Am Mittwoch war in Berlin beim Start der re:publica eine Mischung aus Aufbruch- und Endzeitstimmung spürbar. Mitbegründer und CEO, Johnny Haeusler, sagte in der schwungvollen Eröffnungsrede, bei der sich die Besucherinnen und Besucher um die Bühne drängten: „Die Welt brennt und wir wollen nicht einfach danebenstehen.“ Dass sich diese Einstellung durch die Veranstaltung ziehen würde, merkte man auch bei den folgenden Rednerinnen und Rednern auf der Hauptbühne einer Zusammenkunft, die längst viel mehr ist als eine „Konferenz rund um das Web 2.0“.

Die vom Medienboard Berlin Brandenburg und der Bundeszentrale für politische Bildung geförderte Konferenz findet zum ersten Mal seit zwei Jahren wieder in Präsenz statt. Über 700 Speakerinnen und Speaker sind an der Grenze zu Kreuzberg zu sehen. Auch Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und Innenministerin Nancy Faeser (SPD) sprechen auf der Konferenz.

Schon bei der Folgerednerin Haeuslers, Maja Göpel, wurde klar, dass es auf dieser re:publica um die grundsätzlichen Fragen unserer Zeit geht. Im Redebeitrag der Nachhaltigkeitsexpertin und Politökonomin ging es vor allem darum, wie eine große Klimakatastrophe auf den letzten Metern abgewendet werden kann und welche gesellschaftlichen Transformationsprozesse dafür vollzogen werden müssen. Letztere sind für Göpel dabei die zentrale Frage, denn technisch, das hätten unzählige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gezeigt, könne ein Kollaps der Ökosysteme mit dramatischen Folgen für das Leben auf der Erde noch abgewendet werden. Göpel will sagen: Die Wissenschaft hat im Kampf gegen die Klimakatastrophe geliefert, und es ist nun an der Gesellschaft, entsprechend zu handeln.

Viertagewoche für den Klimaschutz?

Um diese Transformationsprozesse zu schaffen, so Göpel, sei mehr nötig als die bisherigen eher kleinteiligen Klimaschutzmaßnahmen. Ein viel grundsätzlicheres Umdenken sei gefragt: „Dafür müssen wir Dinge auf den Prüfstand stellen dürfen, ohne dafür in ein Lager gesteckt zu werden.“ Göpel wollte hier wohl auf eine Kapitalismuskritik in Hinblick auf die Auswirkungen dieser Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung auf das Klima hinaus, ohne dafür durch eine Einordnung als vermeintlich fundamentale Kritikerin freiheitlichen Zusammenlebens diskreditiert zu werden.

Göpel erläuterte, warum die Form, in der unsere Gesellschaft wirtschaftet, eng mit dem Verbrauch natürlicher Ressourcen und mit Umweltverschmutzung zusammenhängt. So könne bereits eine Viertagewoche dazu führen, dass die Menschen mehr Zeit für nachhaltige Ernährung und die Reparatur von Gegenständen hätten und dadurch umweltschonender leben. Ohne Konsequenzen für unser alltägliches Leben geht es derweil nicht, auch das wurde in der Rede klar. Nötig für die Rettung des Klimas sei daher auch „ein neuer Freiheitsbegriff“, der zulasse, ein ressourcenschonenderes und behutsameres Leben als freiheitlich zu begreifen.

Auf den Beitrag Göpels folgte eine Videobotschaft der deutsch-ukrainischen Politikerin Marina Weisband (Bündnis 90/Die Grünen). Auch sie appellierte auf einer sehr grundsätzlichen Ebene an die Zuschauerinnen und Zuschauer und ging insbesondere auf die Situation in der Ukraine und den russischen Angriffskrieg ein. Der Krieg habe seine Ursprünge auch in der Reaktion Deutschlands und der EU auf die Annexion der Krim 2014. Damals habe man auf die russische Aggression vor allem mit Beschwichtigung reagiert und Putin so gewissermaßen durch Passivität den Weg zur Invasion bereitet.

Die „nationalstaatliche Kleinkrämerei“ der demokratischen Staaten

Für Weisband ist klar: „Die Demokratisierung der Ukraine hat Putin Sorge gemacht, denn Demokratie ist sehr ansteckend. Der Krieg gegen die Ukraine ist ein Angriff auf die Demokratie.“ Deswegen müsse man der Ukraine schwere Waffen liefern, die ihr zu einem Sieg über Russland verhelfen. Auch einen solchen Sieg zu definieren, scheute sich die Politikerin nicht: Der Krieg dürfe auf keinen Fall mit russischen territorialen Gewinnen enden. Weisband wies darauf hin, dass die „autoritären Staaten“ bestens vernetzt seien. Die demokratischen Staaten müssten daher fest zusammenhalten. „Nationalstaatliche Kleinkrämerei“ könne man sich derzeit nicht leisten.

Anschließend las der Schriftsteller und Journalist Hasnain Kazim aus seinem Buch „Dialog mit Karl-Heinz“, in dem er unter anderem rassistische Leserbriefe und seine Antworten niederschrieb. Kazim beschrieb auch, wie sich der Hass im Netz gerade gegen muslimische Menschen in Deutschland über die Jahre durch verschiedene Ereignisse zuspitzte. Unter anderem das Buch „Deutschland schafft sich ab“ von Thilo Sarrazin und der Einzug der AfD mit über zwölf Prozent der Wählerstimmen in den Bundestag 2017 hätten zu einer Verschlimmerung  geführt. Aber auch Terroranschläge brächten die muslimische Community immer wieder unter Rechtfertigungsdruck und setzten sie einem unberechtigten Generalverdacht aus. Kazim demonstrierte mit seinem Humor und den vorgetragenen Antworten aus dem Buch ein beeindruckendes Selbstbewusstsein im Angesicht extremer Anfeindungen gegen seine Person und bekam vom Publikum  begeisterten Applaus.

Juliane Löffler: „Auch 2022 ist es noch schwer, über #Metoo zu berichten.“

Vor einem weiterhin großen Publikum trat am ersten Tag der Konferenz auch die  Journalistin des Jahres 2021, Juliane Löffler, auf und berichtete von ihren #Metoo-Recherchen. Nicht nur das Urteil im Fall Amber Heard und Johnny Depp und die Reaktion darauf zeigen Löffler zufolge: „Auch 2022 ist es noch schwer, über #Metoo zu berichten.“ Vor allem die Angst der Opfer und Quellen, aber auch juristische Hürden erschweren demnach, Vorfälle öffentlich zu machen. Löffler: „Die größte Angst der Opfer ist die vor öffentlicher Verhöhnung.“ Zusätzlich erschwere eine Rechtsprechung, die etwa ungewollte Zungenküsse nicht als sexuellen Übergriff verstehe, die Lage der Opfer und führe dazu, dass diese Angst vor Verleumdungsvorwürfen hätten. Juliane Löffler hatte ihre Recherchen über die Vorfälle um Julian Reichelt gegen das Veto ihres Verlegers veröffentlicht und unter anderem dafür die Auszeichnung als Journalistin des Jahres erhalten.

Auf der re:publica werden dieses Jahr die großen Probleme der Gesellschaft angegangen. Die Klimakatastrophe, der Ukraine-Krieg, andauernder Rassismus und sexualisierte Gewalt waren die ersten Themen auf der Hauptbühne. Und wie von Johnny Haeusler im Eröffnungsbeitrag versprochen, will hier niemand bei diesen Ereignissen zu- und auch ganz gewiss nicht wegschauen. Es werden Lösungen für die größten Herausforderungen unserer Zeit gesucht, vor denen wir trotz oder vielleicht gerade wegen ihrer existenziellen Dringlichkeit oft wie gelähmt stehen und den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen. Umso wichtiger ist es, ihre Bewältigung neu zu denken. Denn wie auch Marina Weisband sagt, war es „nie gefährlicher, nicht zu handeln“.

Konferenz re:publica „any way the wind blows“, von 08.-10. Juni, in Arena Berlin & Festsaal Kreuzberg, Am Flutgraben 2. Volles Programm unter: www.re-publica.com.