Anschlag auf queeren Nachtclub: Wer sich über die Toten in Oslo freut

Rechte und Rassisten in Deutschland wittern ihre Chance, die mutmaßlich islamistische Tat für das Schüren antimuslimisch-rassistischer Ressentiments zu nutzen.

Mit Blumen und Regenbogenfahnen wird der Opfer des mutmaßlich islamistischen Anschlags in Oslo gedacht.
Mit Blumen und Regenbogenfahnen wird der Opfer des mutmaßlich islamistischen Anschlags in Oslo gedacht.IMAGO/Terje Pedersen

Zwei Tote und mehr als zwanzig Verletze. Das ist die bisherige traurige Bilanz des Anschlags vor einem Osloer LGBTQIA*-Nachtclub. Der mutmaßliche Täter ist ein 42 Jahre alter Norweger mit iranischem Hintergrund. Die Tat wurde vom norwegischen Geheimdienst als islamistischer Terroranschlag eingestuft.

Die Osloer Pride Parade wurde abgesagt. Es herrschen Schock, Trauer und Wut. Doch des einen Bestürzung ist des anderen zynische Freude.

Kaum war bekannt geworden, dass der Tatverdächtige möglicherweise aus islamistischen Motiven gehandelt hat, witterten die Rechten und Rassisten in Deutschland ihre Chance, dies für das Schüren antimuslimisch- rassistischer Ressentiments zu nutzen und gegen Muslim*innen und den Islam zu wettern. Das war auch nach dem Anschlag im Juni 2016 auf den LGBTQIA*-Club Pulse in Orlando so, bei dem ein Islamist 49 Menschen tötete, und nach einer im Oktober 2020 verübten Tat in Dresden, als ein schwules Paar von einem Islamisten angegriffen und einer der beiden getötet wurde.

Auch damals wurde der Tod von Menschen instrumentalisiert, um islamfeindliche Hetze zu verbreiten und Stimmung gegen Muslim*innen zu machen. Das Thema Queerness und der angebliche Schutz von queeren Menschen werden dabei von den Rechten vereinnahmt, um Rassismus zu legitimieren. Es ist ein bekanntes Muster, das schon länger funktioniert.

Vor der Senatswahl 2016 ließ die AfD Laster mit Bannern durch Berlin fahren. Auf einem war ein schwules Paar abgebildet: „Mein Partner und ich legen keinen Wert auf die Bekanntschaft mit muslimischen Einwanderern, für die unsere Liebe eine Todsünde ist.“ Islam und Muslim*innen  werden zu den Hauptfeinden liberaler Moralität und zu Eindringlingen und Störer*innen in einer vereinigten, säkularen und progressiven Nation erklärt. Hier der gute Westen, dort die bösen Muslim*innen.

Die Rechte queerer Menschen werden instrumentalisiert

LGBTQIA*-Themen und -Diskurse werden verwendet, um Westeuropa als Vorreiter für Freiheit und Moderne darzustellen und muslimische Menschen als besonders rückschrittlich und queerfeindlich. Die Rechte queerer Menschen werden instrumentalisiert, um das muslimische Andere zu produzieren, das es zu disziplinieren und zu maßregeln gilt. Queerfeindliche Angriffe verübt von muslimischen Menschen werden besonders hervorgehoben, als archetypisch behandelt und mit einem orientalistischen Narrativ besetzt. Das soll die Überlegenheit eines europäischen Selbstbildes unterstreichen.

Kulturalist*innen betonen dabei die christlich-jüdischen Wurzeln Deutschlands und Europas ebenso wie die Notwendigkeit, diese angesichts der wachsenden Präsenz von Muslim*innen mit harten Ansätzen gegen Migration, Islam und Integration zu schützen. So beanspruchen kulturalistische Nationalist*innen in Deutschland  zentrale Errungenschaften einer progressiven Politik  für sich, die Emanzipation von Frauen, Schwulen, Lesben etc. Was sich wie ein Phänomen von ganz rechts anhört, geht weit in die Mitte der Gesellschaft hinein.

Im Juli 2017 warnte der damalige schwule Finanzstaatssekretär und spätere Bundesgesundheitsminister Jens Spahn in einem Interview mit der Welt mit Blick auf die höhere Zahl an Ausländer*innen in Deutschland: „Die deutsche Gesellschaft läuft Gefahr, antisemitischer, schwulenfeindlicher, machohafter und gewaltaffiner zu werden, als sie bisher ist.“

Hier der progressive Westen, dort die präprogressiven Muslime

Das konstruierte Selbstverständnis einer Gesellschaft als progressiv geht Hand in Hand mit der Konstruktion migrantisierter Kulturen, vor allem Muslim*innen, als angeblich präprogressiv. Immer wieder wird argumentiert, Muslim*innen müssten sich von altem Denken und alten Strukturen lösen. Neonationalistische Rechte können so ihre Hetze als Einsatz für progressive Werte und LGBTQIA*-Rechte verkaufen. Die Darstellung (post-)migrantischer und muslimischer Menschen als präprogressiv macht minorisierte Communities zu den idealen Feinden einer angeblich progressiven Mehrheitsgesellschaft. Damit verbunden sind Forderungen nach weniger Einwanderung, mehr rassistischen Polizeikontrollen, stärkerer Beobachtung islamischer Verbände, Abschiebungen und der Aufrüstung von Grenzschutzagenturen wie Frontex.

Diese Forderungen kommen nicht, weil Rechten die queere Community so sehr am Herzen liegt – ganz im Gegenteil. Rechte Bewegungen und Parteien arbeiten gegen mehr Freiheiten und Rechte für LGBTQIA*-Menschen, wenn sie gegen Gendergaga, Verschwulung der Gesellschaft und Frühsexualisierung wettern. Es geht ihnen darum, dass antimuslimisch-rassistische Parolen eine vermeintliche Legitimität erfahren. Queerfeindlichkeit soll mit der Diskriminierung anderer Gruppen bekämpft werden. Queere Opfer führen dazu, dass der Rassismus der Rechten weiteratmen kann. Rechte freuen sich darüber, wenn queere Menschen von Islamisten ermordet wurden. Das gibt ihnen die Möglichkeit, ihre rassistischen Gedanken zu verbreiten.