Ein Kunstwerk mit antisemitischen Bildelementen, das im Rahmen der Documenta fifteen auf dem Kasseler Karlsplatz ausgestellt wird, sorgt für Entrüstung auf Twitter und in der Kunst- und Kulturwelt. Das Großformat-Transparent des Künstlerkollektivs Taring Padi zeigt unter anderem eine Figur, die einen Hut trägt, auf dem die SS-Runen (das Zeichen der Schutzstaffel unter Hitler) zu sehen sind. Die Figur wird in den sozialen Medien und in Online-Artikeln über die Documenta als Darstellung eines Juden interpretiert – und dem Künstlerkollektiv Antisemitismus vorgeworfen. Die Documenta teilte am Montagabend mit, dass aufgrund der antisemitischen Lesarten, die die Darstellung  in der Arbeit „People’s Justice“ (2002) biete,  diese verdeckt und eine Erklärung dazu installiert werde. Das habe das Kollektiv gemeinsam mit der Geschäftsführung und der Künstlerischen Leitung Ruangrupa entschieden.

Taring Padi äußert sich dazu wie folgt: „„Die Banner-Installation „People’s Justice“ (2002) ist Teil einer Kampagne gegen Militarismus und die Gewalt, die wir während der 32-jährigen Militärdiktatur Suhartos in Indonesien erlebt haben und deren Erbe, das sich bis heute auswirkt. Die Darstellung von Militärfiguren auf dem Banner ist Ausdruck dieser Erfahrungen. Alle auf dem Banner abgebildeten Figuren nehmen Bezug auf eine im politischen Kontext Indonesiens verbreitete Symbolik, z.B. für die korrupte Verwaltung, die militärischen Generäle und ihre Soldaten, die als Schwein, Hund und Ratte symbolisiert werden, um ein ausbeuterisches kapitalistisches System und militärische Gewalt zu kritisieren.“ Diese Aussage bezieht sich auf eine weitere Figur auf dem Kunstwerk, die Diskussionen ausgelöst hat: Eine Figur mit Schweinerüssel und rotem Halstuch mit einem Davidstern darauf, trägt auf der Stirn die Aufschrift „MOSSAD“. Der Mossad ist der israelische Auslandsgeheimdienst. Die Frage, warum das Schwein diese Aufschrift trägt, erklärt Taring Padi nicht.

Das Banner sei erstmals 2002 auf dem South Australia Art Festival in Adelaide ausgestellt worden und seitdem an vielen verschiedenen Orten und in unterschiedlichen Kontexten gezeigt, insbesondere bei gesellschaftspolitischen Veranstaltungen,  darunter: Jakarta Street Art Festival (2004), die retrospektive Ausstellung von Taring Padi in Yogyakarta (2018) und die Polyphonic Southeast Asia Art Ausstellung in Nanjing, China (2019).

Documenta-Künstler entschuldigen sich für Verletzungen

Taring Padi sei ein progressives Kollektiv, das sich für die Unterstützung und den Respekt von Vielfalt einsetzt. „Unsere Arbeiten enthalten keine Inhalte, die darauf abzielen, irgendwelche Bevölkerungsgruppen auf negative Weise darzustellen. Die Figuren, Zeichen, Karikaturen und andere visuellen Vokabeln in den Werken sind kulturspezifisch auf unsere eigenen Erfahrungen bezogen.“

Die Ausstellung von „People’s Justice“ auf dem Friedrichsplatz ist die erste Präsentation des Banners in einem europäischen und deutschen Kontext. Sie stehe keiner Weise mit Antisemitismus in Verbindung, erklärte das Kollektiv. „Wir sind traurig darüber, dass Details dieses Banners anders verstanden werden als ihr ursprünglicher Zweck. Wir entschuldigen uns für die in diesem Zusammenhang entstandenen Verletzungen. Als Zeichen des Respekts und mit großem Bedauern decken wir die entsprechende Arbeit ab, die in diesem speziellen Kontext in Deutschland als beleidigend empfunden wird. Das Werk wird nun zu einem Denkmal der Trauer über die Unmöglichkeit des Dialogs in diesem Moment. Wir hoffen, dass dieses Denkmal nun der Ausgangspunkt für einen neuen Dialog sein kann.“

dpa/Uwe Zucchi
Auf dem umstrittenen Großgemäldes des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi auf dem Friedrichsplatz in Kassel ist ein Jude mit einem Hut zusehen. Auf dem Hut prangt eine SS-Rune.

Sabine Schormann, Generaldirektorin der documenta und Museum Fridericianum gGmbH dazu: „Die Geschäftsführung der documenta ist keine Instanz, die sich die künstlerischen Exponate vorab zur Prüfung vorlegen lassen kann und darf das auch nicht sein. Das Banner wurde am vergangenen Freitagnachmittag am Friedrichsplatz installiert, nachdem notwendige restauratorische Maßnahmen aufgrund von Lagerschäden an der 20 Jahre alten Arbeit durchgeführt wurden. Ich möchte noch einmal ausdrücklich darauf hinweisen, dass das Werk nicht für Kassel, nicht für die documenta fifteen konzipiert wurde, sondern im Kontext der politischen Protestbewegung Indonesiens entstanden ist und dort wie an anderen außereuropäischen Orten gezeigt wurde. Dies ist das erste Mal, dass die Arbeit in Deutschland und in Europa gezeigt wird. Alle Beteiligten bedauern, dass auf diese Weise Gefühle verletzt wurden. Gemeinsam haben wir beschlossen, das Banner zu verdecken. Ergänzend holen wir weitere externe Expertise ein.“

Zu den Figuren, zu denen sich antisemitische Lesarten bieten: Als Jude kann die Figur auf dem Bild aufgrund einer weiteren Kopfbedeckung unter dem Hut, die eine Kippa sein könnte, und angedeuteten Schläfenlocken interpretiert werden. Schläfenlocken werden von manchen Männern in der orthodoxen jüdischen Gemeinde getragen. Was die Figur mit Schweinerüssel und rotem Halstuch mit einem Davidstern darauf angeht, die auf der Stirn die Aufschrift „MOSSAD“ trägt: Zu sehen sind zwar auch andere ähnliche Figuren mit den Namen von Geheimdiensten auf der Stirn. Die mit Davidstern ist aber die einzige, die einen Schweinerüssel hat.

Claudia Roth: „Antisemitische Bildsprache“

Der deutsch-israelische Direktor der Bildungsstätte Anne Frank und Professor für soziale Arbeit, Meron Mendel, sagte der Berliner Zeitung: „Das ist eindeutig die Darstellung eines orthodoxen Juden. Ihn mit dem Zeichen der SS zu versehen und eine schweineartige Figur mit einem Davidstern zu malen, lässt auf ein zutiefst antisemitischen Weltbild der Künstler schließen. Der Jude als Nazi und als Schwein: Das sind beides antisemitische Klassiker.“ Das Schwein wird im Judentum als besonders unrein betrachtet und auch dadurch immer wieder für antisemitische Provokationen genutzt.

Meron Mendel betonte mit Blick auf die vorherigen Debatten um Antisemitismus auf der Documenta: „Ich habe die auf Generalverdacht basierenden Antisemitismusvorwürfe vor der Eröffnung immer abgelehnt und bin auch immer noch der Meinung, dass man Menschen auf Grund ihres Geburtsortes oder ihrer Religion nicht mit solchen überziehen darf.“

Nun zeigt sich Mendel von der Arbeit von Ruangrupa, der Kuratoren der Documenta irritiert: „Dass im Zentrum der Documenta Juden diffamiert und beleidigt werden, darf von den Kuratoren nicht übersehen werden. Das verwundert auch insofern, dass man in der Folge der vorherigen Vorwürfe immer wieder beteuert hatte, alles genau geprüft zu haben und keinen Antisemitismus zu tolerieren.“ Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Bündnis 90/Die Grünen) sagte: „Das ist aus meiner Sicht antisemitische Bildsprache.“ Mendel und Roth sprachen in Unkenntnis der Documenta-Erklärung.

Die Documenta hatte bereits vor ihrer Eröffnung Negativschlagzeilen aufgrund von Antisemitismusvorwürfen gemacht. Dem Kuratorenkollektiv Ruangrupa wurde seitens eines Blogs vorgeworfen, ein Kollektiv aus Ramallah eingeladen zu haben, das dem (kulturellen) Boykott Israels nahestehe. Am 28. Mai gab es einen Angriff auf den Ausstellungsraum des palästinensischen Künstlerkollektivs The Question Of Funding, für dessen Einladung die Kuratoren kritisiert wurden. Die Sachschäden beliefen sich auf mehrere Tausend Euro.