Berlin - Die Unterscheidung zwischen, Genesenen, Geimpften und Gefährdeten hat längst auch Folgen hervorgerufen, die keineswegs nur grammatikalischer und semantischer Natur sind. In der Alltagssprache kommt ein Wandel zum Vorschein, für den die ungewöhnlich häufigen Verwendungen des Partizips Präsens und des Partizips Perfekt sowie deren Substantivierungen auffällige Merkmale sind. Und sie scheinen keineswegs nur gebildet zu werden, um den jüngsten Anforderungen einer forcierten Genderpolitik gerecht zu werden.

Letztere hat die Inflation der eher seltenen und auch umständlich klingenden Wortbildungen allenfalls gefördert. Irreführende Verwendungen eingeschlossen wie die verschiedenen Anwendungen des Wortes „genesen“ verdeutlichen.

Ein neuer gesellschaftlicher Status

Was geht hier vor? Ein Genesender wird in der Regel nicht von sich behaupten, gesund zu sein. Eher befindet er sich nach einer Erkrankung im Prozess der Gesundung, es geht schon wieder etwas besser. Im Zusammenhang mit der jüngsten Diskussion über Grundrechte und Pandemie aber fasst man die Genesung nicht länger als Verlaufsform auf dem Weg zur Gesundung auf, sondern attestiert den derart Bezeichneten einen bereits erreichten Zustand, der demnächst auch zertifiziert und nachgewiesen werden soll. Aus dem einfachen Satz „Ich bin geimpft“ wird die Statusbehauptung: „Ich bin ein Geimpfter.“

Der oder die Genesene befindet sich also nicht allein in der Überwindungsphase einer prekären gesundheitlichen Situation, vielmehr werden sie in den Stand einer sozialen Gruppe erhoben, denen Rechte zugestanden werden, die anderen, wenn auch vorübergehend, vorenthalten bleiben.

Hinter der zunächst nur als sprachliche Marotte erscheinenden Form verbirgt sich ein bemerkenswerter Bedeutungswandel. Soziale Aufwertung erfahren Geimpfte und Genesene nicht nur gegenüber all jenen, die keiner der beiden Gruppen angehören. Im Wandel begriffen ist auch das Verhältnis gegenüber der Gefährdung, von der man eben noch anzunehmen geneigt war, es handele sich um eine anthropologische Konstante.

Der Mensch, das gefährdete Wesen

Der Mensch ist das gefährdete Wesen par excellence, ein Großteil seines Tuns lässt sich als Versuch beschreiben, Gefährdungen zu antizipieren und zu reduzieren. Das Streben nach Sicherheit ist ein gattungsspezifisches Merkmal, und moderne Gesellschaften konnten in diesem Sinne zuletzt als Sekuritätsgesellschaften beschrieben werden. Das schließt die Produktion von Risiken, wie sie Ulrich Beck in seinen Überlegungen zur „Risikogesellschaft“ hervorgehoben hat, nicht aus. Wie komplex und widersprüchlich das Streben nach Fortschritt und Sicherheit sind, haben Horkheimer/Adorno schon früh in ihrer „Dialektik der Aufklärung“ beschrieben, in der sie deutlich machen, dass jede Idee von Fortschritt auch umschlagen kann in Mythologie. Das Streben nach Sicherheit, über die die friedliche Nutzung der Kernenergie emphatisch begründet wurde, ist nicht vor dramatisch sich zuspitzenden Entwicklungen der Selbstgefährdung gefeit.

In sprachlicher Hinsicht ist die Angelegenheit also recht einfach. Wo immer in nächster Zeit von Geimpften und Genesen die Rede ist, sollte man aufmerksam sein für den verborgenen ideologischen Gehalt des Satzes, in dem vor allem auch Illusionen darüber schlummern, der Gefährdung ein Schnippchen schlagen zu können und zu wollen. Wo von Geimpften und Genesenen die Rede ist, wird eine vorweggenommene Immunisierung suggeriert, die in der Welt der Viren weder Abstandsregeln noch Impfstoff gewährleisten können.

Was ist mit Solidarität und Rücksichtnahme?

In der politischen Arena aber wird es darauf ankommen, eine neue Spielaufstellung zu finden, mit der es gelingen kann, aus der pandemischen Schockstarre herauszufinden. In der Corona-Krise sind wir einer Gefahr gewahr geworden, von der wir längst hätten wissen können. Unter dem Begriff Sekuritätsgesellschaft werden ja keineswegs die stabilen Gewissheiten einer Gemeinschaft verhandelt, sondern die Bemühungen, den Gefährdungen zuvorzukommen. Wo dies misslingt, wird die Fähigkeit zur Nachjustierung und Selbstregulierung auf die Probe gestellt, die sich nicht nur in der Erwartungshaltung gegenüber staatlichen Instanzen zeigt, sondern auch in den sozialen Interaktionsfeldern, in denen Solidarität, Rücksicht und Achtsamkeit wichtige Indikatoren der Krisenbewältigung sein können.

Wo der Staat und seine Vertreter ausschließlich als Urheber eines umfassenden Versagens adressiert werden, werden auch die Ressourcen zur Selbstbefähigung preisgegeben. Bei den Fragen, welche Sicherheiten Geimpfte und Genesene tatsächlich genießen und welche Rechte man ihnen zugestehen mag, sollte der ihnen zugewiesene soziale Rang nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie Gefährdete bleiben.