Berlin - In der deutschen Sprache ist die Redewendung vom toten Punkt in unterschiedlichen Bedeutungsfeldern gebräuchlich. In der Mechanik etwa wird der Totpunkt als Begriff  für blockierende Kräfte verwendet. Diese wirken gleich stark aufeinander ein, so dass nichts weitergehen kann. Derart festgezurrt, gibt es kein Vor, kein Zurück. Keine Dynamik, kein Leben.

In der Genealogie spricht man ebenfalls von einem toten Punkt. Er markiert jene Stelle, vor der kaum mehr Vorfahren zu finden sind. Wenn alle mit allen verwandt sind, hat die Ahnenforschung ihren Sinn verloren. Identität bedarf der Einzigartigkeit, mit Ähnlichkeiten gibt sie sich nicht zufrieden.

Beim Schach spricht man von einer „toten Stellung“, wenn beide Spieler selbst bei gröbsten Schnitzern des anderen kaum noch eine Chance haben, das Spiel für sich zu gewinnen. Und selbst im Wirtschaftsleben sprechen einige von einem toten Punkt und meinen damit jenen Moment, in dem ein Unternehmen weder Gewinne noch Verluste erzielt. Meist aber wird der sogenannte Break-Even-Point als Umschlagspunkt verstanden, wo vor lauter Gewinnen kein Halten mehr ist. Nach dem toten Punkt kommt der Durchbruch.

Das alles aber scheint der Münchner Kardinal Reinhard Marx nicht gemeint zu haben, als er davon sprach, dass seine Kirche an einem toten Punkt angekommen sei. Sie müsse sich erneuern, so Marx. Das aber könne nicht gelingen, „wenn nur die Amtsträger im Mittelpunkt stehen, und wir um unsere Posten kämpfen und um unser Geld.“

Marx bediente sich dabei einer klassischen Redefigur der Kulturkritik, ähnlich wie Luther beschrieb er den Zustand der Institution, der er in maßgeblicher Position angehört, als düster und hoffnungslos. Nichts geht mehr – toter Punkt.

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Dass es mit einem bloßen Verharren in Agonie nicht getan ist, hat der französische Sprachwissenschaftler Roland Barthes seinem Kollegen Jean-Paul Sartre klarzumachen versucht, als dieser zwischen engagierter Literatur und selbstbezüglich-formbewusster Poesie einen Unterschied zu machen versucht hatte. Barthes indes war der Überzeugung, dass jede sprachliche Ausdrucksweise bereits engagiert sei. Allerdings sprach er nicht vom toten Punkt, sondern vom „Nullpunkt der Literatur“.

Hinsichtlich des toten Punkts, den Kardinal Marx im Sinn hatte, kann das nur heißen, dass er keinen Schlusspunkt benennen wollte. Mit dem Volksmund weiß er, dass der tote Punkt überwunden werden kann – und ein guter Teil der Theologie ist eben auch Literaturwissenschaft. Also weiter im Text.