Was der russische Krieg gegen die Ukraine emotional mit einem macht, selbst wenn man aus noch sicherer Entfernung darüber liest, kann jeder an sich selbst überprüfen, wenn er den Text des in der bombardierten Stadt Charkiw ausharrenden ukrainischen Schriftstellers Serhij Zhadan im aktuellen Spiegel liest. Er nimmt pauschal den Westen, aber auch jeden Einzelnen von uns in die Verantwortung, sich dem zu stellen, was in der Ukraine geschieht. Der Sorge, sich nicht in einen Dritten Weltkrieg hineinziehen lassen zu wollen, hält er entgegen: „Liebe Europäer, machen Sie sich keine Illusionen: Dies ist kein lokaler Konflikt, der morgen zu Ende sein wird. Dies ist der Dritte Weltkrieg. Und die zivilisierte Welt hat kein Recht, diesen zu verlieren, wenn sie sich für zivilisiert und unabhängig hält.“

Was nervt, ist die Selbstsicherheit

Wenn an dieser Stelle weiterdiskutiert wird, ist die Forderung nach einer Flugverbotszone über dem Luftraum der Ukraine nicht weit. Oft wird sie erhoben, ohne die militärischen Voraussetzungen dafür zu kennen. Aber der Mangel an Sachkenntnis war es eher nicht, der PEN-Präsident Deniz Yücel nun in einen Konflikt mit einigen Funktionären seines Verbandes geführt hat. Wegen seiner pointierten Haltung zum Krieg wurde er von prominenter Verbandsseite zum Rücktritt aufgefordert. Weil er im Namen der Vereinigung, die ihre Legitimation allein aus der Kraft des Wortes bezieht, seine Stimme erhoben hat? Echt jetzt?

Ein Opfer des Krieges ist auch die intellektuelle Satisfaktionsfähigkeit. Schöner hat es der Münchner Soziologe Armin Nassehi in einem Blogeintrag der Zeitschrift Kursbuch gesagt: „Was nervt, ist die Selbstsicherheit, mit der alle möglichen Beobachter die genaue Lösung des Dilemmas kennen – von der Aufforderung an die Ukraine, sich dem Aggressor zu ergeben, bis hin zum Risiko einer direkten Auseinandersetzung mit Russland. Dass die westliche, auch die deutsche Regierung hier zurückhaltend ist, ist eine große Zivilisationsleistung – aber das moralische Dilemma bleibt, unabhängig davon, wie man sich entscheidet. Es wäre sonst kein Dilemma.“