Als Babyboomer bezeichnet man in Deutschland die Generation, die in der Zeit steigender Geburtenraten nach dem Zweiten Weltkrieg geboren worden ist, zwischen Mitte der 1950er- und Mitte der 1960er-Jahre. Sie stellen etwa ein Drittel der deutschen Bevölkerung und die Hälfte der Bundestagsabgeordneten. Es ist die Generation der Erben. Die Boomer-Eltern hinterlassen ihren Kindern nicht nur Häuser und Geld, sondern auch ein Gefühlserbe. Die Historikerin Miriam Gebhardt hat ein Buch darüber geschrieben: Es heißt „Unsere Nachkriegseltern“.

Frau Gebhardt, ich gehöre zur Boomer-Generation und habe mich in dem, was Sie beschreiben, wiedererkannt und verstanden, dass vieles, das ich für einen individuellen Wesenszug gehalten habe, etwas Generationenübergreifendes ist. Etwa, dass ich lieber die Zähne zusammenbeiße als Schmerzmittel zu nehmen oder dass ich Gesundheit als moralisches Gut wahrnehme.

Die Erkenntnis, dass man nicht einzigartig ist – das erwischt einen irgendwann im Leben. Dass man Gesundheit als moralisches Gut betrachtet, geht wohl auf den Nationalsozialismus zurück. Damals wurde der Volkskörper politisch. Man legte auf eine starke, gesunde, wehrhafte Nation wert. Eltern wurden dazu angehalten, schon bei ihren Kindern darauf hinzuwirken. Dazu gehörte die Abhärtung auch gegen Schmerz. Man sollte etwa ein Kind, das hingefallen ist, nicht beachten. Das hat sich in den 50er-, 60er-Jahren fortgesetzt. Und das hat unseren Umgang mit dem eigenen Körper geprägt.

Viele aus der Elterngeneration haben ihre Kinder nachts schreien lassen. Gehört das auch zu der gewünschten Abhärtung?

Ja, ich habe das anhand von Elternratgebern untersucht, aber auch anhand sogenannter Baby-Tagebücher, in denen auch Erziehungsmaßnahmen beschrieben werden. Und unsere Generation hat das auch noch sehr stark intus.

Was ich auch von zu Hause kenne, ist dieses extreme Pochen der Eltern auf Unabhängigkeit.

Unsere Eltern mussten in der Kindheit selbst solche Erfahrungen machen – im Rahmen eines Erziehungsprogramms. Es war damals üblich, Kinder in eine Kur zu schicken oder in ein Ferienlager, auch damit sie lernen, sich zu trennen, sich Heimweh abzugewöhnen. Im Nationalsozialismus gab es ein Interesse daran, Kinder aus ihren Familien herauszulösen. Das hatte ideologische, aber auch ganz praktische Gründe: Man wollte sie in der Hitlerjugend, beim BDM, dem Bund deutscher Mädchen, und dann später bei der Armee ja auch für sich reklamieren. Ich selbst war Einzelkind, und meine Eltern haben es zum Programm erhoben, mich wochenlang in ein Ferienlager zu schicken, damit ich es lerne, unter ein paar hundert Kindern zu bestehen und ein sozialer Mensch zu werden.

Geht es bei der Bedeutung, die der Unabhängigkeit zugemessen wird, nicht auch darum, sich selbst versorgen zu können?

Auch das Pochen auf materielle Unabhängigkeit kann einen Kriegshintergrund haben. Viele aus unserer Elterngeneration haben Flucht, Vertreibung und Ausbombardierung erlebt. Sie mussten sich verabschieden können – im schlimmsten Fall von ihrem einzigen Teddybär.

Oliver Rehbinder
Zur Person

Die Historikerin Miriam Gebhardt ist Jahrgang 1962. Zu den Schwerpunkten ihrer Arbeit zählen die Geschichte der Frauenbewegung, historische Sozialisationsforschung und die moderne deutsch-jüdische Geschichte. Sie ist außerplanmäßige Professorin an der Universität Konstanz.

Tatsächlich waren zwölf Millionen Menschen von Flucht und Vertreibung betroffen. Welche Spuren hat das hinterlassen?

Ich zitiere im Buch meinen Mann, der einmal zu mir sagte: Du sitzt am Küchentisch, als seist du nur zu Besuch. Hinsichtlich meines Lebensgefühls hat er damit den Nagel auf den Kopf getroffen. Ich bin nicht wirklich verwurzelt, habe extrem oft die Wohnung gewechselt, auch ohne Not. Dieses ambulante Wohnen und die Unfähigkeit, sich an einem Ort zu verankern, habe ich auch bei Altersgenossen beobachtet. Das hat mit den Kindheitserfahrungen der Eltern zu tun.

Die Generation der Nachkriegseltern war mit Massenvergewaltigungen während des Zweiten Weltkriegs konfrontiert. Welche Spuren hat das hinterlassen?

Was das angeht, ist mir mein erster Verdacht bei der Kölner Silvesternacht gekommen. Damals ist angesichts sexualisierter Übergriffe von migrantischen Männern die Stimmung im ganzen Land gekippt. Die sogenannte Willkommenskultur war vorbei. Ich habe mich damals gefragt, ob da historische Erinnerungen wachgerufen worden sind. Die Wahrnehmung der männlichen Sexualität als triebhaft und unberechenbar, aber auch das Bild der weiblichen Sexualität, die behütet werden muss, war in den 50-er, 60-er , 70er-Jahren noch sehr dominant. Meine Großmutter hat mir immer wieder Zeitungsartikel über Vergewaltigungen geschickt und warnend den Zeigefinger gehoben, wenn ich abends ausging und in ihren Augen zu freizügig gekleidet war. Statistisch kann ich es nicht belegen, aber es ist eine Vermutung, dass die Angst vor sexualisierter Gewalt im Zweiten Weltkrieg durch eine besondere Art der Vermittlung von Geschlechtervorstellungen weitergegeben wurde.

Die Nachkriegseltern haben oft auch Schwierigkeiten, ihre Gefühle auszudrücken. Väter begrüßen ihre Söhne etwa per Handschlag.

Hart zu sein, war ein Ideal der Nationalsozialisten, aber Gefühlskälte ist auch eine Folge der Kriegserfahrung. Zum Ende des Kriegs hin und direkt danach gab es kein staatliches Gewaltmonopol. Die Zivilbevölkerung war den Besatzungssoldaten ausgeliefert, es gab gegen sie keine polizeiliche Handhabe. Die Bevölkerung hat bei Kriegsende erlebt, dass sie ohnmächtig war. Sie hat nur auf sich geschaut. Es hat eine Entsolidarisierung stattgefunden: Man musste sich erst einmal selbst in Sicherheit bringen. Diese Haltung ist geblieben und wurde weitergegeben.

Das Buch

Miriam Gebhardt: Unsere Nachkriegseltern. Wie die Erfahrungen unserer Väter und Mütter uns bis heute prägen. Deutsche Verlagsanstalt München 2022, 288 S., 24 Euro

Prägt die tradierte Kriegserfahrung auch die gesamte Gesellschaft?

Der Krieg in der Ukraine löst sehr viel Angst aus, es werden Erinnerungen wach. Auch wir Jüngeren haben Angst davor, dass hier Bomben fallen könnten. International wird das als German Angst belächelt. Ich habe jetzt erst erfahren, was meine Mutter im Keller erlebt hat, als die Bomben auf Freiburg fielen.

Haben sich die Boomer denn auch emanzipiert von der Generation, die sie erzogen hat?

Die Kinder haben teilweise die Rolle der Eltern als Kümmerer übernommen, indem sie zuerst deren Bedürfnisse befriedigt haben, nicht die eigenen. Sie haben gespürt, dass es den Eltern nicht gut geht, dass sie emotionale Defizite haben und eine schwere Kindheit hatten. Viele der Baby-Boomer waren dadurch lange an die Eltern gebunden. Unsere Eltern sind ja auch oft sehr jung Eltern geworden und hatten gar nicht die Chance, sich mit der eigenen Kindheit und Jugend auseinanderzusetzen. Aber seit den 70er-Jahren haben wir eine andere Gesellschaft, in der es durchaus möglich ist, über die eigenen Emotionen nachzudenken und sich im Bedarfsfall therapeutische Hilfe zu suchen. Wir haben mehr Möglichkeiten, uns von dem historischen Ballast zu befreien als unsere Eltern. Durch die Psychologisierung der Gesellschaft haben sich da Wege aufgetan.

Wie beeinflusst die historische Erfahrung die Einstellung zur Mutterschaft?

Es gibt zum einen das Erbe der deutschen Mutter in der Zeit des Nationalsozialismus, deren wichtigste Aufgabe es war, als Mutter zu funktionieren und sich in den Dienst der Gesellschaft zu stellen. Es war eine nicht hinterfragbare Pflicht, Nachwuchs zu gebären. Als unsere Eltern sich selbst reproduzierten, geschah das wieder in einer Gesellschaft, in der die Familie eine große Rolle gespielt hat. Die 50er-Jahre haben sich ja auch dadurch ausgezeichnet, dass man glaubte, man könne die Beschädigungen durch den Nationalsozialismus mit Hilfe der bürgerlichen Familie heilen. Trotzdem wurde uns von unseren Müttern oft vermittelt, das Leben sei mit der Geburt eines Kindes vorbei: Man könne entweder ganz Mutter sein oder gar nicht. Oder: Man bekomme doch kein Kind, um es dann von Fremden betreuen zu lassen. Das hat dazu geführt, dass viele Frauen unserer Generation das Kinderkriegen immer weiter hinausgeschoben oder gar keine Kinder bekommen haben. Das hat die Gesellschaft erschüttert. Die Deutschen sterben aus, hieß es.

Wo haben Sie denn Ihr Material gefunden?

Das Deutsche Tagebucharchiv in Emmendingen ist eine Goldgrube, zu der jeder Zugang hat. Dort werden Tagebücher von jedermann und jeder Frau gesammelt und archiviert. Jeder kann dort sein Tagebuch abgeben. Tagebücher haben den großen Vorteil, dass sie nicht für eine Veröffentlichung geschrieben worden sind. Das macht einen großen Unterschied. Sie geben einen ganz anderen Einblick in Mentalitäten und Werthaltungen von Menschen als Bücher, aber auch als Interviews, bei denen man durch gezielte Fragen die Antworten steuert.

Die Boomer sind ja vor einiger Zeit in Verruf geraten. Ich erinnere nur an „Okay, Boomer“. Geht die Kritik an ihnen über den normalen Generationenkonflikt hinaus?

Ich glaube nicht, wobei wir tatsächlich überall sind. Aber dafür können wir nichts. Das liegt daran, dass wir so viele sind. Die Generationenzuschreibungen sind auch sehr verallgemeinernd. Wir sind auch Männer und Frauen und Migranten. Und ich möchte noch in die Waagschale werfen: Wir hatten es sehr schwer, uns gegeneinander durchzusetzen.