„We need to talk – wir müssen reden“ war die Diskussionsreihe der Documenta zum Thema Antisemitismus überschrieben, die an den kommenden drei Sonntagen stattfinden sollte. Nun soll doch nicht geredet werden. Die Documenta hat die Expertendiskussionen am Mittwoch per Mitteilung abgesagt. Man wolle die Ausstellung für sich sprechen lassen. Möglicherweise ist dies eine Reaktion auf die Kritik des Zentralrats der Juden in Deutschland, der moniert hatte, nicht in die Besetzung der Podien einbezogen worden zu sein.

Kurz nach der Mitteilung meldete sich die Kulturstaatsministerin Claudia Roth zu Wort, die sich nun um eine neue Vertrauensbasis bemühen will. „Ich werde jetzt erneut mit allen Beteiligten das Gespräch suchen und diese wenn nötig in den Dialog zueinander bringen“, teilte die Grünen-Politikerin am Mittwoch mit.

Claudia Roth: Neue Vertrauensbasis ist nötig

„Die Absage der Gesprächsreihe macht deutlich, dass hier offenkundig eine neue Vertrauensbasis nötig ist“, sagte Roth. „Antisemitismus darf keinen Platz haben in unserer Gesellschaft, nirgendwo, auch nicht auf der Documenta.“

Aufgabe aller staatlichen Stellen sei es aber auch, die Kunstfreiheit und damit einen Freiraum von Künstlerinnen und Künstlern und ihrer Arbeit zu schützen, „die zu unterschiedlichen Interpretationen führen kann und nicht allen gleichermaßen gefallen muss“.

Sie habe die Vorwürfe gegen die Documenta ernst genommen und sowohl mit den Verantwortlichen der Documenta als auch dem Zentralrat der Juden das Gespräch gesucht. Daran werde sie jetzt anknüpfen. „Wir brauchen eine offene und ausgewogene internationale Diskussion rund um die Documenta, die unterschiedliche Positionen abbildet und einbezieht“, sagte Roth.

Der Ursprung der Antisemitismus-Diskussion bei der Documenta

Ihren Ursprung hat die Diskussion in den Vorwürfen des „Bündnisses gegen Antisemitismus“ in Kassel gegen die Documenta. Es nannte Namen von Künstlern und Aktivisten, die in diesem Sommer in Kassel auftreten sollen und sich laut eines Blog-Beitrags für den kulturellen Boykott Israels engagieren, oft im Rahmen der gegen Israel gerichteten Boykottbewegung BDS. Es ist wohl dieser Blog-Beitrag, dem die Documenta 15 in einer am Mittwoch veröffentlichten Stellungnahme rassistische Diskriminierung und Verfälschung vorwirft. Dies verhindere einen kritischen Dialog und eine produktive Debatte.

In einer Stellungnahme verteidigte die Documenta die Einladungspolitik des indonesischen Kollektivs ruangrupa, das die Documenta leitet: Die Künstlerinnen und Künstler würden nicht nach dem Kriterium eingeladen, ob sie sich als apolitisch oder einer bestimmten politischen Richtung zugehörig verstehen. „In der Akzeptanz der Komplexität unserer Gegenwart macht sich die documenta fifteen mit keiner politischen Bewegung gemein, betont aber das Recht aller Menschen, sich für ihre Rechte und gegen Diskriminierung einzusetzen.“

Grundlage der Documenta 15 sei die Meinungsfreiheit einerseits und die entschiedene Ablehnung von Antisemitismus, Rassismus, Extremismus, Islamophobie und jeder Form von gewaltbereitem Fundamentalismus andererseits. Gerade der Kunstbetrieb biete den Freiraum, um die Toleranz von Ambiguitäten zu verhandeln. „Gegen externe Eingriffe in diesen künstlerischen Freiraum verwahrt sich die documenta fifteen.“

Die Documenta gilt als die weltweit wichtigste Schau für zeitgenössische Kunst. Die 15. Ausgabe findet vom 18. Juni bis 25. September 2022 in Kassel statt. (mit dpa)