Kurt Krömers Freund: „Chez Krömer“ war eine harte Reise zurück in seine Depression

Der Schriftsteller und Psychiater Jakob Hein denkt über das Ende von „Chez Krömer“ nach, die Sendung seines Freundes Alexander Bojcan alias Kurt Krömer.

Die Radio-1-Podcastreihe „Krömer And Friends“, für die Jakob Hein und Kurt Krömer (v. l.) hier posieren, war jedenfalls seelisch gesünder als „Chez Krömer“.
Die Radio-1-Podcastreihe „Krömer And Friends“, für die Jakob Hein und Kurt Krömer (v. l.) hier posieren, war jedenfalls seelisch gesünder als „Chez Krömer“.rbb Presse & Information

An dieser Stelle möchte ich betonen, mit meinem Freund Kurt Krömer nicht über das Thema gesprochen zu haben. Er hat dazu gesagt, was er dazu sagen wollte, wer ihn kennt, wer „Chez Krömer“ verfolgt und sein Buch gelesen hat, muss das eigentlich auch nicht tun. Es ist im Prinzip ganz leicht zu verstehen, warum er diese Sendung nicht mehr machen möchte.

Von einem „überraschenden Aus“ zu sprechen oder sich verwundert über das Ende des Formats zu zeigen, zeugt von einer interessanten Empathielosigkeit und einer gedankenlosen Verstrickung in mediale Verwertungsmechanismen. Schließlich ist „Chez Krömer“ doch eine sehr erfolgreiche Sendung mit sehr guten Quoten und Zugriffszahlen, zudem noch mehrfach mit dem Grimme-Preis gekrönt. Es gibt Künstler, die würden ein so erfolgreiches Pferdchen endlos weiter reiten, bis Reiter oder Pferd tot umfallen. Doch das war nie die Art, wie Kurt Krömer über sich und seine Kunst gedacht hat.

In den 1990er-Jahren hatte er mehrfach das Angebot abgelehnt, im Privatfernsehen seine besten Witze in Fünf-Minuten-Blöcken in irgendwelchen „Formaten“ abzuliefern. Klug hat er das abgelehnt, weil er die damit verbundene Beschränkung auf einige wenige Nummern und Merkmale vermeiden wollte. Stattdessen hat er lieber weiter seine Liveshows und kleine schräge Formate in seinem Heimatsender rbb gemacht, was man sich keinesfalls einfach oder unkompliziert vorstellen darf.

Herr Krömer ist vor allem Mensch

Auch an einem Wettbewerb um das meiste Publikum hat er sich nie beteiligt und hat bis heute praktisch keine Werbeartikel, die seinen Namen tragen. Herr Krömer ist vor allem Mensch und in zweiter Linie auch eine Kunstfigur. Die Grenze zwischen den beiden ist sehr schmal, Alexander Bojcan versteckt sich nicht hinter Herrn Krömer, um schlechte Witze zu machen, und es gibt keine Probleme des Herrn Bojcan, über die Kurt Krömer keine Witze machen möchte.

In seinem Buch „Du darfst nicht glauben, was du denkst“ beschreibt Krömer das Format „Chez Krömer“ als Produkt seiner Depression: eine Talkshow, wo der sogenannte Moderator alles andere tut als zu besänftigen, in der Menschen mit ihren Lebenslügen konfrontiert und somit viele mediale Regeln gebrochen werden. In einigen Fällen wie den Interviews mit HC Strache oder Jens Spahn brachte es interessantes Neues hervor, weil das respektlose Format die altbewährte mediale Abwehrstrategie der Herren durchbrechen konnte. In anderen Fällen (Julian Reichelt, Frauke Petry) funktionierte die Strategie nicht, weil die betreffenden Personen so tief gesunken waren, dass sie gern auf jegliche ihnen bereitgestellte Plattform kletterten und dabei auf jegliche Scham verzichteten. Wieder andere wie Philipp Amthor kamen überraschend gut rüber, andere wie Kevin Kühnert überraschend schwach.

Am schwächsten war das Format, wenn Antagonisten nicht in der Lage waren, dagegenzuhalten, seinen absoluten Höhepunkt erlebte es natürlich bei der legendären Folge mit Thorsten Sträter, als nicht nur der Gast, sondern auch der Moderator offen über ihre depressiven Erkrankungen sprachen. Das heißt, dass ein Format, das in einem engen, mit vielen Schlössern verschlossenen Raum, Amtsatmosphäre und Akten so angelegt war, die eingeladenen Gäste in eine Verhörsituation zu bringen, seine größte Stärke im schonungslosen Gespräch mit Menschen zeigte, denen Krömer freundlich gegenübertreten konnte. Die Zuschauer sahen das auch gern, die Zugriffszahlen der Videos mit Karl Lauterbach oder Linda Zervakis waren deutlich über dem, was rbb-Videos normalerweise generieren.

Die Krömer-Sendung mit Herrn Kawusi war nur der berühmte letzte Tropfen

Aber es zeichnete sich ab, dass die aktuelle Staffel die letzte sein würde. Die lange vorbereiteten Gespräche mit unsympathischen Menschen im engen Verhörraum waren doch auch immer wieder harte Reisen zurück in die Zeit der eigenen Depression für Alexander Bojcan. Die Sendung mit Herrn Kawusi war nur der berühmte letzte Tropfen. Im Rahmen seiner Therapie hat er gelernt, dass Liebe und Freundlichkeit viel schöner und gesünder für alle Beteiligten sind, auch wenn Hass und Aggression mehr Aufmerksamkeit generieren. Kurt Krömer kann das in seinem Leben nicht mehr brauchen. Soll er immer wieder ein Ticket zurück in eine der schwersten Zeiten seiner Vergangenheit buchen, nur um „medial stattzufinden“ und damit in dieser Logik „erfolgreich“ zu sein?

Er kann sein Publikum weiterhin unterhalten, Karten für seine Shows sind zuverlässig schnell ausverkauft. Und er wird sehr wahrscheinlich früher oder später auch auf Ideen kommen, wie er den neu erworbenen Frieden mit sich selbst und seiner Biografie auch im Rahmen eines Fernsehformats in Szene setzen kann. „Chez Krömer“ ist nicht dieses Format. Diese Jacke hat nicht mehr zu ihm gepasst. Und auch wenn viele Menschen der Meinung waren, er möge sie doch noch ein bisschen länger tragen, spricht es für den Künstler Krömer, dass er sie in aller Souveränität an den Haken hängen kann.

Jakob Hein ist Schriftsteller und Psychiater. Er hat zusammen mit Kurt Krömer einige Projekte verwirklicht, unter anderem eine Show an der Volksbühne und einen Radio-1-Podcast.

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