Berlin - Der Vertreter der Republik Papua-Neuguinea im Nordosten Deutschlands kommt aus Neubrandenburg.  Thomas Bockhold, der dort einmal im Auftrag des Auswärtigen Amtes ein Straßenbauprojekt durchgeführte, ist seit 2013 Honorarkonsul des Staates, der 1975 aus einst britischen und bis 1918 auch deutschen Kolonien entstand. Per E-Mail teilt er auf Anfrage mit: „Wir haben eine klare Einstellung: Alles, was in Deutschland ist, dient der Werbung für Papua-Neuguinea. Das Land ist arm und wird viel zu wenig beachtet, da kann auch ein solches Boot positiv wirken. Wir möchten keinesfalls etwas zurückerhalten.“

Es geht um das „Hochsee-Segelboot“ von der Insel Luf, wie es in den Akten genannt wird. Angesichts seiner schieren Größe von gut 16 Meter Rumpflänge, der Besegelung mit zwei Masten und der Transportkapazität wäre auch die Bezeichnung als „Schiff “angemessen, zumal sie deutlich macht: Dieses Gefährt war einst eine Tat des Widerstands, ein Zeichen des Selbstbewusstseins einer vom Untergang bedrohten Gesellschaft: 1882 hatten deutsche Truppen im Rahmen einer „Strafaktion“ die Insel mit Krieg, der Zerstörung von Fischerbooten, Gärten, Häusern und Palmenhainen überzogen. Hunger, Krankheiten, Seuchen folgten, um 1940 galt die Bevölkerung von Luf als „ausgestorben“.

Das Ziel: „Die deutsche Flagge hissen“

Ein Euphemismus für die katastrophalen Folgen der deutschen Kolonialherrschaft im Pazifik, wie Götz Aly in seinem aktuellen Buch berichtet. Der Historiker und Kolumnist der Berliner Zeitung schließt sich mit diesem Buch der inzwischen sehr langen Reihe von Kritikern des Humboldt-Forums an, die nicht nur emotional und vage postkolonial bewegt, sondern historisch fundiert argumentieren.

Götz Aly aber beginnt die Präsentation seiner Recherchen mit einer Familienerinnerung: Vom April 1884 bis April 1886 fuhr der Pfarrer Gottlob Johannes Aly, sein Urgroßonkel, auf dem S. M. Segelschiff „Elisabeth“ in den Pazifik. Er sollte die 380 Mann auf dem Schiff geistlich betreuen. Deren Ziel war, im heutigen Namibia und in der Südsee „die deutsche Flagge“ zu hissen, „Schutzgebiete“ zu deklarieren.

Offenbar war Johannes Aly ein guter Seelsorger. Ganz am Rand berichtete er aber auch nach Hause, dass er an einer „Strafexpedition“ auf Neu-Irland teilgenommen habe, bei der das „Eigentum, die Hütten, Boote und Pflanzungen“ der „Kanaker“ zerstört wurden. Es war eine Aktion wie jene, die 1882 auf der Insel Luf stattgefunden hatte.

Die Folgen von Seuchen und Missionierung

Für Götz Aly sind solche Nebensätze das eigentlich Interessante: Wer zerstörte was und warum, wer profitierte kurzfristig – und was waren die langfristigen Folgen? Es geht in dem Buch um kapitalistische Handelsgesellschaften, die Folgen der rassistischen Schädelforschungen und deren Voraussetzung, die oft blanke Grabschändung war. Es geht um Missionare, Militärs, um Plantagenwirtschaft und Zwangsarbeit, die brutale Ausbeutung der sogenannten Eingeborenen.

Obwohl Götz Aly, daran erkennt man den Kolumnisten, von der ersten Seite an klarmacht, wer aus seiner Sicht gut und wer böse ist und Grauzonen eher ignoriert, kommen auch jene Ethnologen zu Wort, die die verheerenden Folgen von Seuchen und Missionierung, vor allem der „Strafaktionen“ kritisierten, bei denen die Lebensgrundlagen der Menschen zerstört wurden, der Fischfang, die sorgsam in die Ökologie eingepasste Felder- und Palmenwirtschaft.

Wie viele aktuelle deutsche Kolonialhistoriker konzentriert sich Aly allzu sehr auf das Deutsche Kaiserreich, dadurch bleibt der europäisch-amerikanische Zusammenhang unklar, der zur Unterwerfung der „Südsee“ führte.

Aber überdeutlich wird: Einer der Profiteure dieses Kolonialismus waren die heutigen Staatlichen Museen. 1904 erwarben sie das Schiff von dem Händler Max Thiel, der als Teilhaber der Hamburger Handelsfirma Hernsheim & Co. seit langem im Pazifik tätig war. Vom Leipziger Museum forderte er noch 12.000 Mark, das Berliner zahlte dann 6000 Mark. Auch das war relativ viel Geld. Doch die Berliner Museen wollten unbedingt ein solches Paradeobjekt erhalten: Fast zeitgleich bemühten sie sich vergeblich um den Transport eines 20 Meter langen Kriegsschiffs, das der König von Samoa Kaiser Wilhelm II. geschenkt hatte – aus der Sicht Samoas wohl weniger eine Unterwerfungsgeste als eine Art diplomatische Ehrengabe, wie neueste Forschungen zeigen.

Warum waren die Berliner Museen so versessen auf die Boote?

Doch wie kam Thiel in den Besitz des Schiffs von Luf? Die Museen haben darüber, teilten sie unlängst auf Anfrage der Berliner Zeitung mit, bisher keine Akten gefunden. Sie vertrauten offenbar seinem Besitztitel, in der kolonialen Gesellschaft wurde nicht viel gefragt. Aber hat Thiel die Hersteller, die noch 1906 befragt werden konnten, für das Schiff wenigstens aus der Sicht der Zeit angemessen bezahlt?

Es ist zwar keine Klage überliefert, doch Aly geht davon aus, dass Thiel sich das Schiff faktisch einfach „angeeignet“ hat. Aber welche Druckmittel hatte er – außer der Erinnerung an das Trauma von 1882? Und warum waren die Berliner Museen eigentlich so versessen darauf, ein solches Boot zu erhalten? Sicher auch aus jener Wissbegier, die einer der Gründe dafür ist, dass es überhaupt Museen gibt. Aber war es auch ein Machtzeichen, eine Trophäe zu einer Zeit massiver deutscher Marinerüstung?

Darauf deutet immerhin der Teil der Geschichte des Boots hin, die es im Museum verbracht hat und die Aly leider nicht erzählt. Er ist dabei nicht allein, Kolonialzeit-Forschung tendiert insgesamt dazu, die Zeit der Objekte im Museum als irrelevant zu betrachten. Das Luf-Schiff wurde 1906 im Lichthof des alten Völkerkundemuseums neben Skulpturen aus Indien und aus Nordamerika gezeigt. Als Teil einer Hochkultur-Ausstellung also. Doch auf den nach 1926 gemachten Fotos ist das Luf-Schiff nicht mehr zu sehen, es war ins Dahlemer Depot gebracht worden.

Erinnerte es zu sehr an die gescheiterte Weltmachthoffnung Deutschlands? In der Nazizeit jedenfalls wurde auch für dieses Schiff wieder ein gigantisches „Rassekundemuseum“ neben der Museumsinsel geplant. Und 1970 inszenierten die Museen gerade dieses Schiff in der neuen „Südsee“-Ausstellung offensiv antirassistisch als Beleg für die großartige indigene Seefahrt- und Schiffbaukunst.

Und nun im Humboldt-Forum

Genau diese Inszenierung hat Konsul Thomas Bockhold offenbar vor Augen, wenn er hofft, dass das Schiff von Luf auch im Humboldt-Forum für Papua-Neuguinea werben kann. Dort aber ist es eingesperrt in einen kastigen Saal, nur mit fünf weiteren Booten – weit weniger, als in Dahlem zu sehen waren. Eine der vielen Skandalplanungen des Humboldt-Forums, weit entfernt von den kulturellen Aufwertungsstrategie der Dahlemer Museen von 1970. Vielleicht also wird Götz Alys Vorschlag, Objekte wie dieses Schiff von jetzt an als Eigentum der Nachkommen der ursprünglichen Besitzer zu betrachten, doch noch ernsthaft diskutiert. Die Museen wären demnach nur Treuhänder, Sachwalter eines postkolonialen Verständnisses, das Kulturbesitz ganz neu zu definieren hätte.

Götz Aly: Das Prachtboot. Wie Deutsche die Kunstschätze der Südsee raubten. S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2021. 240 Seiten, 21 Euro