Und anders heißt einfach, dass wir nicht alle gleich sind“. Die „Redaktion“ suggeriere, es gebe eine „falsche Art, sich gegenseitig, zu motivieren, sich zu freuen“, auch bei der Klamottenwahl wolle die Redaktion mitreden, an dieser Stelle wird es dann doch ziemlich wirr.

Die woken Linken wollen nicht, dass Menschen anders sind?

„Im Kliemannsland kannst du sein, wie du bist. Aber da gibt es einen Teil in der woken linken Szene, der das einfach nicht akzeptieren kann. Weil dieser Teil der Bubble gar nichts akzeptieren kann. Weil die sich alle untereinander den ganzen Tag nur gegenseitig zerfleischen, wenn ihren Erwartungen nicht entsprochen wird. Wie sie von mir erwarten, dass alles, was ich tue, perfekt zu sein hat.“

Am Ende des Statements ist mehr als deutlich geworden, dass es Kliemann jetzt reicht mit der Kritik, er habe ja „Reparationen“ geleistet und sich entschuldigt. Ebenso deutlich wird, dass es seiner Auffassung nach auch im Interesse der Gesellschaft wäre, von seinem Fall abzulassen. Denn Kliemann erlaube sich nur Fehler, „weil ich jeden Tag was mache, wovor so viele Leute da draußen Angst haben: was Neues, jeden Tag. Immer das, was noch nie jemand vorher gemacht hat. Egal ob in Kunst, Musik, Unternehmertum, völlig egal.“ Auch seine Kollegen in „Sippenhaft“ hätten sich „für sich und dich entschieden, sich selbst zu verwirklichen“.

Kann es einen Unternehmer, der so erfolgreich war wie Kliemann, der so vernetzt und erfahren ist, tatsächlich überraschen, dass Marken sich von ihm und Organisationen mit seinem Namen zurückziehen, wenn sein Image nicht länger profitabel ist? Kann er wirklich glauben, dass diese Dynamiken etwas mit einer „linken Szene“ zu tun haben, die ausgerechnet mit Vielfalt und Unkonventionalität ein Problem haben soll?

Man könnte Kliemanns neuestes Gebaren ähnlich auslegen wie das in Verbindung mit den Maskendeals. Bestenfalls naiv, realistischerweise ignorant oder auch berechnend. Je öfter er aber in seiner Werkstatt in diese Kerbe schlägt, desto weiter rückt die Interpretation nach rechts.