Michel Houellebecq und die Silvesternacht: Beschwörer rassistischer Ängste

Houellebecq, Enfant terrible der französischen Literatur, äußerte sich wieder islamfeindlich. Die deutschen Debatten um Integration klingen dazu wie ein Echo. Ein Kommentar.

Gegen den Schriftsteller Michel Houellebecq wurde Strafanzeige gestellt.
Gegen den Schriftsteller Michel Houellebecq wurde Strafanzeige gestellt.AFP/Guillaume SOUVANT

Was für ein auffälliger Zufall: Dass die Nachricht von der Strafanzeige gegen den französischen Starautor Michel Houellebecq gerade jetzt bekannt wurde. Jetzt, wo in Deutschland anlässlich der Böller-Eskalation an Silvester wieder mal landesweit und mit unüberhörbar rassistischer Verve über „Parallelgesellschaften“, „Problembezirke“ und vermeintlich missglückte Integration diskutiert wird. Die Ähnlichkeiten drängen sich regelrecht auf. 

Immerhin: Als Autor und in der Öffentlichkeit agierender Intellektueller wird Houellebecq in den letzten Jahren nicht müde, die Werte des französischen Bürgertums, für viele noch immer Sinnbild des europäischen Säkularismus und so etwas wie das geistige Vestibül Frankreichs, gegen vermeintliche Bedrohungen von außen zu verteidigen. Wo jene Bedrohung liegt, erklärt sich für Houellebecq – sowie für französische Rechtsextreme wie Éric Zemmour oder Marine Le Pen, die jene dog whistler dankbar weiterpfeifen – von selbst: in den Pariser Banlieues. Also in jenen Randbezirken, wo, ganz ähnlich wie in Berlin-Neukölln, zahlreiche nicht-weiße und muslimische Menschen leben.

„Umgekehrte Bataclans“ in Banlieues

Die Banlieues wurden in den frühen Nullerjahren bekanntlich auch Zentrum politischer Proteste gegen Perspektivlosigkeit und Xenophobie. Insbesondere in den Jahrzehnten des Zusammenbruchs der kolonialen Infrastruktur Frankreichs hatten sich hier Tausende nach Frankreich immigrierte Menschen angesiedelt. Rassistische Reflexe, die in der französischen Gesellschaft schon lange existieren, weiß Houellebecq in öffentlichen Auftritten geschickt hervorzukitzeln. Wie zuletzt, als er in einem Interview mit dem Herausgeber des Magazins Front Populaire behauptete, dass bald „Attacken und Schießereien gegen Moscheen und Cafés in Territorien unter islamischer Kontrolle“ anstünden – sogenannte „umgekehrte Bataclans“. Mit „Territorien unter islamischer Kontrolle“ waren natürlich die Pariser Banlieues gemeint.

Chems-eddine Hafiz, Rektor der Großen Moschee von Paris, der als politisch moderater, islamischer Vertreter gilt und etwa von Frankreichs Innenminister Gérald Darmanin unterstützt wird, hatte daraufhin Strafanzeige gegen Houellebecq erstattet. Mit der Großen Moschee leitet Hafiz eine emblematische Einrichtung: Der Bau gilt in Frankreich als Dank an seine muslimischen Vorkämpfer im Ersten Weltkrieg.

Im Gespräch mit der Zeitung Le Figaro bezeichnete Hafiz Houellebecqs Aussagen als Worte von „erstaunlicher Brutalität“. Die Anerkennung eines literarischen Genies sei eben kein Freifahrtschein für die Verbreitung von Hass. Der Autor unterscheide zudem zwischen Französischstämmigen und Muslimen, „um zu behaupten, dass Letztere niemals echte Franzosen sein könnten“. Die Ähnlichkeiten mit der deutschen Debatte, wo derzeit von Nancy Faeser bis Christoph de Vries von „Integrationsverweigerern“ und „dunkleren Hauttypen“ die Rede ist, sind offensichtlich. Die Frage, wer deutsch oder wer französisch ist, ob sich europäische Staatsbürgerschaft also lediglich durch Blut und Geschichte definiert oder eben doch als offeneres Modell gedacht werden kann, scheint im Jahr 2023 noch immer nicht abschließend geklärt zu sein. 

Literarische Islamfeindlichkeit in „Unterwerfung“

Dass Houellebecq sich in der Vergangenheit auch literarisch durch zweifelhafte Ideen hervortat, lässt sich als Vorgeschichte des Eklats sicherlich nicht ausklammern. Das wohl markanteste Beispiel ist sein Roman „Unterwerfung“, der fast auf den Tag genau vor acht Jahren erschien. Das Buch beschreibt ein Szenario, das sich für die weiße Mehrheitsgesellschaft Frankreichs, ja Europas – zumal nach Jahren islamistischen Terrors – als ultimatives Schreckbild lesen musste und bereits bestehende, xenophobe Ängste ins kulturelle Unterbewusste förmlich einmassierte. Ein Islamist wird darin französischer Präsident, wenngleich als kleineres Übel zum rechtsradikalen Kandidaten. Er führt die Scharia ein und beendet, was Frankreich bis dato auszeichnete: ausschweifende Lebensart à la carte, Rotwein, Sex und Avantgarde, sprich: europäische Zivilisation, wie wir sie kannten – beziehungsweise gern kennen würden.

Als Metapher für die drohende Islamisierung des Westens zeichnet der Roman also eine totale Umwälzung. Im Buch wird diese durch die Augen von François beschrieben, ein Mann, der an nichts glaubt außer an seine eigenen Bedürfnisse. Der Roman schließt mit François‘ Konvertierung, der eigenen „Unterwerfung“. Rückblickend lässt sich sagen, dass Houellebecq mit dem Roman nicht nur verschwörungstheoretischen „Umvolkungs“-Gedanken Gewicht verlieh. Die rassistischen und antisemitischen Obertöne, die in derartigen Ideen mitschwingen, bewegten etwa auch Anders Breivik oder den Attentäter auf die Synagoge in Halle 2019. Durch den Erzähler entwirft Houellebecq auch, was letztlich zur tonangebenden Leitfigur des zeitgenössischen Liberalismus wurde: einen homo politicus, frei von Verantwortung und politischer Konsequenz.

Ob Houellebecq selbst jetzt mit den Konsequenzen des Rechts zu rechnen hat? Es scheint eher unwahrscheinlich. Dass seine Aussagen – gerade vor dem Hintergrund des tödlichen Angriffs auf eine kurdische Einrichtung in Paris vor wenigen Wochen – geschmacklos und aufhetzend wirken, sollte sich von selbst verstehen. In Tagen, wo sich die öffentliche Meinung von Berlin bis Paris leichtfertig immer weiter nach rechts verschiebt, scheint auf jenes Selbstverständnis allerdings kaum mehr Verlass zu sein.