Texte zur Zeit lasen Mitglieder der Akademie der Künste am Sonnabend in Berlin. Volker Braun, Uwe Timm und Kerstin Hensel zum Beispiel trugen Gedichte, Erzählungen, Notizen über Krieg und Frieden vor, die ihnen wichtig sind. Der in Berlin lebende Autor Ingo Schulze brachte einen Text mit, den er für den Abend geschrieben hat und der hier erstmals publiziert wird: „Ein Gespräch oder: Frieden schließt man mit Feinden“. Es ist ein Dialog, der das Dilemma aufgreift, in dem sich viele Menschen sehen, wenn es um ihre Haltung zu Waffenlieferungen und Verhandlungen geht. Die Sprecher A und B stehen für die Positionen in der Debatte, die sich – so wird es deutlich – je nach Argument verändern können. Es gibt keine einfachen Antworten.

A: Und was denkst du?

B: Wieso fragst du? Erwartest du von mir neue Erkenntnisse? Es gibt keine Haltung, die widerspruchslos wäre. Deshalb staune ich über die Selbstgewissheiten, eigentlich machen sie mir Angst.

A: Deine Haltung muss man sich erst mal leisten können. An der Front kommst du damit nicht weit.

B: Ich bin aber nicht an der Front.

A: Aber andere sind es. Und wenn die nicht dort wären, wärst du vielleicht an der Reihe.

B: Keiner von uns kann wirklich sagen, wie er sich im Ernstfall verhalten würde. Und auch der, der glaubt, es für sich selbst entscheiden zu können – was ist mit deinen Kindern oder Enkeln, was rätst du denen?

A: Haben die in der Ukraine eine Wahl?

B: Das ist ja das Fürchterliche. Und welche Wahl haben die russischen Wehrpflichtigen?

A: Die Kriegsverbrechen begehen.

B: Kennst du eine Armee, die im Krieg keine Kriegsverbrechen begeht? Julian Assange hat Kriegsverbrechen öffentlich gemacht …

A: Du würdest deine Kinder zu Hause einschließen?

B: Ich sag dir doch, es ist müßig, im luftleeren Raum darüber zu spekulieren.

A: Vorhin hast du aber gesagt, wer Waffen liefert und Soldaten ausbildet, ist Kriegspartei.

B: Was sonst? Als Staat tragen wir die Verantwortung dafür, was mit unseren Waffen geschieht. Das gilt für alle Waffenexporte. Wir hängen da mit drin, mit jeder einzelnen Patrone sind wir Partei.

A: Wenn aber die, die auf Leben und Tod kämpfen, dich um Waffen bitten, kannst du doch nicht Nein sagen!?

B: Das sage ich auch nicht. Ich sage nur, dass wir damit eine Verantwortung übernehmen, und die wahrzunehmen ist schwierig.

Der Autor

Ingo Schulze, 1962 in Dresden geboren, lebt in Berlin. 1995 erschien sein erstes Buch: „33 Augenblicke des Glücks“. Das folgende, „Simple Storys“ (1998), ist Schullektüre. Danach erschienen u. a. die Romane „Adam und Evelyn“ (2008) und „Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst“ (2017). Seit 2020 erschienener Roman „Die rechtschaffenen Mörder“ war für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Ingo Schulze wurde 2020 mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland für sein Engagement als politischer Autor und Künstler ausgezeichnet. Im Frühjahr 2022 erschien der Essay-Band „Der Amerikaner, der den Kolumbus zuerst entdeckte …“ (alle Verlag S. Fischer). Im Wallstein-Verlag veröffentlichte er 2021 das Buch „Dresden wieder sehen“ mit sieben Texten über die Stadt Dresden in Vergangenheit und Gegenwart.

A: Mir gefällt deine Zögerlichkeit nicht. Du hast mir von Sarajevo erzählt. Das Waffenembargo der Uno traf ganz Bosnien. Nur hatten die einen eine hochgerüstete Armee und die anderen hatten fast nichts.

B: Die Ukraine hatte offenbar schon eine Menge …

A: Zum Glück!

B: Das kann man so sehen. Und ohne diese Waffen gäbe es die Ukraine vielleicht nicht mehr. Und zugleich nennt der Papst, das, was du als „Glück“ bezeichnest, „das Bellen der Nato vor Russlands Tür“.

A: Ach, komm, beim Papst ist für jeden was dabei.

B: Er verurteilt die russische Invasion ebenso wie das ominöse 2-Prozent-Ziel beim Rüstungsetat.

A: Ich würde es lieber einen Verteidigungsetat nennen. Aber wer an diesem Krieg Schuld hat und wer überfallen wurde, steht doch außer Frage, oder?

B: Ja, natürlich! Die russische Armee hat in der Ukraine nichts zu suchen!

A: Mich regt das schon auf. Da sterben jeden Tag Hunderte unschuldige Menschen, weil die Russen da reinballern und die Ukrainer zu wenig Waffen haben, um sich wirksam zu schützen. Aber wenn es nach dir ginge, hätten die Ukrainer am besten nichts gehabt und die Russen wären eins, zwei, fix fertig gewesen mit ihnen. Und um das zu bemänteln, zauberst du jetzt den Papst aus dem Hut, als wärst du ein Katholik. Der Papst soll erst mal in seinem eigenen Laden aufräumen.  – Was ist?

B: Jetzt sind wir wieder an dem Punkt angelangt, der sich offenbar nicht vermeiden lässt.

A: Weil ich mich aufrege?

B: Weil du diejenigen, die da hingemetzelt werden, zu deinen Toten machst. Als würdest nur du die Verbrechen nicht aushalten, die ich angeblich achselzuckend hinzunehme.

A: Ich will dir nicht absprechen …

B: Entschuldige, aber ich werde regelmäßig mit diesen Aufwallungen in die Ecke gestellt, als wäre jeder, der nicht mit versagender Stimme Waffen über Waffen fordert, ein Helfershelfer der Mörder.

A: Wenn es um Menschenleben geht, darf man vielleicht auch mal laut werden!?

B: Können wir nicht reden, ohne in Vereinfachungen zu verfallen?

A: Dieser Krieg ist leider sehr einfach. Da der Angreifer, da die Angegriffenen.

B: Auch dieser Krieg ist nicht vom Himmel gefallen.

A: Wohl wahr. Ich wäre der Letzte, der das bestreiten würde. Viel zu viele haben nicht sehen wollen, wie sich Russland entwickelt.

B: Und viel zu viele haben so getan, als müsste nicht verhandelt werden, als gäbe es keine Minsk-Abkommen, kein Normandie-Format, ganz zu schweigen von den verpassten Möglichkeiten der letzten 32 Jahre.

A: Das ist doch Schnee von gestern.

B: Geh die letzten Jahrzehnte durch, Schritt für Schritt. In den 90ern wäre fast alles möglich gewesen! Da ist so viel verspielt worden, nicht zuletzt, weil sich der Westen als Sieger der Geschichte gefühlt und sich so auch verhalten hat. Der Bruch zwischen Russland und der Nato vollzog sich doch schon unter Jelzin.

A: Aber Ende der 90er konntest du in Russland alles schreiben und senden, was du wolltest, heute nichts mehr, gar nichts mehr, was nicht den offiziellen Segen hat.

B: Das gehört zusammen.

A: Ja, aber wie?

B: Der russische Überfall entbindet uns nicht von der Frage nach dem, was versäumt worden ist, um einen Krieg zu verhindern.

A: Ist das nicht offensichtlich? Wir waren nicht hart genug gegenüber Russland. Wir hätten Putin nichts durchgehen lassen dürfen.

B: Denkst du, ohne Nord Stream 1 oder 2 hätte es den Krieg nicht gegeben? Und ohne das Gas? Die Logik funktioniert doch genauso umgekehrt: Dann hätte Russland nichts mehr zu verlieren gehabt. Die Sanktionen hätten nichts verhindert.

A: Mag sein, mag auch nicht sein. Unser Problem ist doch, dass wir überhaupt noch so abhängig sind von Öl und Gas. Denkst du, ich bin froh über unsere neuen Partner, die im Jemenkrieg mitmischen? Mit unseren Waffen, wie du gleich ergänzen wirst.

B: Ich bin mir selbst gegenüber misstrauisch. Der Krieg gegen die Ukraine geht jeder und jedem unter die Haut, vom Jemen-Krieg hingegen nehmen wir nicht mal Notiz, der findet in unseren Medien kaum statt. Uns fehlen die Bilder von einem Krieg mit fast 400.000 Toten, über 17 Millionen von Unterernährung Bedrohten. Wir müssten aus der Haut fahren vor Scham.

A: Hilft uns das weiter? Willst du mit dem einen Krieg den anderen relativieren?

B: Quatsch! Aber jene saudi-arabische Allianz, die da bombt, wird nicht nur von unseren unmittelbaren Verbündeten unterstützt, sondern auch von Deutschland.

A: Das lässt sich aber nicht vergleichen.

B: Es geht um Glaubwürdigkeit. Ich bin sehr für den Gerichtshof in Den Haag. Aber wer die Verbrechen im Irak und in Afghanistan nur einseitig oder gar nicht untersucht, wer nicht nach den Schuldigen für diese Hunderttausende von Toten, nach den Gefolterten und Missbrauchten fragt, wer die Richter in Den Haag mit Sanktionen belegt hat und Assange auf 175 Jahre Haft verklagt, ist unglaubwürdig, wenn er Putin vor Gericht stellen will.

A: Trotzdem glaube ich daran, dass Putin eines Tages vor Gericht stehen wird, wenn die Ukraine gesiegt hat. – Was denn? Darf ich nicht vom Sieg der Ukraine sprechen?

B: Was heißt das? Was bedeutet: Sieg?

A: Die Ukraine zu befreien.

B: Die Krim? Den gesamten Donbass?

A: Warum nicht? Hat die Ukraine keinen Anspruch auf die Unverletzlichkeit ihrer Grenzen?

B: Den hat sie. Ich versuche mir nur vorzustellen, was das bedeutet.

A: Was die russische Besatzung bedeutet, dafür braucht es kein Vorstellungsvermögen, du musst nur hinsehen.

B: Ende März schien ein Waffenstillstand zum Greifen nah. Wer redet jetzt noch davon? Von Friedensgesprächen ganz zu schweigen.

A: Entschuldige, ich muss es noch mal sagen, aber die Russen haben in der Ukraine nichts verloren.

B: Das unterschreibe ich doch. Aber Frieden schließt man mit Feinden. Und jeder Tag, den der Krieg länger dauert, ist einer, der den Frieden noch schwieriger macht.

A: Hast du denn etwas dagegen, dass Russland nachhaltig geschwächt wird, dass ihm die Lust auf Kriege vergeht?

B: Ich will wissen, was das bedeutet. Eine russische Kapitulation? Wie soll die aussehen? Soll erst dann ein Waffenstillstand geschlossen werden, nachdem Russland die Generalmobilmachung beschlossen und alle Kräfte an die Front geworfen hat, muss erst die Ukraine alle schweren Waffen eingesetzt und all die Milliarden Militärhilfe verbraucht haben, damit ernsthafte Gespräche beginnen können? Um wie viele Atomkraftwerke werden wir noch bangen müssen? Ja, Russland hat in der Ukraine nichts zu suchen. Trotzdem halte ich dieses Gerede vom Sieg-Frieden, ganz gleich, welche Seite ihn beansprucht, für die Fortsetzung der Katastrophe. Der Weg zum Sieg-Frieden, selbst wenn es ihn geben sollte, bedeutete eine schier endlose Schlächterei.

A: Und da natürlich alle auf dich hören, schlägst du nun was vor?

B: Mach dich nicht lustig. Ein Verhandlungsfrieden, was denn sonst, jetzt, heute, gleich.

A: Man kann nicht jeden Vorschlag akzeptieren.

B: Nicht jeden. Aber fast jeder ist besser als die Fortsetzung des Krieges.

A: Wenn es so einfach wäre. Ich hätte aber noch ein paar Fragen …

B: Ich auch.