Berlin - Wie unerträglich überheblich. Oder, wie es auf Twitter treffend umschrieben wird: „unsolidarisch“, „misogyn“, „privilegiert“ und „neoliberal“. „Provokant“ nennen ihn dagegen etwas weicher die Betreiberinnen der Seite „Pink Stinks“, einer feministischen Kampagnenplattform, in der Selbstbezeichnung: Bildungsorganisation. Es geht um einen am Donnerstag erschienenen Text der Autorin Mirna Funk anlässlich des Muttertags. Unter dem Zwitscher-Publikum sorgt er seither für Aufregung.

Aber zuerst der Kontext: Muttertag. Der Tag, an dem gern die sorgende, maximal halbtagsarbeitende, bestenfalls rollenkonforme Mami einen Blumenstrauß vom Ehemann und ein Wachsmalstift-Kunstwerk auf A4 von ihrem Kindchen bekommt – „Weil du meine Mutti bist“ krächzend, garniert mit einem Küsschen auf die Wange. Nicht umsonst wird das Modell „Muttertag“ auch von feministischer Seite kritisiert – die Mutterrolle werde kommerziell ausgeschlachtet, die Vereinnahmung durch das NS-Regime unterschlagen und zudem die Wertschätzung der Frau in der immer noch zwischen den Geschlechtern ungleich verteilte Sorgearbeit in Haushalt und Kinderbetreuung auf einen einzigen Tag reduziert. Es ist ja die Kernforderung der europäischen 70er-Jahre Feministinnen gewesen: Sorgearbeit aufwerten!

Einfach sagen: Ciao Kakao?!

Funks Text nimmt sich genau die zur Zielscheibe ihres Angriffs: „Hört mir auf mit Care-Arbeit!“ heißt der Titel ihres Aufrufes, in dem sie pauschal alle niedermacht, die es nicht schaffen, ihre faulen, toxisch-männlichen Begleiter in den Wind zu schießen. „Da ist die Tür. Ciao Kakao!“ – so leicht, wie es Funk offenbar fiel, sich vom Vater ihres Kindes zu trennen, so leicht urteilt sie alle ab, die das so nicht tun: selbst schuld. Eine beliebte Strategie, um Unterdrückung zu rechtfertigen.

Dass das nicht nur Blödsinn, sondern auch gefährlich ist, wissen alle, die sich mal für fünf Minuten mit partnerschaftlicher und geschlechtsspezifischer Gewalt befasst haben. Von Betroffenen – und oh, das ist in etwa jede vierte Frau – ganz zu schweigen. Muss man das ernsthaft betonen? Natürlich stecken hinter Individuen Strukturen, Institutionen, historische Kontinuitäten und politische und wirtschaftliche Interessen. Das Gemenge, das daraus entsteht, nennt man: gesellschaftliche Machtbeziehungen. Und die sind ungerecht verteilt. Abhängigkeiten sind ihr Motor.

Funk verleugnet diese nicht nur, wenn sie sagt: „Ich weiß, das macht euch jetzt Angst, weil ihr natürlich genervt davon seid, dass sie nicht mitmachen, aber andererseits hängt ihr da in eurem 9-12-Job und könnt nicht einmal die Miete für eine 1-Zimmerwohnung zahlen. Das heißt, ihr seid abhängig und nicht frei.“ Sie setzt noch einen oben drauf. Macht Abhängigkeit zum Vorwurf.

Wie schön wäre es, wenn jede Person jederzeit, jede Entscheidung frei, zum eigenen Wohl (und in diesem Fall auch zu dem ihres Kindes) treffen könnte. Nicht falsch verstehen: eine konsequente Trennung, wenn der Partner zum Klotz wird - bitte, unbedingt! Es spricht ja nichts dagegen allein, selbstbestimmt und unabhängig zu sein. Und man darf – ja muss – auch die Care-Debatte kritisch führen. Hinter Sorgearbeit stecken schließlich nicht nur der ungleiche Arbeitsaufwand zwischen Müttern und Vätern in der Erziehung, sondern auch die emotionale Arbeit in Freundschaften und – ganz wichtig – die Verteilung von Care-Arbeit über Klassen und nationale Grenzen hinweg, in Bezug auf Zuwanderung und Migration: die sogenannte Care-Chain. Doch vielleicht ist das zu kompliziert für unabhängige, erfolgreiche Frauen wie Mirna Funk. Ihre Antwort lautet schließlich: Macht doch einfach!

Ihr Motto: Ich hab‘s geschafft, also können es auch alle anderen schaffen. Die Verantwortlichen von Pink Stinks gaben sich selbst überrascht von Funks Position, die eigentlich nicht der aktivistischen Stoßrichtung der Kampagne entspricht. Und so machten sie sich – dann doch ganz im Sinne von Funks These – frei jeder Abhängigkeit und erklärten sinngemäß: Wir sind nicht verantwortlich für diese Meinung. Wir verbreiten sie nur.