Berlin - Es löste seit jeher gemischte Gefühle bei mir aus, wenn der treibende, orientalisch gefärbte Beat des Rolling-Stones-Hits „Paint It Black“ aus dem Jahr 1966 erklang. Die Trauer über den Verlust einer Geliebten schien alles tiefschwarz zu färben, sogar die Sonne. Sonderbar an dem Text von Mick Jagger aber war weniger die Beschreibung einer Depression, sondern vielmehr der rebellische Gestus, in dem es vorgetragen wurde. Der Stimmung, in der sich alles verdüstert, scheint das lyrische Ich sogleich eine aggressive Aktivität entgegensetzen zu wollen. Im Stück heißt es „I see a red door and I want it painted black“. Es spielt sich in der Vorstellung ab, aber unmissverständlich hat der Titel Aufforderungscharakter: „Mach es schwarz“.

Brian Jones spielt dazu eine indische Sitar, sie verleiht „Paint It Black“ eine markante Note, und Mick Jagger hat es einmal als eine Art türkisches Lied bezeichnet. Tatsächlich weist „Paint It Black“ Ähnlichkeiten auf mit Erkin Korays „Bir Eylül Aksami“. Wenn es sich dabei nicht um ein Plagiat handelt, dann zumindest aber um ein Stück kultureller Aneignung, gegen die inzwischen weithin schwere Vorbehalte als die Verletzung von Urheberrechten erhoben werden. Und wer wollte bestreiten, dass sich die Rolling Stones dessen schuldig gemacht haben, die Musik der Schwarzen nachhaltig in die Lebenswelt der Weißen eingepflanzt zu haben? Was aus großer Verehrung gegenüber dem aus Unterdrückung und Sklaverei hervorgegangenen Blues übernommen wurde, steht nun im Verdacht, bloß eine weitere Form der kulturellen Enteignung zu sein. Vielleicht rührt daher die Ambivalenz, die „Paint It Black“ seit jeher hervorgerufen hat?

Wer sich gestört fühlt, hat recht

Die Rolling Stones sitzen derzeit aber nicht auf der Anklagebank. Ohnehin wird vielen Verdachtsverfahren mit vorauseilendem Gehorsam und anderen Rückrufaktionen begegnet. Das jüngste Beispiel ist der Verzicht auf das Wort „schwarzfahren“ als umgangssprachliches Synonym für das Fahren ohne Fahrausweis in öffentlichen Verkehrsmitteln. Wobei die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) betonen, gar nichts zurückrufen zu müssen. „In offiziellen Schreiben oder Dokumenten der BVG sei das Wort noch nie verwendet worden“, so eine BVG-Sprecherin. Es sei schon immer vom „Fahren ohne gültigen Fahrschein“ die Rede gewesen.

Angeregt worden war der Verzicht auf das Wort „schwarzfahren“, das vermutlich aus dem Rotwelsch stammt und dort generell eine illegale Handlung beschreibt, für die die Delinquenten bevorzugt die Dunkelheit aufsuchten, von der Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland (ISD). Dass die Wortbedeutung ursprünglich nichts mit der Herkunft von Menschen zu tun hat, ist für Tahir Della von der ISD kein Grund, vom Dringen auf eine Sprachregulierung abzusehen. „Auch wenn Schwarzfahren überhaupt nicht rassistisch angelegt war, ist trotzdem die Wirkung bei Betroffenen, dass schwarz für etwas Negatives steht, für Kriminalität etwa oder Illegalität.“ Deshalb sei es sinnvoll, den Begriff nicht mehr zu nutzen.

Folgt man der Logik, dann wäre der Bann auch über die Schwarzarbeit, das Schwarzsehen usw. zu verhängen. Und was ist mit den eingängigen Codes der Farbsymbolik? Der als schwarze Musik bekannte Blues ist ja nicht gerade von unverbrüchlicher Positivität getragen.

Aber lustig machen zählt nicht, und ich sitze bereits in der Falle, wenn ich auf die Widersprüchlichkeit solcher Interventionen aufmerksam zu machen versuche. Und ich möchte mich auch gar nicht grundsätzlich gegen die Bemühungen um sprachliche Sensibilität sperren. Sie ist das Kostbarste, über das wir in sozialen Konflikten verfügen. Gerade deswegen trauere ich um den Schaden, den etwa Eugen Gomringers Gedicht „Avenidas“ genommen hat, weil es, aufgetragen an einer Hauswand in Mahrzahn-Hellersdorf, ungute Gefühle bei einigen Betrachtern ausgelöst hat und von der Wand verschwinden musste.

Als Alexandra das Z-Wort benutzte

In politischen Debatten und bei administrativen Entscheidungen hat sich das Prinzip durchgesetzt, bereits eine empfundene Störung als Störung anzusehen. Und zweifellos sollte dies kein Problem darstellen, wenn zwischen den gesellschaftlichen Akteuren Übereinkunft herrscht, wie man Dinge benennt und wie nicht.

Traurig stimmt indes der Fall der Moderatorin Katja Burkhard, die in einer RTL-Sendung das Wort „Zigeunerleben“ verwandt hatte und sich hernach dafür beim Zentralrat der Sinti und Roma entschuldigte. Traurig deshalb, weil der Mangel an sprachlicher Sensibilität umgehend geahndet zu werden scheint und jegliche Möglichkeit einer kulturellen Kontextualisierung eliminiert.

Noch ein Beispiel aus meiner musikalischen Sozialisation. Alexandras Lied „Zigeunerjunge“ aus dem Jahr 1967 war für meine kindlichen Ohren nicht zuletzt eine frühe Begegnung mit einer vom Freiheitssinn beseelten unbekannten Welt. „Die Wagen so bunt, die Pferdchen so zottig, sie zogen die Wagen so schwer“ singt Alexandra und deutet zugleich ein Begehren nach Ausbruch aus ihrer viel zu engen Welt an. Schon möglich, dass der Wunsch, mit dem fahrenden Volk, eine andere problematische Metapher, zu ziehen, eine paternalistisch-fremdenfeindliche Geste enthält. Ich bilde mir jedoch ein, dass die tief im kollektiven Unbewussten abgelagerten Sehnsuchtslieder der Alexandra mein Verständnis von Diversität, Anders- und Vielheit geprägt haben.

Über das, was wir aufgeben sollen und was wir behalten können, wird anders zu reden sein als in medial aufbereiteten Skandälchen über Mahnungen in der U-Bahn und verunglückte TV-Moderationen.