Berlin - Ende April äußerte sich die Linguistin Damaris Nübling in der Berliner Zeitung zum Thema geschlechtergerechte Sprache. Der Berliner Linguist Peter Eisenberg meldete sich daraufhin zu Wort. Er widerspricht den Argumenten der Genderlinguisten in Hinblick auf das generische Maskulinum und den Genderstern.

Herr Eisenberg, ich möchte Ihnen eingangs dieselbe Frage stellen, die ich auch Damaris Nübling gestellt habe: Gibt es einen Zusammenhang zwischen Genus und Sexus, also zwischen dem grammatischen und dem biologischen Geschlecht?

Selbstverständlich. Es hat nie jemand bestritten, dass ein Maskulinum bei Personenbezeichnungen etwas mit männlich zu tun hat und das Femininum etwas mit weiblich. Ich schon gar nicht.

Trotzdem sagen Sie, dass das generische Maskulinum geschlechtsneutral ist.

Das generische Maskulinum ist etwas ganz Besonderes. Es liegt ein wenig außerhalb unseres normalen logischen Denkens. Sehen wir uns das Präsens an. Es steht gegenüber dem Futur, das Zukünftiges bezeichnet, und dem Perfekt, das Vergangenes bezeichnet. Das Präsens kann Gegenwart bezeichnen, aber auch Zukünftiges: Morgen besucht sie ihn. Und es gibt auch das historische Präsens: Ich sitze am Schreibtisch, ruft eine Journalistin an. Das Präsens existiert also unabhängig von einem Zeitbezug. Etwas ähnliches gibt es auch in anderen grammatischen Kategorien, bei Singular und Plural etwa. Man kann sagen: Der Löwe ist ein Raubtier. Das ist Singular, aber nicht Einzahl.

Und genauso ist es beim grammatischen Geschlecht?

Genau. Das Femininum bezeichnet bei Personenbezeichnungen Frauen, aber das Maskulinum hat die Möglichkeit einer sexusunabhängigen Verwendung. Wir brauchen so eine unmarkierte Kategorie unbedingt. Bekannt geworden ist das erst in den 1930er-Jahren, als der geniale Linguist Roman Jakobson, ein Russe, der über Prag in die USA ausgewandert ist, seine Theorie entwickelte. Ich habe ihn noch als ganz alten Mann gehört, als ich 1970/71 in den USA studierte. Jakobson hat die Markiertheitstheorie entwickelt und gezeigt, dass wir in natürlichen Sprachen keine gleichgeordneten Kategorien haben, sondern immer so etwas wie einen unspezifischen Hintergrund und ein Bild. Das Femininum ist das Bild, es ist markiert, es bezieht sich immer auf Frauen. Das Maskulinum bezieht sich dagegen nicht immer auf Männer.

Die Rezeptionstests beweisen doch aber, dass das generische Maskulinum in erster Linie männliche Vorstellungen hervorruft.

Die Tests zeigen nur, dass das Maskulinum bei Personenbezeichnungen etwas anderes ist als das Femininum. Etwa indem beim Maskulinum eine Hierarchie aufgemacht werden kann. Es gibt Personenbezeichnungen, in denen viele männliche Stereotype stecken, Terrorist zum Beispiel. Und es gibt andere, in denen weniger stecken, zum Beispiel Kosmetiker. Aber wenn wir das generische Maskulinum verwenden, dann machen wir doch keine Tests. Die Laborsituation ist etwas anderes als die freie Wildbahn. Das generische Maskulinum ist an den Sprachgebrauch gebunden. Das zeigt es, wenn es geschlechtsunabhängig verwendet wird. Das kann ein Femininum nur bei einzelnen Wörtern.

dpa/Britta Pedersen
Zur Person

Der Linguist Peter Eisenberg, geboren 1940 in Strausberg, ist Mitglied im Rat für deutsche Rechtschreibung. Bis 2005 war er Professor für Deutsche Sprache der Gegenwart an der Universität Potsdam. Sein 1986 veröffentlichter „Grundriss der deutschen Grammatik“ ist ein Standardwerk, unter seiner Federführung entstand 1998 die 6. Auflage der Duden-Grammatik.
Auszeichnungen: 2008 erhielt Peter Eisenberg für seine Verdienste um die deutsche Grammatik den Konrad-Duden-Preis, 2015 erhielt er den Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa und 2019 den Jacob-Grimm-Preis Deutsche Sprache für seine „herausragenden Leistungen zur Erforschung der deutschen Grammatik“.

Aber Rezeptionstests zufolge wird selbst ein Wort wie Kosmetiker vor allem männlich gelesen.

Dem ist nicht zu widersprechen, aber das hat nichts mit dem generischen Maskulinum zu tun. Wenn ich sage: Der deutsche Steuerzahler wird zur Kasse gebeten, dann spreche ich von Personen, die Steuern zahlen. Da gibt es keinen Bezug auf Männer oder Frauen. Noch ein Beispiel: Als Annalena Baerbock Kanzlerkandidatin wurde, hieß es überall, sie sei die erste grüne Kanzlerkandidatin – so als ob es schon andere Kanzlerkandidaten der Grünen gegeben hätte. Aber eigentlich wollte man sagen: Unter allen Kanzlerkandidaten ist sie die erste Grüne. Und das kann man ohne großen sprachlichen Aufwand nur mit Hilfe des generischen Maskulinums sagen.

Wenn die Geschlechtsvorstellung bei Personenbezeichnungen ausgeprägt männlich ist, zeigt das doch, dass die Unabhängigkeit vom Geschlecht nicht funktioniert.

Natürlich hat das Maskulinum auch die Möglichkeit, geschlechtsspezifisch verwendet zu werden. Aber es hat auch die andere Möglichkeit, und die sitzt tief in der Grammatik. Darauf beruht die geniale Entdeckung von Roman Jakobson, dass die ganze Sprache mit markiert und unmarkiert funktioniert. Die Genderkolleginnen meiden die Markiertheitstheorie wie der Teufel das Weihwasser.

Was nützt diese Theorie, wenn in der Wirklichkeit sich Menschen vor allem Männer vorstellen, wenn das generische Maskulinum verwendet wird?

Wenn die Form in einem Laborkontext verwendet wird, dann ist das so.

Woher wissen Sie, dass das nur im Labor so ist?

Es gibt ein grundlegendes methodisches Problem in den empirischen Sozialwissenschaften. Man wird irgendetwas gefragt, auf das man eine Antwort geben soll. Man wird zu einer Entscheidung gezwungen, die man gar nicht treffen will oder die man unter anderen Bedingungen treffen will.

Aber man kann das eben nur im Labor untersuchen.

Nein, das geht auch anders. Wenn Sie in einem Text lesen, dass es unter den Amerikanern fast keine Impfverweigerer mehr gibt, dann ist vollkommen klar, dass sowohl das Wort Amerikaner als auch die Impfverweigerer geschlechtsunabhängig verwendet werden. Oder: Der BND stellt immer mehr Frauen als Spione ein. Oder: Die Syrer sehnen sich nach Frieden. Da sind doch nicht nur die Männer gemeint. Das weiß jeder und versteht es richtig.

Es gibt sicher Pluralformen, mit denen das besser funktioniert. Aber was ist mit Berufsbezeichnungen?

Die Berliner Lehrer sind besonders gut qualifiziert. Da sind nicht nur Männer gemeint. Es funktioniert sogar im Singular. Lange hat man gesagt: Der Berliner liebt Musik. Ich bin keineswegs der Hardliner, der alles niedermacht. Ich finde nur, dass wir unsere Sprache lieben, verehren und mit Klauen und Zähnen verteidigen müssen. Wenn Goethes Werke erstmal gesternt sind, haben wir viel verloren.

Was halten Sie vom Partizip Präsens als geschlechtsneutraler Konstruktion? Von einem Wort wie Studierende?

Fakt ist, dass wir im Deutschen ungefähr 10.000 Wörter haben, die mit dem Suffix -er enden. So wie Bäcker, Schreiner und Lehrer. Diese Wörter bezeichnen Personen, die etwas Bestimmtes tun. Sie sind der Prototyp des generischen Maskulinums. Wenn Sie sagen: Ich gehe zum Bäcker, dann ist völlig egal, was das für einer ist. Und weil die Wörter so zahlreich sind und das generische Maskulinum uns so klar vor Augen steht, werden sie mit Feuer und Schwert bekämpft. Aber wir brauchen das generische Maskulinum. Das substantivierte Partizip, also etwa Studierende, kann gebildet werden. Aber wenn Damaris Nübling sagt, das geschehe seit langem im Deutschen, dann macht sie genau das, was sie den Männern vorwirft: invention of tradition.

Seit wann gibt es denn das generische Maskulinum?

Es ist vor rund 100 Jahren entdeckt worden, aber es existiert schon viel, viel länger etwa bei Pronomina wie jemand, wer, einer. Ich habe mir die Mühe gemacht, die substantivierten Präsenspartizipien aus großen Wörterbüchern herauszusuchen. Es sind etwa zwei Dutzend. Vorsitzende, Reisender, Kulturschaffender. Letzteres haben ja die Nazis erfunden. Und auf der anderen Seite, also bei den Substantiven, die auf -er enden, stehen etwa 10.000. Nehmen wir das Beispiel Studierende. Wer sich in der Germanistik auskennt, weiß, dass Goethe das Wort Student und das Wort Studierender benutzte. Wir haben ja das Goethe-Wörterbuch. Beide Begriffe kommen in Goethes Werken häufig vor, aber er macht einen Unterschied im Gebrauch. Man kann ihn nur bewundern, wie er zeigt, dass der Studierende einer ist, der studiert, aber wenn er in Auerbachs Keller sitzt, dann ist er ein Student. Der kann es einfach. Studierender kann man verwenden, aber was man nicht kann, ist ohne Kenntnis der Geschichte der beiden Wörter und ohne Kenntnis der Sachlage das eine Wort auf den Index setzen. Student soll ja abgeschafft werden.

Abgeschafft werden soll es nicht, das Wort soll nur für männliche Studenten verwendet werden.

Das ist noch schlimmer. Es ist das, was der Duden neuerdings macht. Student wird diffamiert, und an der Uni wird nur noch Studierender gebraucht. Gnadenlos werden Wörter nach politischer Korrektheit stigmatisiert. Und wer Student sagt, ist ein Chauvinist. Abwehrgefechte werden angeblich von alten Männern geführt, die das Gefühl haben, dass sie etwas hergeben sollen.

Was kann die Sprache zur Geschlechtergerechtigkeit beitragen?

Sie kann Frauen genauso sichtbar machen wie die Männer. Dazu braucht sie keinen Stern. Das Deutsche hat genügend Mittel, das anders zu erreichen. Wenn es darauf ankommt, nennt man beide Formen. Aber wenn man immerzu Bäckerinnen und Bäcker schreiben würde, wäre der Leser nach 20 Seiten so abgenervt, dass er das Buch zur Seite legt.

Tests haben da offenbar etwas anderes ergeben.

Diese Tests möchte ich erst einmal sehen. Wenn ich das versuchsweise ernst nehmen würde bei einem Satz wie: Die Streicher und Bläser der Berliner Philharmoniker gehören weltweit zu den besten, dann wird daraus: Die Streichenden und die Blasenden der Berliner Philharmonikerinnen und Philharmoniker gehören … Das ist kein Deutsch. Es ist einfach absurd zu behaupten, dass die Partizipiensubstantive generell verwendbar seien. Die haben ihre gute Bedeutung. Wenn ich sage: Die Mitarbeitenden werden das Ziel der Klasse erreichen, dann ist das etwas völlig anderes, als wenn ich sage: Die Mitarbeiter von Audi werden Erfolg haben. Der Unterschied ist offensichtlich.

Was halten Sie denn vom Binnen-I, Unterstrich, Gendersternchen?

Ich bin ja Mitglied im Rat für deutsche Rechtschreibung und halte das alles für unzulässig. Beim Wort Lehrer*in zum Beispiel steht der Stern vor der Feminin-Endung. Bei gutwilliger Interpretation bedeutet es, dass sich die feminine Form durch den Stern auf Personen beliebigen Geschlechts bezieht. Würde man den Stern vor das -er setzen, also Lehr*er, könnte das ebenfalls bedeuten, dass sich das Wort auf Personen beliebigen Geschlechts bezieht. Warum muss man erst die feminine Form bilden, wenn sich das Wort auf Personen beliebigen Geschlechts beziehen soll? Die Advokaten des Gendersterns wollen keinen Ausgleich, sie wollen Macht.

Wen meinen Sie?

Ich meine den Teil der Genderfraktion, der die Sprache zu seinem Gegenstand macht, weil er sie nicht liebt. Die deutsche Sprache ist das höchste Kulturgut der größten Sprachgemeinschaft in der EU. Aus der Genderfraktion kommen Bewertungen wie: Die deutsche Sprache ist krank. Die deutsche Sprache ist reparaturbedürftig. Die deutsche Sprache ist gewalttätig. Gendern ist demokratische Pflicht. Die deutsche Sprache ist mit dem Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland nicht verträglich. Das schmerzt, manchmal wird es beunruhigend. Sie verachten die deutsche Sprache, sonst könnten sie sich nicht derartig an ihr vergreifen. Hätten wir in der DDR nicht dieselbe Sprache gehabt wie in der alten Bundesrepublik, dann hätte die Vereinigung nicht funktionieren können, wie sie immerhin funktioniert hat.

Das müssen Sie erklären.

Überall in Europa hat der Sprachseparatismus gewonnen. Ob wir das Serbische, das Kroatische oder das Montenegrinische, das Tschechische oder das Slowakische nehmen – überall sind Sprachgrenzen zu Nationalgrenzen gemacht worden. Und denken Sie weiter an Katalonien oder Schottland. Nur die Deutschen haben eine Vereinigung, und das haben sie auch der deutschen Sprache zu verdanken. Anderthalb Generationen Trennung haben die deutsche Sprache trotz aller Bemühungen des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands nicht gespalten. Aber jetzt könnte das geschehen.