Laut einer Meinungsumfrage von 2017 sind rund drei Viertel der Französinnen und Franzosen für eine bessere Sichtbarkeit von Frauen in der Sprache. Dass im selben Jahr ein Schulbuch für die dritte Klasse erschien, das den Versuch wagte, gendergerecht zu formulieren – in Frankreich spricht man von écriture inclusive – könnte man als folgerichtig begreifen. Ein Satz aus dem Schulbuch lautete etwa: „Grâce aux agriculteur.rice.s, aux artisan.e.s et aux commerçant.e.s, la Gaule était un pays riche“, also: „Dank der Landwirte und Landwirtinnen, der HandwerkerInnen und HändlerInnen war Gallien ein wohlhabendes Land.“ Stattdessen rief dieser Vorstoß monatelange Entrüstung in der Öffentlichkeit hervor. Allen voran wetterte die Académie française gegen diesen „inklusiven Irrweg“ („aberration inclusive“) und nannte ihn eine tödliche Gefahr für die Nationalsprache.

Dieses Beispiel für die Auseinandersetzung um gendergerechte Sprache in Frankreich nennt der Germanist Vincent Balnat, Dozent an der Universität von Strasbourg, in einem Beitrag, der 2020 in der Zeitschrift „Der Sprachdienst“ der Gesellschaft für deutsche Sprache erschienen ist.

Der damalige Premierminister Édouard Philippe untersagte schließlich die Verwendung der inklusiven Sprache in amtlichen Texten. Und als ob er dieses Verbot nicht kenne, hat es der heutige französische Bildungsminister Jean-Michel Blanquer Anfang Mai erneuert, und die Nutzung einer solcherart gendergerechten Schriftsprache an Schulen und in seinem Ministerium verboten. Aber damit ist die Debatte nicht beendet, auch wenn mancher Deutsche, der dem Gendern kritisch gegenübersteht, meint, in Frankreich sei in dieser Hinsicht alles besser. „Die Pro- und Contra-Argumente sind ähnlich, aber der Streit wird in Frankreich nicht so aggressiv geführt wie in Deutschland“, sagt Vincent Balnat. Auch sind die konkreten Auswirkungen bislang geringer. Eine Entwicklung wie die in der Duden-Redaktion, die in der Online-Ausgabe ihres Wörterbuchs das generische Maskulinum sozusagen abgeschafft hat, ist in Frankreich – noch? – nicht denkbar.

„Das Maskulinum hat stets den Vorrang vor dem Femininum“

Den Grund dafür sieht Balnat zum einen in dem enormen Einfluss der konservativen Académie française, die seit Jahrhunderten streng über die Sprache wacht. Und auch in dem besonderen Verhältnis der Franzosen zu ihrer Sprache, die sogar in der Verfassung verankert ist: „Die Sprache der Republik ist Französisch“, heißt es dort seit 1992 – ein Hinweis darauf, dass das nicht selbstverständlich ist oder es doch lange nicht war. Mit Französisch ist die Sprache der Hauptstadt Paris gemeint, die sich gegen die Dialekte oder Sprachvarietäten durchsetzen musste. Diese Verteidigungshaltung besteht bis heute, nur richtet sie sich in der jüngeren Vergangenheit vor allem gegen Anglizismen und nun auch gegen das Gendern.

Dies macht sich auch in den Schulen bemerkbar, wo die Einhaltung von Sprachnormen eine größere Rolle spielt als in Deutschland. Auch Vincent Balnat hat in der Schule noch den Satz gelernt: „Le masculin l’emporte sur le féminin“, also: Das Maskulinum hat stets Vorrang vor dem Femininum. Eine Regel, die besagt, dass im Plural sämtliche Pronomina und attributive wie prädikative Adjektive im Maskulinum zu verwenden sind, selbst wenn man Eigenschaften einer Gruppe von 999 Frauen und einem Mann benennt: Ces 999 femmes et cet homme sont intelligents. Intelligents ist die männliche Form.

Das sei nicht immer so gehandhabt worden, sagt Balnat. Bis ins 18. Jahrhundert galt die Regel des „accord de proximité“, nach der das Genus des nächststehenden Substantivs maßgeblich ist. Cet homme et cette femme sont belles und nicht beaux würde es demgemäß heißen. Durchgesetzt hat sich dann das Maskulinum, dessen Gebrauch einflussreiche Grammatiker schon seit dem 17. Jahrhundert empfahlen: So schreibt der Sprachnormierer Claude Favre de Vaugelas, Gründungsmitglied der Académie, in seinen 1647 erschienenen  „Remarques sur la Langue Françoise“ („Anmerkungen zur französischen Sprache“): „Das männliche Geschlecht (genre) als das vornehmere setzt sich bei der Rektion des Adjektivs als das allein maßgebliche stets durch, auch gegenüber zwei Feminina.“ Was Vaugelas hier mit „genre“ bezeichnet, bezieht sich wohl nicht nur auf das grammatische, sondern auch auf das biologische Geschlecht.

In Frankreich galten lange männliche Formen von Berufsbezeichnungen 

Während feminisierte Berufsbezeichnungen in Deutschland schon länger selbstverständlich sind, auch wenn etwa der Begriff Bundeskanzlerin erst 2004 in den Duden aufgenommen wurde, hielt man in Frankreich noch lange an den männlichen Formen fest. „Die Académie française stemmte sich vehement gegen die Feminisierung der Berufsbezeichnungen“, sagt Vincent Balnat. Erst mit dem Regierungswechsel 1997 und der Forderung mehrerer Ministerinnen der sozialistischen Partei, als Frauen angeredet zu werden, seien feminisierte Berufs- und Amtsbezeichnungen in amtliche Texte eingeführt worden. Ihre Verwendung setzte sich dann in den Medien schnell durch, die Académie aber ließ erst Anfang 2019 verlautbaren, sie sehe „prinzipiell keine Hindernisse für die Feminisierung von Berufsbezeichnungen“.

„Seitdem konzentriert sich die Académie auf den Kampf gegen grafische Formen der gendergerechten Sprache“, sagt Vincent Balnat. Es gibt Großschreibung: artisanE, Binde- oder Schrägstrich: artisan-e, artisan/e, Klammern: artisan(e), Punkt: artisan.e, neuerdings auch den aus dem Katalanischen übernommenen Mittelpunkt: artisan·e. An nicht binäre Personen werde dabei kaum gedacht. Das spiele in Frankreich eine wesentlich geringere Rolle als in Deutschland. Linksorientierte Medien bedienen sich laut Balnat bereits dieser Formen. Was es in Frankreich gar nicht gibt, sind gesprochene Formen der geschlechtergerechten Sprache. Auch den in Deutschland so umstrittenen Genderstern gibt es nicht. Wie das Binnen-I würde er im Französischen nicht funktionieren, denn die weiblichen Formen bilden oft eigene Endungen – Bauer ist agriculteur, Bäuerin agricultrice – während in Deutschland die weibliche Form einfach an die männliche angehängt wird.

Wie in Deutschland sind auch in Frankreich die Universitäten Vorreiter bei der Verwendung geschlechtergerechter Sprache. Auch Vincent Balnats Kolleginnen und Studentinnen legen großen Wert darauf. Anreden wie Chers et chères collègues und ihre abgekürzten Varianten Cher.e.s, Cher-e-s, Cher/e/s, cher(e)s und CherEs collègues seien inzwischen an der Universität geläufig, ebenso in der Kommunikation von Firmen, Vereinen und Gewerkschaften.

Vincent Balnat begrüßt vor allem die Fragestellungen, die mit der Diskussion verbunden sind: Was hat Sprache mit der Wirklichkeit zu tun, welche Wechselwirkungen gibt es? Eines ist für ihn sicher: Weder die Politiker noch die Académie française werden letztlich verhindern können, dass die Verwendung der geschlechtergerechten Sprache sich in Frankreich weiterverbreitet. „Sprachwandel ist bekanntlich eine Folge des Sprachgebrauchs.“