Berlin - Es gebe zwar kaum ostdeutsche Eliten, aber zahlreiche Ostdeutsche prägen seit einiger Zeit übermäßig die öffentliche Debatte, stellte kürzlich der Soziologe Steffen Mau auf Twitter fest. Er zählte die Namen derjenigen auf, die Diskurse prägten, sei es um Identitätspolitik, die Corona-Maßnahmen, die Medien: „Thierse, Liefers, Meinhardt, Maron, Gauck, Tellkamp.“ Man könnte noch weitere Namen ergänzen, wie Katarina Witt und Sahra Wagenknecht, deren Buch über die „Lifestyle-Linken“ Schlagzeilen machte. Sie kommen aus verschiedenen Berufen, sind Politiker, Schriftsteller, eine ehemalige Eiskunstläuferin. Und alle wurden in öffentlichen Debatten als „rechts“ kritisiert.

War das das neue Ostbewusstsein, von dem man so viel liest? In Büchern, Zeitungsartikeln, Kommissionsberichten, die mehr Repräsentanz und die Angleichung der Lebensverhältnisse fordern. Ist es dieses Wir-tragen-unser-Herz-auf-der-Zunge-Sein, das Moritz von Uslar beschrieb? Und wenn es stimmt, dass Ostdeutsche jetzt die Debatte dominieren, stimmt dann die Klage über den nicht wahrgenommenen Osten nicht mehr?

In den sozialen Medien wurde die Beobachtung, dass Ostdeutsche die Debatten dominierten, diskutiert. Die Zeit-Journalistin Jana Hensel kritisierte, dass „Ossis oft schnell und erschreckend einmütig mit rechtsdrehenden Debatten synonym gesetzt werden“. Kritik an der Identitätspolitik gebe es beispielsweise von vielen, aber Thierse sei das Symbol geworden. Genauso sei es mit der Kritik an der Corona-Politik. Die gebe es auch von vielen. Jemand wie der Schauspieler Volker Bruch oder der Regisseur Dietrich Brüggemann, die auch an der Entstehung der Kunstaktion beteiligt waren, oder die Schriftstellerin Juli Zeh, die die Corona-Maßnahmen auch heftig kritisiert, werden nicht als westdeutsch herausgehoben.

Geboren in den Sechzigern

Allerdings haben sich die meisten der Genannten auch selbst explizit als Ostdeutsche positioniert und auf ihre DDR-Erfahrung verwiesen. Witt fühlte sich angesichts der Corona-Maßnahmen an die DDR erinnert, Liefers verglich die öffentliche Diskussionskultur mit der Atmosphäre der Spät-DDR.

Wenn man sich die Genannten anschaut, fällt auf, dass ein großer Teil der ostdeutschen Diskursrebellen einer Generation angehört. Die Schriftstellerin Monika Maron und Wolfgang Thierse sind etwas älter, aber Liefers, Meinhardt, Wagenknecht, Witt, Tellkamp waren zwischen zwanzig und dreißig Jahre alt, als die Mauer fiel. Der Schriftsteller Birk Meinhardt ist 1959 geboren, Jan Josef Liefers 1964, Katarina Witt 1965, Uwe Tellkamp 1969, Sahra Wagenknecht 1969. In dem Modell des Soziologen Bernd Lindner, der die verschiedenen Generationen der DDR zwischen 1949 und 1989 in vier Gruppen eingeteilt hat, würden sie zur distanzierten Generation gehören. Es ist die Generation der zwischen 1960 und 1975 Geborenen, die in die DDR hineinwuchs, sich aber anders als die Eltern, die der Aufbaugeneration angehörten, schon nicht mehr identifizierten. „Sie vollzog eine innere, zum Ende der DDR auch massenhaft eine physische Abwendung vom real existierenden Sozialismus“, schreibt Lindner.

Liefers, Witt, Wagenknecht, Tellkamp, Meinhardt standen zur Wende schon im Erwachsenenleben, an ganz unterschiedlichen Stellen, aber sie waren alle bereits mit der Macht des Systems konfrontiert gewesen, ganz anders als die Jüngeren, die noch Schulkinder zur Wende waren. Sie gehören der letzten DDR-Generation an, die sich mit großer Wahrscheinlichkeit zur Stasi verhalten musste, damit leben muss, dass es womöglich über sie Stasi-Akten gibt.

Keiner von ihnen war damals das, was später als Bürgerrechtler bezeichnet wurde. Liefers war 1989 25 Jahre alt, verheiratet, hatte eine Ausbildung absolviert, er gehörte zum Ensemble des Deutschen Theaters. Meinhardt war dreißig, Sportredakteur bei der Wochenpost. Tellkamp war ein 21 Jahre alter Unteroffizier der NVA, Katarina Witt, damals 24, eine berühmte Eiskunstläuferin, die für die DDR in der Welt warb. Wagenknecht, damals 20, durfte nicht studieren, hatte einen ihr zugewiesenen Job gekündigt, schlug sich als Nachhilfelehrerin durch.

Nie wieder Kompromisse

Sie waren in einem Alter, in dem sie schon unangenehme Kompromisse schließen mussten, in dem sie gelernt hatten, dass es oft besser war, sich an Sprachregelungen zu halten, vorsichtiger zu formulieren, seine Meinung runterzuschlucken. Viele Gleichaltrige kehrten dem Land den Rücken. Es waren ja die jungen Leute, die im Sommer und Herbst 1989 in großen Scharen wegrannten. Die, die blieben, fingen vielleicht an, mutiger zu werden. Als die Mauer fiel, schworen sich viele, sich nie wieder korrumpieren zu lassen, nie wieder auf Kompromisse einzulassen. So wurde aus der distanzierten Generation des Soziologen Lindners eine störrische Generation, die ein Problem mit jedweder Autorität hat, immer aus der Angst heraus, eine Unterordnung könnte eine persönliche Korruption sein. Und diese Störrigkeit erzeugt den Widerstand in der Debatte.

So kommt es dazu, dass jemand wie Jan Josef Liefers so genervt ist, wenn man ihm vorwirft, er würde Beifall von der falschen Seite bekommen. „Das wurde uns ja schon im Osten immer gesagt: Wer die DDR kritisiert, der spielt dem Klassenfeind in die Hände. Heute heißt es: Wer Corona-Maßnahmen kritisiert, spielt den Rechten in die Hände“, sagte er im Interview mit der Berliner Zeitung. Fast genauso argumentiert Meinhardt, Autor des Buches „Wie ich meine Zeitung verlor“, wenn er erklärt, warum es ihn so traf, wenn die Süddeutsche Zeitung seine Texte mit der Begründung ablehnte, sie könnten den Falschen in die Hände spielen.

Doch wie soll man das Gleichaltrigen aus dem Westen erklären, die nie solche inneren Konflikte erlebt haben? Daraus entstehen die derzeitigen Missverständnisse, denn jedes Mal, wenn die Ostler einen DDR-Vergleich machen, hören die Westdeutschen nur heraus, dass die Bundesrepublik auf dem Weg in die Diktatur sei, und fühlen sich wiederum persönlich getroffen. Doch vielleicht hat diese störrische Generation nur stärkere Antennen dafür, dass Grundrechte keine Selbstverständlichkeit sind, und dass sie auch in einer Demokratie verloren gehen können.

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