Im vergangenen Jahr kam die Debatte um die NS-Vergangenheit von Werner Haftmann auf, einem der Gründerväter der Documenta. Dabei blieb die wesentlich tiefere Verstrickung eines anderen Documenta-Mitbegründers weitgehend unbeachtet: Kurt Martin. In wenigen Wochen wird die neue Documenta eröffnet – die Debatte über die Vergangenheit ihrer Gründer wird die Öffentlichkeit noch länger beschäftigen.

Kurt Martin verdiente seine Sporen im NS-Staat mit der Gründung eines Armeemuseums in Karlsruhe, das „die wehrpolitische Leistung unseres Grenzlandvolkes“ vermitteln sollte, so Martin in der Eröffnungsrede. Gauleiter Wagner ernannte ihn darauf 1934 zum Leiter der Kunsthalle Karlsruhe. Martin blieb es bis 1956. Unter seiner Leitung erwarb die Kunsthalle auch viele Werke aus Sammlungen von NS-Verfolgten. Kurt Martin dehnte seinen Machtbereich im Krieg bald auf alle Museen in Baden und im Elsass aus.

„Ein Jude darf nicht über Kunstbesitz verfügen“

Wie die Jagd nach Raubkunst bei Kurt Martin aussehen konnte, zeigt der Fall Adolf Bensinger. Spätestens seit Monika Tatzkow 2014 ihre Forschungen dazu publizierte, ist die weitere Verklärung Kurt Martins nicht mehr möglich.

Martin kündigte im Sommer 1939 per Brief an „Adolf Israel Bensinger“, seinen „Besuch“ in dessen Villa an. Martin kam und forderte Bensinger auf, seine wertvolle Sammlung der Kunsthalle zu schenken – Werke von van Gogh, Renoir und andere hochkarätige Arbeiten. Bensinger wollte nicht. Nach dem Besuch drängte Martin die zuständige Oberfinanzdirektion zur Beschlagnahmung der Sammlung.

Am Tag, als der Beschlagnahmebescheid eintraf, starb Bensinger, vermutlich an Herzinfarkt. Der geöffnete Brief der Beschlagnahmung lag auf seinem Tisch. Kurt Martin setzte gleich darauf die trauernden Angehörigen unter Druck, der Verstorbene habe ihm mündlich Werke kostenlos zugesagt. Doch Bensinger hatte sich abgesichert: Im Testament kurz vor dem Tod hatte er alles Verwandten mit einem arischen Elternteil zugesprochen, bei denen man nicht beschlagnahmen konnte – noch nicht, denn die Gesetze wurden laufend verschärft.

Die Zeit spielte für Kurt Martin. Die Erben versuchten verzweifelt bei den Behörden, ihr Erbe antreten zu können. Immer wieder gestört von Kurt Martin, der seine Forderungen erhob: „Ein Jude (darf) auch auf dem Testamentweg nicht über seinen Kunstbesitz verfügen“.

Stadtarchiv Karlsruhe
Kurt Martin, Kunsthistoriker, * 31. Januar 1899 Zürich, † 27. Januar 1975

Karrieresprung nach der Besetzung Frankreichs

Der Krieg brachte Kurt Martin einen großen Karrieresprung. Mit der Besetzung Frankreichs wurde er Leiter aller Museen im neuen Mustergau Elsass-Baden und forderte, alles Französische aus den Museen zu entfernen. Er pochte dabei auf ein großes Budget, denn es seien nun mal „große Mittel nötig, weil die Folgen der französischen Kulturpropaganda im Elsass zu überwinden und auszumerzen sind“.

1940 wurde Kurt Martin „staatlicher Bevollmächtigter für die Sicherstellung von Kunstbesitz aus Volks- und reichsfeindlichen Vermögen im Elsass“.

Kurt Martin selbst beschrieb die Aktionen, wie in Wohnungen von Juden und ausgewiesenen nichtjüdischen Franzosen Kunstwerke „sichergestellt“ und in Depots gebracht wurden. Kurt Martin wählte persönlich aus den Beschlagnahmungen aus, was für die Museen brauchbar war und übernommen werden sollte.

„Der koloniale Anspruch Deutschlands“

Die Raubkunstlisten im Staatsarchiv Stuttgart lassen Martins Beuteschema erkennen. So finden sich häufig Werke von Hans Thoma unter den Beschlagnahmungen, Kurt Martin propagierte diesen Maler stark in seinen Ausstellungen in der NS-Zeit. Hans Thoma, ur­sprünglich ein Modemaler der Jahrhundertwende, wurde später von den Nationalsozialisten als Heimatmaler vereinnahmt.

Auch die Staatsgalerie Stuttgart besitzt Raubkunst dieses Malers, ein bekanntes Hauptwerk, das bis 1935 im Besitz der jüdischen Schwiegereltern von Thomas Mann war, der Familie Pringsheim. Das große Fries wurde aus dem Münchner Palais der Familie demontiert, bevor das ganze Gebäude einem Bau der NSDAP weichen musste.

Kurt Martin ging auch im besetzten Frankreich auf Einkaufstour. Der Zwangsumtauschkurs für den Franc drückte die Preise, zusätzlich gab es Reichskassenscheine, die den deutschen Staat nichts kosteten, berichtet Tessa Rosebrock.

Kurt Martin bekam ein enormes Budget für Kulturpropaganda, um mehrere deutsche Theater und viele deutsche Bibliotheken im Elsass zu gründen, während die französische Sprache verboten und unterdrückt wurde.

Martins Eifer zielte auch über das Nachbarland hinaus: Mannheim sollte mit seinem Völker­kundemuseum „den kolonialen Anspruch Deutschlands“ vertreten.

Die US Army sah sein doppeltes Spiel

Kurt Martin war kein Choleriker wie Karl Epting von der deutschen Botschaft in Paris, der einem Louvre-Mitarbeiter die Bestandslisten aus den Händen riss. Der Karlsruher Museumsleiter war eher ein Profi wie Hitlers Kunsthändler Haberstock, durchaus geschickt und bemüht, alles eleganter zu lösen, einen guten Draht zu Kollegen zu halten (was Martin nach dem Krieg sehr half), in manchen Bereichen auch mit innerer Distanz und eigener Politik, doch letztlich ein Diener des Systems. Die US Army sah bei Kurt Martin das doppelte Spiel, doch brauchte die Besatzungsmacht letztlich seine Hilfe, die Archive nach dem Krieg zu ordnen.

Das Straßburger Ausstellungsprogramm unter Martin war typisch für die NS-Zeit: „Kunst der Front“, „Künstler im feldgrauen Rock“, „Ewige Infanterie“ lauteten einige Ausstellungstitel. Andere Ausstellungen behandelten Deutschtum in Grenzregionen: „Deutsche Kunst im Osten und Südosten“, „Sudetendeutsche Kunst“.

Kurt Martin konnte in bester Lage für das Regime werben: Das Straßburger Museum liegt ganz zentral, direkt gegenüber dem Münster im Palais Rohan, das für die französische Geschichte der Stadt steht, hier logierte zeitweise Louis XV. und Napoleon.

Profitiert das Museum Straßburg bis heute von fragwürdigen Erwerbungen? Tessa Rosebrock berichtet, das Straßburger Museum besitze heute 800 Gemälde bis zum 19. Jahrhundert, 200 davon sind dauerhaft ausgestellt und „exakt 100 dieser Exponate sind während der Zeit der deutschen Besatzung Straßburgs und der unmittelbaren Nachkriegszeit bis 1947 in den Besitz des Museums gelangt“.

Ein hoher Prozentsatz – dazu meist ungeklärt in der Herkunft, wie Tessa Rosebrock betont. Eine Rückgabe ist meist nicht möglich, denn „dem Museum ist bei diesen Werken ausschließlich der direkte Verkäufer bekannt (...) es besitzt aber meist keinerlei Angaben zur eigentlichen Herkunft der in den vierziger Jahren erworbenen Werke“, ihr Ursprung sei „in 90 Prozent der Fälle überhaupt nicht erforscht“, so Tessa Rosebrock.

Das Thema der Kollaboration wurde in Straßburg wohl noch nicht aufgearbeitet. Die Mitarbeiter im Museum Straßburg stellten Kurt Martin nach dem Krieg gegenüber den Alliierten ein gutes Zeugnis aus. Hätten die Mitarbeiter in der Besatzungszeit über das hohe Budget klagen sollen? Über den großen Zuwachs an Kunstschätzen für ihr Museum? Die späteren, illegalen Erwerbungen in den besetzten Ländern Frankreich und Niederlande kamen zuerst Straßburg, der neuen Hauptstadt im Reichsgau Elsass-Baden, zugute.

Reue nach 1945? Keine Spur

Kurt Martin konnte bereits im Sommer 1945 wieder die Leitung der Karlsruher Kunsthalle übernehmen. Er wurde von der Kunsthalle Karlsruhe noch lange als Kunstbewahrer verklärt.

1957 wurde Kurt Martin Nachfolger von Ernst Buchner, ehemaliges Mitglied im anti­semitischen Kampfbund, der bis 1956 Leiter der Pinakotheken und Generaldirektor der staat­lichen Gemäldesammlungen in Bayern war. In die Amtszeit von Kurt Martin in Bayern der Nachkriegszeit fiel auch die Rückgabe umstrittener Erwerbungen an die Familien der NS-Eliten Göring, von Schirach, Frank und Streicher, die nach dem Krieg zuerst beschlagnahmt wurden, jetzt den Erben der NS-Größen zurückzugeben oder verkauft wurden.

Ein Platzhirsch auf allen Feldern: Kurt Martin wurde in der Nachkriegszeit zudem noch Direktor an der Kunstakademie Karlsruhe und Mitbegründer der Documenta, er blieb viele Jahre Mitglied des Documenta-Rates.

Zeigte Kurt Martin nach 1945 Reue? Etwa bei seinem aggressiven Druck zur Arisierung der Sammlung Bensinger?

Nein, er hielt es nach wie vor für einen normalen Vorgang, berichtet Monika Tatzkow.

Über den Autor: Joo Peter ist Gründer des Geschichtsprojektes Time Echo (http://time-echo.de). Er hat sich wiederholt mit Raubkunst und Restitutionsfällen beschäftigt.

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